G lück, so heißt es, hat nur der Tüchtige. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin muß tüchtig gewesen sein. Die Erfolgsbilanz der vergangenen fünfzig Jahre unter nur vier Chefdirigenten kündet davon. Allerdings: Dem Orchester wurde in diesen Jahrzehnten nichts geschenkt, und oftmals stand es gar am Rande seiner Existenz. Mehrfach hat es den Namen gewechselt - und dennoch seinen Ruf bewahrt. Es hat hart an sich gearbeitet, nach Qualität gestrebt. Seine wechselvolle Geschichte spiegelt auch die Geschichte Berlins wider.Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Siegermächte die Stadt unter sich aufgeteilt. Das Funkhaus an der Masurenallee, obwohl nun im britischen Sektor gelegen, steht nach wie vor unter der Obhut der sowjetischen Besatzungsmacht. Von hier aus strahlt der Berliner Rundfunk seine Sendungen aus.Die Ätherwellenantwort der Amerikaner läßt nicht lange auf sich warten. Sie heißt DIAS - (Drahtfunk im amerikanischen Sektor). Bald nennt er sich RIAS, Rundfunk im amerikanischen Sektor - eine freie Stimme der freien Welt. Sein prägnantes Pausenzeichen dringt weit in die Lande.Was ihm jedoch fehlt, sind sendefähige Archivbestände mit "ernster" Musik. Ein Orchester muß unbedingt her, um den Bedarf zu decken. Walter Sieber, Leiter der Musikabteilung, hört sich alles an, was Streichen und Schlagen kann - und auch darf. Schließlich ist die Entnazifizierung ja noch im vollen Gange. Am 15. November 1946 schließlich wird das RIAS-Symphonie-Orchester Berlin gegründet. Unter Sieber spielt die zusammengewürfelte Truppe alles, was gebraucht wird: unterhaltsame Musik, Werke von Mozart bis Tschaikowsky, vor allem aber neue Musik. Und jene, die unter den Nazis verboten war. Wie beispielsweise die Mendelssohn-Bartholdy.In mühevoller Arbeit formt sich ein Klangkörper, der am 7. September 1947 im Titania-Palast sein erstes öffentliches Konzert geben kann. Gäste wie Karl Böhm und Eugen Jochum, Paul Sacher und Antal Dorat kommen, verleihen den folgenden Konzerten Glanz und Ausstrahlung. Doch ein Chefdirigent muß her.Elsa Schiller, für die E-Musik des Senders zuständig, entdeckt ein Jahr später bei den Salzburger Festspielen einen noch weithin unbekannten, jungen ungarischen Dirigenten namens Ferenc Fricsay. Sie sorgt dafür, daß er - mitten in der Blockade-Zeit - nach Berlin kommt. Als Generalmusikdirektor der Städtischen Oper und als Chefdirigent des RIAS-Symphonie-Orchesters.Zunächst gibt Fricsay am 3. November 1948 sein Berlin-Debüt mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester. Fünfzehn Tage später dirigiert er die Premiere von Verdis "Don Carlos" an der Städtischen Oper mit dem Debütanten Dietrich Fischer-Dieskau als Posa. Am 12. Dezember steht sein Name dann erstmals auf dem Programmzettel des RIAS-Symphonie-Orchesters. Wenig später unternimmt er noch einen dirigentischen Ausflug zur philharmonischen Konkurrenz, der jedoch ohne Folgen für die Pläne von Sender und Operninstitut bleibt. Am 17. Dezember 1948 unterschreibt Ferenc Fricsay den Vertrag für beide Chefpositionen. Und gleich noch einen Exklusiv-Kontrakt mit der Deutschen Grammophon Gesellschaft. Die Weichen sind gestellt.Angezogen von der Faszination Fricsays stoßen alsbald Musiker vom Rundfunk-Sinfonieorchester, von der Staatskapelle und vom Leipziger Gewandhaus hinzu. Durch ihre Spielkultur beeinflussen sie ganz entscheidend das künstlerische Niveau des jungen Orchesters.Dessen Aufgaben werden von Funkproduktionen, Schallplattenaufnahmen, Sinfoniekonzerten bestimmt. So ist es übrigens bis heute geblieben.Als Proben- und Präzisionsfanatiker prägt Fricsay zwischen 1949 und 1954, dann wieder von 1959 bis zu seinem frühen Tod 1963 das Orchester zu einem international vielbeachteten Ensemble. Seine Devise lautete: "Wenn jedes Konzert und jeder Opernabend nicht ein kleiner Gottesdienst sein kann, bin ich nicht erfüllt. Der musikalische Priester, der nicht mit diesen Voraussetzungen an die heilige Schrift der Partituren Beethovens, Mozarts herangeht, wird seinen Gläubigen Gefühle nicht wecken können." Fricsay kann. Und auch seine Bartok-und Kodaly-Aufführungen werden zu Höhepunkten des Berliner Musiklebens.Ende 1952 fällt Regierungsstellen in Washington auf, daß der RIAS über das einzige aus öffentlichen US-Mitteln finanzierte Orchester verfügt. Sofort stellt man die Subventionen ein, kündigt den Musikern. Diese nehmen ihre Geschicke in die eigenen Hände, gründen ein Jahr später eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Das Überleben scheint vorerst gesichert.Die amerikanische Plattenfirma Remington vergibt Aufnahmeverträge. Vom RIAS, NWDR und dem neugegründeten SFB erhalten die Musiker feste Produktionszusagen. Doch von denen können sie nicht leben. 1956 kommt es zur Umbenennung in Radio-Symphonie-Orchester Berlin (RSO) und zur Gründung einer GmbH. An der beteiligen sich allerdings erst in den siebziger Jahren auch der Bund und das Land Berlin. Erster Intendant wird Wolfgang Stresemann, der jedoch bald zu den Philharmonikern überwechselt. Wie sich die Bilder gleichen. Anno 1996 geht wiederum ein Orchesterprinzipal - Elmar Weingarten - den gleichen Weg.Zwischen dem Berliner Philharmonischen Orchester und dem RSO entwickelt sich alsbald ein künstlerischer Konkurrenzkampf. Während sich jene verstärkt dem klassisch-romantischen Repertoire verpflichtet fühlen, entdeckt das RSO zunehmend Neues. +++