BERLIN/HALLE, im Januar 2004. Es ist morgens früh kurz vor neun Uhr. In Halle 23b auf dem Berliner Messegelände duftet es am Stand der Firma Kathi nach frisch gebrühtem Kaffee und süßem Teig. Hinter dem Tresen wuselt schon Rainer Thiele und sorgt zusammen mit seinem Enkel dafür, dass die ersten warmen Waffeln rechtzeitig fertig werden. Was die meisten Besucher der Grünen Woche nicht wissen: Rainer Thiele ist der Kopf des traditionsreichen ostdeutschen Unternehmens Kathi aus Halle an der Saale. "Viele Chefs", hebt der Chef an, "sind nicht persönlich hier. Doch ich habe eine andere Philosophie. Ich möchte ein Vorbild sein", sagt der 60-Jährige. "Mir ist der Kontakt mit den Menschen, die unsere Produkte kaufen, äußerst wichtig. Eine Verbrauchermesse wie die Grüne Woche ist für mich Marktforschung zum Nulltarif." Klangvolle Namen tragen die Kuchen der Kathi Rainer Thiele GmbH: Schokoladen-Zauber, Kirsch-Melodie oder Apfel-Finesse. Insgesamt 53 Produkte vertreibt das Unternehmen inzwischen. Außer Kuchen, Torten und Plätzchen gibt es zudem Herzhaftes wie Ciabatta-Brot oder Pizza-Teig. Ein Renner waren die Backmischungen bereits zu DDR-Zeiten. "Selbst die ungeschickteste Hausfrau konnte sich schon damals damit einen schmackhaften Kuchen backen", sagt Thiele. Das Tortenmehl ist das ältestes Kathi-Produkt. Lange Zeit gab es etwas Vergleichbares im Westen Deutschlands nicht zu kaufen. Erst 1970 hat die Firma Kraft die ersten Backmischungen auf den westdeutschen Markt gebracht. Dr. Oetker folgte zwei Jahre später. "Kathi hat das Fertigtortenmehl dagegen seit Firmengründung 1951 in seinem Sortiment", erzählt Rainer Thiele stolz. Gestreckte LeberwurstDie Idee der Backmischungen ist nach dem Zweiten Weltkriegs aus der Not heraus entstanden. Die Menschen waren ausgehungert und so kam 1949 die Erfindung einer "gestreckten" Leberwurst von Thieles Mutter Käthe genau zur richtigen Zeit. Es war das Rezept für eine Brotaufstrichpaste, die mit Leberwurst und würzigen Zutaten verlängert wurde. Weitere Kreationen für Kuchen, Kloßmehle, kochfertige Suppen und Soßen sollten folgen. Damit legte Käthe Thiele zusammen mit ihrem Mann Kurt vor mehr als 50 Jahren den Grundstein für das Familien-Unternehmen, das am 31. März 1951 unter dem Namen Kathi Nährmittelfabrik Kurt Thiele ins Handelsregister der DDR eingetragen wurde. Die Bezeichnung Kathi leitet sich aus den Anfangsbuchstaben von Ka-ethe Thi-ele ab.Produziert wurde zunächst in mehreren Garagen. "Ein Silicon Valley gab es schon 1951 - und zwar in Halle", sagt Rainer Thiele und lacht dabei über seinen schiefen Vergleich. Und das Privatunternehmen entwickelte sich für DDR-Verhältnisse in den Anfangsjahren gut, trotz zahlreicher Mängel. "Gab es Mehl, war kein Zucker da. Gab es Zucker, fehlte Stärke," erinnert sich Rainer Thiele. Doch die Eigeninitiative wurde der DDR-Führung ab 1957 zu viel und Kathi musste eine staatliche Mehrheitsbeteiligung hinnehmen. Das Sortiment wurde zwangsweise auf eine Produktgruppe beschränkt. Thieles entschieden sich für die Backmischungen. Das bedeutete gleichzeitig das Ende der Suppen und Soßen.Damit gab sich der Staat jedoch noch nicht zufrieden. Von 1965 an durfte Kathi seine Produkte nicht mehr ins