Der Tänzer Sylvin Rubinstein hatte göttliche Gaben. Seine Schönheit war augenfällig, übertroffen vielleicht noch von der seiner Schwester. Seine Liebe war innig, insbesondere die zu seiner Schwester. Sein Flamenco war glühend - wenn er ihn mit seiner Schwester auf die Bühne brachte. Rubinstein bereiste die Welt. Er tat das mit großem Gepäck (zwölf Teile), in teuren Maßanzügen, rahmengenähten Kalbslederschuhen und im Beisein eines kleinen Säckchens Brillanten. Das Beherrschen von ungefähr acht Sprachen war ihm dabei von Vorteil. Das Flamenco-Tanzpaar Sylvin und Maria Rubinstein wurde als "Imperio und Dolores" auf den berühmten Varietee-Bühnen gefeiert, es spielte am Broadway in New York, unter dem Sternenhimmel des Berliner Wintergartens und an allen einschlägigen Häusern Europas. Die Zwillinge Rubinstein, geboren 1914 als Kinder einer russisch-jüdischen Tänzerin und eines christlichen russischen Offiziers in Moskau, führten in den dreißiger Jahren ein himmlisches Dasein auf der Sonnenseite des Lebens, bevor sie danach die brutalen Winkel der Hölle ausschritten.Der Weg von Maria war der kürzere, er endete 1942 in einem Konzentrationslager. Rubinstein hat überlebt - das Warschauer Getto, ein Warschauer Gefängnis, einen Aufstand im Gefangenenlager von Jaslo, eine Zugfahrt zu den Leichenbergen in Lublin, ein Kellerversteck und Typhus. Er rettete todgeweihte Kinder in Polen, erschoss deutsche Judenjäger in Berlin und wurde selbst geschützt von einem deutschen Offizier. Später dann, nach dem Krieg, hat Sylvin Rubinstein in Erinnerung an seine Schwester Kleider angezogen und als "Dolores" in Hamburg-St. Pauli getanzt.So kurz zusammen-gefasst klingt alles nach einem billigen Drehbuch. So viel, will man gleich einwenden, kann ein Mensch nicht erleben in einem einzelnen Leben. Auch der Journalist Kuno Kruse ließ vorsichtige Zweifel anklingen, als er über Rubinstein erstmals vor zweieinhalb Jahren im "Spiegel" schrieb. Dann hat Kruse weiter recherchiert - er hat Archive durchsucht, geschichtliche Bücher gelesen, Augenzeugen befragt, und er ist mit Rubinstein an die Orte des Geschehens gereist. So wurde sein Buch "Dolores & Imperio" viel mehr als eine unerhörte Biografie, nämlich ein anschauliches und bewegendes Geschichtsbuch. Anschaulich, weil es Charaktere so lebendig werden lässt und Situationen dramatisch genau schildert, bewegend, weil immer Unerwartetes passiert und das erzählte Leben so viel Traurigkeit übrig lässt.Natürlich kommen deutsche Bestien vor. Offiziere, die beim Spazieren gehen im besetzten polnischen Krosno die Pistolen lose in der Tasche trugen und ständig gebrauchten. Einer hatte eine Vorliebe für junge Frauen, er winkte sie heran, legte den Lauf an und schoss. Ein anderer ließ gern jüdische Kinder und ihre Eltern in einer Reihe Aufstellung nehmen. Er erschoss zuerst die Kinder. Kruse beschreibt Judenverfolgung durch Polen und ukrainische Wachsamkeit gegen russische Gefangene unter deutscher Anleitung. Und er berichtet von deutschen Offizieren, die mit Soldaten Wandertheater gründeten, Mozart spielten und Menschen wie Rubinstein retteten.Sie halfen dem Juden zu überleben, aus seiner Hölle halfen sie ihm nicht. Die hat er eisern im Gedächtnis konserviert. Rubinstein führte nach dem Krieg ein umtriebiges Leben in Berlin, er war ein wendiger Schwarzmarkthändler, aber nachts, schreibt Kruse, hört er immer noch das Knallen von Stiefeln und erwacht von den Schreien der Sterbenden. Rubinstein trägt als tonnenschwere Last, dass er seine geliebte Schwester und grandiose Partnerin ("Wenn wir tanzten, wir waren ein Fuß. ") in Warschau allein hatte in den Zug steigen lassen. Er hat sie nie wieder gesehen, nicht seine Schwester, nicht seine Mutter, nicht seine Frau und die Kinder.Kuno Kruse hat die tragische Geschichte schlicht erzählt, ohne sie mit zusätzlichem Pathos zu belasten. Seine Sprache bleibt sachlich, findet oft schöne Bilder und meidet Gemeinplätze. Einen Reiz bezieht das Buch auch aus seinen Brüchen, etwa dem Hungergesicht des Krieges und dem weltstädtischen Schillern der alten Varietee-Stadt Berlin, für die Kruse ein Gefühl vermittelt. Ganz unverständlich bleibt allein, warum der Autor seinem Buch keine anständige, eine von heute aus betrachtende Chronologie gegönnt hat, sondern an dieser komplizierten Unordnung festhält.Kuno Kruse: Dolores & Imperio. Die drei Leben des Sylvin Rubinstein. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2000. 256 S. , 38 Mark.