VON CORNELIA GEISSLERNatürlich ist Katja Lange-Müller zum verabredeten Zeitpunkt zu Hause. Sie hat nur die Klingel nicht gehört. "Ich bin die pedantischste Schlampe, die ich kenne", wird sie später sagen, sie liebt drastische Sätze. Pedantisch ist sie vor allem in ihrer Arbeit am Text. Was sie schreibt, überwacht sie kritisch sogar das Schriftbild: "Als ich noch keinen Computer hatte, habe ich jede Seite so lange abgeschrieben, bis kein Tippfehler mehr drauf war." Unordentliche Manuskripte, einzeilig und bis an den Rand beschrieben, machen sie nervös. Sie hat Schriftsetzer gelernt, einen Beruf, den es heute nicht mehr gibt, der aber für immer den Blick lenkt auf das Gesicht einer Seite, die Gestaltung eines Buches.Zurzeit liest sie oft fremde Manuskripte. Am Leipziger Literaturinstitut übt sie mit Studenten das Handwerk des Schreibens. Eine Metapher erklärt sie ihnen etwa so: "Ich könnte Knochen kotzen, zum Beispiel. Schreibt man nun ,Knochen quer kotzen , ist das eine Metaphern-Erweiterung, sie wird noch farbiger, drastischer. Besser ist natürlich: Kotelettknochen kotzen. Da kann man sich vorstellen, wie eklig das ist." Katja Lange-Müller hat selbst am Literaturinstitut studiert. Da trug es noch den Namen Johannes R. Becher im Titel. Wenn sie jetzt jeden Freitag nach Leipzig fährt, unterbricht sie die Arbeit an einem Roman, der in der untergegangenen Welt einer kleinen Druckerei spielt. Es könnte ihr dickstes Buch werden, denn bislang hat sie nur Erzählungsbände veröffentlicht "Wehleid wie im Leben", "Kasper Mauser Die Feigheit vorm Freund" und zwei längere, miteinander verbundene Prosastücke: "Verfrühte Tierliebe" ihr bisher bestes Buch. Sie bringt das Kunststück fertig, Alltags- und Hochsprache so zu verflechten, dass ein neuer, stimmiger Ton entsteht. Was komisch scheint, ist zugleich traurig, was tragisch wirkt, hat zugleich Witz. In ihren Büchern sprechen Menschen miteinander, die eigentlich nicht miteinander kommunizieren können. Aus kleinen Missgeschicken ihrer Helden werden große Katastrophen. Realistisch schreibt sie nicht, und doch enthalten ihre Geschichten Elemente des realen Lebens, die zu Identifikation und Mitleid einladen. Ist der Leser allerdings so weit gekommen, dass er sich in Sicherheit wiegt, durch einen munteren Erzählfluss erheitert, wird er durch eine frappierende Wendung vor den Kopf gestoßen. Die bitterkomischen Geschichten sind das Ergebnis selbstquälerischer Arbeit. Als Schriftstellerin zählt Katja Lange-Müller sich zu den "Reduzierern", für die Schreiben ein Widerstand ist, die das, was sie zu bewältigen haben, nur schreibend bewältigen können. Autoren, "die jeden Tag fünf, sechs Seiten voll klieren, so wie andere Leute rauchen müssen", sind ihr suspekt, sagt sie und zündet sich eine Zigarette an. Ihre Sucht heißt Rauchen, nicht Schreiben. "Ich kann solche Distanz zu meinem eigenen Text entwickeln, dass ich genau sehe, wo er nicht funktioniert. Wie ein Esel bleibe ich an jedem Satz so lange, bis er fertig ist." Da fällt die Bemerkung von der pedantischen Schlampe, die gleichzeitig ihren unordentlichen Lebenslauf ironisieren soll. In ihrem Arbeitszimmer liegen unzählige Stapel mit Papier, Zeitschriften, Büchern säuberliche Stapel, keine Haufen. Akribisches Aufräumen genieße sie. "Das brauche ich, so wie die Turner, wenn sie vom Barren geklettert sind, noch ein paar Hampelmänner machen müssen, um wieder runterzukommen, um das Adrenalin langsam abzubauen." Wer sollte den Literaturstudenten erklären, wie man Metaphern bildet, wenn nicht sie?Dass sie die Klingel nicht gehört hatte, liegt nicht an ihr. Der Mann aus dem Telefonladen im Nebenhaus hat einen Schlüssel. Er muss öfter mal aufschließen, wenn die Anlage nicht funktioniert. "Dit is eben Wedding", sagt Katja Lange-Müller, wie sie alles berlinernd sagt. Sie wohnt in einer ruhigen Straße, die große Wohnung hat "zwei Balkönger" und ist bezahlbar, weil sie eben nicht in den Szenebezirken Prenzlauer Berg oder Mitte liegt, wo die Reporter das junge literarische Berlin suchen. Sie muss nicht in Trendartikel gestopft werden. Ihre sehr eigene Stimme ist ein Begriff, seit sie 1986 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hatte. Als man sie damals unter "Frauenliteratur" ablegen wollte, hatte sie sich geärgert. Das Attribut "DDR-Autorin" hängte man ihr nie an, weil sie in der DDR nur eine Erzählung in der Zeitschrift "neue deutsche literatur" und ein Gedicht in einer Anthologie veröffentlicht hatte. Dabei waren die Voraussetzungen so, dass sie eine mustergültige DDR-Biografie hätte haben können. Sie war ein Funktionärskind: Als sie geboren wurde, arbeitete ihre Mutter Inge Lange hauptamtlich bei der FDJ, 1961 kam sie zum Zentralkomitee der SED, seit 1973 gehörte sie als Kandidatin zum Politbüro.Ihre Mutter habe sie kaum kennen gelernt, erzählt Katja Lange-Müller. Um sie und ihre Schwester hatte sich meist die Großmutter gekümmert. Die hatte mit den Kommunisten nicht mehr viel am Hut, seit ihr Mann, kaum aus dem Krieg zurück, in einem Handgemenge erschossen worden war. Das Projektil stammte aus einer Waffe der Roten Armee. "Als meine Oma dann nicht mehr ganz bei Sinnen war und im Altersheim lebte, sagte sie manchmal zu meiner Mutter: Pass auf Inge, versteck dich, die finden dich. Ihr seid nicht mehr lange an der Macht." Jeden zweiten Abend sei damals ihre Mutter zu den alten Leuten gegangen und habe ihnen Melodien auf dem Schifferklavier vorgespielt, stundenlang. "Gewisse soziale Instinkte und Talente hatte sie ja." Für ihren Vater findet sie keine warmen Worte. Er war Redakteur beim "Neuen Deutschland", wurde degradiert zum Leiter einer Betriebszeitung, kam dann in die Staatliche Plankommission, wurde stellvertretender Intendant des DDR-Fernsehens, wiederum degradiert zum Chefredakteur der Fernsehzeitschrift "FF dabei". Er hat seine Probleme immer im Alkohol ertränkt. "Von meinem Vater kann ich nur sagen, dass er ein sehr schwacher und unangenehmer Mann war, der auch verhasst war, was man spürte." Sie spricht nicht gern über diese Zeit, und sie schreibt nicht darüber. Ihre Bücher haben nur insofern mit der DDR zu tun, als ihre Figuren ein problematisches Verhältnis zu den durch die Gesellschaft diktierten Normen haben.Anfang der 10. Klasse flog Katja Lange-Müller "wegen antisozialistischer Äußerungen" von der Schule ("Ich glaube, ich habe Walter Ulbricht nachgemacht."), musste sich selbst eine andere Schule für den Abschluss suchen. An der Betriebsberufsschule Rudi Arndt wurde sie dann zum Akzidenzsetzer ausgebildet. Sie bewarb sich bei der "Berliner Zeitung" und glaubt, dass sie auch deshalb eingestellt wurde, weil es schwierig war, die Tochter von Inge Lange nicht zu nehmen. Es war der Zeitpunkt, da ihr Leben wieder in geordnete sozialistische Bahnen hätte laufen können.1969 war sie zu Hause ausgezogen und hatte eine Wohnung im Berliner Scheunenviertel besetzt. Da war sie achtzehn Jahre alt. In jener Zeit wurde sie bereits von der Staatssicherheit beobachtet, ebenso wie 52 andere Jugendliche, die sich mehr oder weniger regelmäßig in der Mocca-Milch-Eisbar an der Karl-Marx-Allee trafen. Nina Hagen, Bettina Wegner und die Söhne Robert Havemanns gehörten auch zu diesem Kreis, der bei der Stasi als Operativer Vorgang "Diskussionsklub" geführt wurde.Katja Lange-Müller hat keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie. Als ihr Vater vor zwei Jahren starb, hat ihre Mutter ihr mitteilen lassen, dass sie nicht käme, wenn sie sich einfallen lassen sollte, zur Beerdigung zu gehen. Sie wäre ohnehin nicht gegangen.Eine Schriftstellerlaufbahn, die in einer Zeitungsredaktion beginnt, ist nichts Seltenes. Diese Autorin aber behauptet: "Wenn mir bei der ,Berliner Zeitung einer gesagt hätte, ich würde eines Tages Erzählungen schreiben, den hätte ich für verrückt erklärt. Ich war der faulste Drückeberger der Redaktion. Faul, unpünktlich, nicht kollektivfähig." Anpassungsschwierigkeiten hat auch ihre Erzählerin-Figur im Buch "Verfrühte Tierliebe". Als Schülerin, die dem Biologielehrer imponieren will, bastelt sie aus wertvollen präparierten Käfern neue Insektenwesen zusammen, was ihr als Betrugsversuch und "Verrat an der Wissenschaft" ausgelegt wird.Katja Lange-Müller kündigte bei der Zeitung und bewarb sich als Hilfspflegerin in der Psychiatrischen Abteilung der Charité. Diesen ungewöhnlichen Schritt kommentierte die Oberschwester nach einem Blick in ihre Unterlagen so: "Sie haben einen gewissen Hang zur Tendenz einer rückläufigen Kaderentwicklung." Bald wechselte sie zum Krankenhaus Herzberge. Da kamen Menschen mit ähnlich