BERLIN, 15. April. Der Sportmediziner Bernd Pansold, einer der sechs Angeklagten im Berliner Doping-Pilotprozeß, hat über das DDR-Dopingsystem gegenüber dem Ministerium für Staatssicherheit ausführlich Bericht erstattet. Pansold, von 1968 bis 1990 als Sportarzt in leitenden Positionen im SC Dynamo Berlin tätig, war von 1971 bis 1989 gleichzeitig Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi mit dem Decknamen "Jürgen Wendt". Pansolds Stasi-Berichte, die der Berliner Zeitung vorliegen, umfassen insgesamt 647 Seiten.Die Berichte, zu großen Teilen handschritftlich verfaßt, beschäftigen sich hauptsächlich mit Interna aus dem Bereich Sportmedizin und verschiedenen Sektionen des SC Dynamo. Pansold sammelte Informationen über mehr als 100 Personen, darunter die ebenfalls angeklagten beiden Trainer Rolf Gläser und Dieter Krause sowie den Mediziner Dieter Binus. Ebenfalls unter den Ausgespitzelten: Die Schwimmerinnen Sylvia Gerasch, Christiane Knacke-Sommer und Katrin Meißner sowie Gerd Eßer, der Trainer Franziska van Almsicks.Dynamo-PanoptikumPansolds Stasi-Beichten, die wegen der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen einige Zeit mit einem Sperrvermerk für die Öffentlichkeit versehen waren, vervollständigen das Bild über das flächendeckende DDR-Dopingsystem. Pansold wird wie den anderen Angeklagten die Vergabe männlicher Sexualhormone an Mädchen vorgeworfen ein Delikt der Körperverletzung. Pansold, der heute in Österreich am Olympiastützpunkt Obertauern tätig ist, war unter anderem viele Jahre Mitglied der berüchtigten Forschungsgruppe "Zulei" (Zusätzliche Leistungsreserven).Das DDR-Dopingsystem bezeichnete Pansold gegenüber seinem Stasi-Führungsoffizier bereits 1976 als "kriminelles Vergehen". Nach den Olympischen Spielen in Montreal wo das männliche Sexualhormon Testosteron laut "Jürgen Wendt" u. a. den minderjährigen Olympiasiegerinnen Petra Thümer und Hannelore Anke sowie Petra Priemer (alle Schwimmen) und Bärbel Wöckel (Leichtathletik) gespritzt worden war schrieb Pansold: "Unter einem Teil der Sportmediziner gibt es Äußerungen dahingehend, daß die durchgeführten Maßnahmen, speziell hinsichtlich der Sportlerinnen in gewissem Maße kriminellen Vergehen gleichkommen. Es wird die Frage aufgeworfen, inwieweit die Sportführung der DDR ... an einer gewissen Sauberkeit im Sport interessiert ist."An anderer Stelle notiert Pansold: "Die bisher angedeuteten Schädigungen (z. B. Krebs) sind gegenwärtig nicht schlüssig zu beweisen. Die grundsätzliche Möglichkeit einer längerfristigen Wirkung und Spätwirkung bleibt bestehen (Prostata-Carcinom, Lebercarcinom usw.). Für die sozialistische Gesellschaft stehen natürlich ethische Probleme, insbesondere im Frauenleistungssport stärker als im Kapitalismus. Deshalb kann in Zukunft der Sieg um jeden Preis bei den Frauen (Schwimmen, Kinder!!) ein Selbstschuß werden. Ansätze sind bereits zu erkennen."Doping bei der SpartakiadeBereits 1975 berichtete Pansold über die flächendeckende Anwendung anaboler Steroide an Teilnehmer der Zentralen Kinder- und Jugendspartakiade. Später beschäftigte sich der IM damit, die Hormon-Dosierungen "bei weiblichen Sportlern" zu verringern sowie die Altersgrenze für die Anabolikagabe zu erhöhen. 1978 berichtete Pansold dann über zahlreiche Dopingtests. So heißt es: "Die Trainingsgruppe von Eßer ist einbezogen in Testversuche zur Erprobung eines neuentwickelten anabolen Steroids durch den VEB Jenapharm unter der Bezeichnung STS 83." Auch wurden die Weltrekordlerinnen Andrea Pollack und Barbara Krause "Sondermaßnahmen" mit einem angeblich nicht nachzuweisenden Dopingmittel unterzogen. An anderen Schwimmerinnen wurde die Anwendung eines "Hirnhormonpräparates" getestet, "welches Fluchtreflexe auslöst und dadurch die Geschwindigkeit der Schwimmer beeinflußt".Andrea Pinske-Pollack soll am nächsten Montag im Berliner Landgericht als erste Zeugin vernommen werden. Außerdem wurde Christiane Knacke-Sommer geladen.