westliche Ausland wie Schweden und Norwegen exportieren. "Über Umwege gelangte unser Tortenmehl damals sogar in westdeutsche Großbäckereien", berichtet Thiele. Allerdings nicht unter dem Namen Kathi.Der 60-jährige Firmenchef hat viele Höhen und Tiefen des Unternehmens miterlebt. Der gebürtige Münchener tritt gleich nach seinem Abitur 1963 in die elterliche Firma ein. Ein wirtschaftswissenschaftliches Fernstudium absolvierte er an der Universität Leipzig. Nach der Wende reprivatisiert Thiele Kathi erfolgreich und führt die Firma von 1991 an in die Marktwirtschaft. Für diese Leistung und sein soziales Engagement in der Region Halle erhielt er 1999 sogar das Bundesverdienstkreuz am Bande.Trotz der später sogar vollständigen Enteignung von Kathi im Jahr 1972 sind die Backmischungen der Bevölkerung, besonders im Osten Deutschlands, bis heute ein Begriff geblieben. Über 90 Prozent der Menschen in den neuen Bundesländern kennen Kathi. "Im Osten Deutschlands haben wir einen Marktanteil von mehr als 40 Prozent", sagt Thiele. Auf ganz Deutschland bezogen liegt der Wert bei zwölf Prozent. Damit ist Kathi nach Dr. Oetker die Nummer zwei auf dem bundesdeutschen Markt für Backmischungen. Auch im Westen der Republik sind Kathi-Produkte in immer mehr Supermärkten präsent, wie beispielsweise bei Real, Edeka oder Kaisers.In der 1994 fertiggestellten neuen Produktionshalle läuft alles automatisch und computergesteuert ab. Von den einzelnen Backzutaten ist nichts zu sehen. Lediglich ein süßlicher Geruch von Zitrone und Schokolade wie auf einem Weihnachtsmarkt liegt in der Luft. Ein weit verzweigtes Röhrensystem befördert per Druckluft die Grundstoffe Mehl, Zucker sowie Stärke und presst sie unter lautem Getöse in die Verpackungen, die später in den Supermarkt-Regalen stehen. "German Streusel" für die USAEtwa 15 Minuten dauert das Mischen einer Packung. Im Ein-Schicht-Betrieb werden auf diese Weise pro Tag zwischen 50 000 und 60 000 Backmischungen gefüllt.Und es werden fast täglich mehr. Unter dem Namen "Potato Bread" (Kartoffel Brot) oder "German Streusel" (Streuselteig) exportiert Kathi seine Produkte inzwischen bis nach Australien, Hongkong und in die USA. "Wir wachsen Schritt für Schritt", sagt Rainer Thiele. Mit rund 80 Mitarbeitern, davon 14 Auszubildenden, hat Kathi im Jahr 2003 insgesamt 17 Millionen Euro umgesetzt. Nach der Reprivatisierung 1991 waren es gerade mal 1,8 Millionen Euro. "Seit diesem Tag waren wir kein einziges Mal in den roten Zahlen", bilanziert Thiele.Nach zwölf Jahren an der Spitze des Unternehmens will Rainer Thiele jedoch allmählich die Verantwortung für sein Lebenswerk an seine Kinder übertragen. "An meinem 60. Geburtstag habe ich meinen letzten Fünf-Jahres-Plan aufgestellt", sagt der Firmenchef und ironisiert damit die Planwirtschaft der DDR. Doch auch nach Umwandlung von Kathi in eine Aktiengesellschaft wird Rainer Thiele die strategische Führung im Hintergrund in seinen Händen halten.Das Emblem von Kathi erinnert an Werbung aus den 50er-Jahren. Rainer Thieles Mutter Käthe hatte in den Nachkriegs-Hungerjahren Erfolg mit einer "gestreckten" Leberwurst.THOMAS UHLEMANN Mit Backmischungen zum Erfolg: Kathi-Chef Rainer Thiele auf dem Werksgelände in Halle.