komplizierten Kaderentwicklungen zusammen, Personal wie Patienten. Und manche Paranoia habe sich nach der Wende bloß als genaue Beobachtung herausgestellt. "Doch mit der Diagnose vom Psychiater ist den Leuten weniger passiert, als wenn sie weiter herumgelaufen wären und behauptet hätten, Wanzen im Küchenschrank oder in der Lampe entdeckt zu haben." Als sie im November 1976 die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterschrieb, habe sie das einzige Mal im Leben bewusst als Funktionärskind gehandelt. "Ich wusste, dass es egal ist, was die Hilfsschwester Katja macht. Wenn aber die Tochter von Inge Lange unterschreibt, hat das ein Gewicht." Am Literaturinstitut wurde sie als Katja Müller immatrikuliert. Ihr (zeitweiliger) Ehemann Wolfgang Müller, Heiners Bruder, hatte einige ihrer Texte abgetippt und ohne ihr Wissen aber in ihrem Namen nach Leipzig geschickt. Als man entdeckte, dass sie mit jener identisch ist, die drei Jahre zuvor die Biermann-Petition unterschrieben hatte, wurde der Direktor des Instituts persönlich verpflichtet, die problematische Studentin zu beaufsichtigen. Sie beschreibt Max Walter Schulz als einen väterlichen Menschen. "Er hatte versucht, eine Art Käseglocke über dem Ganzen zu halten. Jeder, der fünf und fünf zusammenzählen kann, wusste, dass er für die Stasi arbeitet, wenn er sagte: ,Ich muss Sie beaufsichtigen. Jedes Wort, das hier gesprochen wird und nicht konform ist, wird weiter geleitet. " Sie habe sich damals "relativ anständig benommen". Relativ ihre Lesungen in Kirchen wurden genauso (stasi-)aktenkundig wie ihre Veröffentlichungen in inoffiziellen Zeitschriften. Im letzten Studienjahr kamen Abgesandte des Kulturministeriums ans Institut und warben für ein Praktikum im sozialistischen Ausland; von Kuba und Angola war die Rede. Ein Jahr später wurde Katja Lange-Müller in die Mongolei "delegiert". Joachim Walther merkt unter Berufung auf ihr Beispiel in seinem Buch "Sicherungsbereich Literatur" an, dass solche "Studienreisen" offenbar ein neues Instrument des Ministeriums für Staatssicherheit waren, "um die Szene der nonkonformen Nachwuchsschriftsteller zeitweise auszudünnen". Statt in eine Druckerei, wie ihr angekündigt war, kam sie in Ulan-Bator in die Teppichfabrik Wilhelm Pieck. "Ich hätte auch ins Fleischkombinat Ernst Thälmann gehen können." Dass sie auch dort nicht alle Regeln einhielt, tolerierten die anderen "Dederonis", wie sie die DDR-Bürger nennt. Einen Teppich hat sie sich nicht aus der Mongolei mitgebracht. Für deren Herstellung wurde zu viel totes Haar verwandt: "Nach einem halben Jahr sahen unsere Teppiche wie räudige Hundefelle aus."Wieder in der DDR, schlug auch der letzte Einordnungsversuch fehl. Katja Lange-Müller arbeitete im Lektorat des Altberliner Verlages, schickte aber eigene Texte an den S.Fischer Verlag in Frankfurt am Main. Als ihr dafür "Konsequenzen" angedroht wurden, zog sie die Ausreise vor. So kam sie Ende 1984 nach West-Berlin. Sie hatte etwa 50 Seiten Geschriebenes dabei, einschließlich Tagebuchnotizen. Ein "Spiegel"-Redakteur bot ihr 60 000 Mark für 30 Zeilen über Wandlitz. Das Geld hätte sie gebrauchen können, allein das Genre, die Schlüssellochperspektive, lag ihr nicht."Der Rest ist bekannt", sagt sie. Bekannt sind ihre Auszeichnungen. Kaum war ihr erstes Buch erschienen, bekam Katja Lange-Müller den Bachmann-Preis für einen Text aus dem nächsten; noch bevor "Verfrühte Tierliebe" veröffentlicht war, erhielt sie den Alfred-Döblin-Preis dafür; das bisherige Gesamtwerk wurde 1996 mit dem Berliner Literaturpreis geehrt. Sie war Stadtschreiberin in Bergen-Enkheim und Minden. Sie ist jetzt 48 Jahre alt. Wer wie Katja Lange-Müller das Erzählbare auf das einzig zu erzählen Notwendige reduziert, muss sich an die Gesetze des Literaturbetriebs anpassen und sein Geld auch damit verdienen, vor wechselndem Publikum aus dem jeweils neuesten Buch zu lesen. Sie reist gerade wieder mit dem "Flohzirkus", sagt sie, wenn sie wieder in eine Stadt unterwegs ist, von der sie nur den Bahnhof, eine Buchhandlung und ein Hotel kennen lernen wird in der sie aber immerhin "ein paar Leser besichtigen" kann."Wenn aber die Tochter von Inge Lange die Petition unterschreibt, hat das ein Gewicht. " Katja Lange-Müller

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