Je größer die zeitliche und räumliche Entfernung, desto stärker fällt oft die Idealisierung der lieben Verwandten aus: Was die reiche Tante aus Amerika in den Alltagsmythen der bundesdeutschen Nachkriegszeit galt oder die spendablen Geschwister aus dem Westen für den gewöhnlichen DDR-Bürger, das gilt die in São Paulo residierende Tieta für ihre Sippschaft im brasilianischen Kaff Agreste. Vor mehr als zwanzig Jahren wurde sie von ihrem Vater als Schlampe davongejagt, weil sie freimütig schon vor der Ehe von ihrem "Schmuckkästchen" Gebrauch machte; mittlerweile ist sie jedoch zu einer Art monetärer Schutzheiliger der Familie avanciert. Monatliche Schecks, ab und zu ein Brief, der in vagen, aber blumigen Worten von florierenden Geschäften und einer profitablen Eheverbindung kündet. Die Lieben daheim freuen sich.Der grobschlächtige Vater, zum zweiten Mal verheiratet, schafft seinen Anteil am Geldsegen auf die Seite, die verwitwete Schwester Perpétua nährt in ihrer bigotten Brust die Hoffnung, die verlorene Schwester werde ihre beiden Söhne zu reichen Erben machen. Doch siehe da: Eines Tages kündigt Tieta an, sie wolle in Begleitung ihrer Stieftochter leibhaftig in Agreste erscheinen. Was für ein Auftritt, dieser Besuch der neureichen mittelalten Dame: Ein roter Sportwagen wird mit Vollbremsung auf dem staubigen Dorfplatz plaziert, dann entsteigt sie mit blonder Perükke und organgem Designerfummel.Tieta erscheint auf den ersten Blick wie die typische Projektionsfläche aus einer Telenovela. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, daß hinter der Maskerade Sonia Braga steckt. Nach zwölf Jahren USA ist die brasilianische Schauspielerin in ihre Heimat zurückgekehrt. Back to the roots auch in künstlerischer Hinsicht: Nach "Dona Flor und ihre beiden Ehemänner" (1976) und "Gabriela" (1983) ­ den Filmen, die ihr international zum Durchbruch verhalfen ­ verkörpert die Braga in "Tieta" wieder die Hauptrolle in der Verfilmung eines Romans von Jorge Amado.Die Literaturvorlage "Tieta do Agreste" ist eine mal ausufernd-burleske, dann wieder geschliffen ironische Mischung aus Satire und Liebeserklärung an das kleinstädtische Leben in der Region Bahia. In der Verfilmung durch Carlos Diegues dominiert eindeutig die Lust am Dick-Aufgetragenen ­ sowohl in der Einfärbung der Dialoge als auch in der hyperbunten Optik, die wie eine Tuschkastenorgie ins Auge knallt. Ein Brasilien wie aus dem Bilderbuch, mit vollfettem Lokalkolorit, aber auch klischeehaften Einsprengseln von Werbeästhetik: weiße Strände, pittoreske Liebesnester am Meer Auch die Tatsache, daß nebenbei heftige Kritik an kleinbürgerlicher Doppelmoral, umweltzerstörerischen Machenschaften von Großkonzernen und anderen gesellschaftlichen Mißständen geübt wird, trübt das Gesamtbild demonstrativer Vitalität nur unwesentlich. Fast scheint es, als habe sich die erste Riege brasilianischer Kulturprominenz ­ neben Braga, Amado und Diegus waren auch der Musiker Caetano Veloso und der Schriftsteller João Ubaldo Ribeiro an dem Projekt beteiligt ­ bewußt zu einer konzertierten Aktion zusammengefunden, um nach Jahren ökonomischer Durststrecke, die das Filmschaffen quasi zum Erliegen brachte, sein derzeitiges Wiederaufleben so plakativ, populär und profitabel wie möglich zu feiern.Auch wenn psychologische Subtilitäten mit großzügiger Geste überpinselt werden und manche der Verwicklungen dramaturgisch durchsichtig bleiben: Nicht nur der sinnliche, sondern auch der komödiantische Eros sind ziemlich ansteckend. Sonia Braga ist eine Vollblut-Tieta: großmäulig und herzlich, ordinär und mondän, verletzlich und gnadenlos direkt in den Äußerungen ihrer (Lebens-)Lust. Ihre Tieta verkörpert eine Kraft, die ­ allein schon aus egoistischen Gründen ­ Gutes will und Chaos schafft. Man muß sie einfach lieben.Bettina Bremme