Ausbrecherkönig Ekke Lehmann steht wegen Volksverhetzung vor Gericht: Ekke genießt

Ekke Lehmann kommt. Links ein Wachtmeister, rechts ein Wachtmeister, vor ihm Blitzlichter von Kameras und in der Mitte er: Berlins Ausbrecherkönig und Herzensbrecher. Ekke Lehmann lächelt und genießt. Er trägt einen königsblauen Jogginganzug aus glänzender Chemie, weiße Socken und Turnschuhe. Lehmann trägt immer Turnschuhe. Er sagt, "ich kann wegen meiner Füße keine anderen Schuhe tragen". Vielleicht liegt es an den Ausbrüchen. Elf Mal ist Lehmann aus Gefängnissen geflohen. Auch barfuß. Einmal kletterte er ohne Schuhe die Gefängnismauer hoch und floh übers Dach. Seit Jahrzehnten macht er Schlagzeilen. "Ausbrecher narrte 100 Polizisten", titelte "Bild" etwa 1970, als Lehmann im Strandbad Wannsee entdeckt wurde und dann mit einem Segelboot floh. Mit seinen elf Ausbrüchen steht er im Guinness-Buch der Rekorde, kürzlich schrieb er seine Memoiren. Die Frauen lagen ihm angeblich zu Füßen: Die Sozialarbeiterin Johanna, die ihn in Tegel betreute, holte ihn mit dem Auto zu einem Kurzurlaub ab und war mit ihm verschwunden. Ingjerd, Frau eines schwedischen Justizbeamten, ließ sich scheiden und fuhr Lehmann hinterher. Er hatte zuvor ihren Mann bestochen, um auf der Ladefläche eines Lkws in einem Wäschesack zu fliehen. Und Polizistin Bettina half ihm bei einem Raub und verlor ihren Job. Lehmanns Ruhm reicht so weit, dass ihn sogar Schauspieler wie Ben Becker in der Haft besuchen. Es stört wenig, dass Lehmann ein Gewalttäter ist, ein Räuber, ein Vergewaltiger, der 23 Jahre seines Lebens hinter Gittern verbrachte.Am letzten Freitag erst begann wieder ein Prozess vor dem Landgericht. Lehmann soll den Tresor eines Lokals ausgeraubt haben. Vier Tage später steht er wegen Volksverhetzung vor dem Amtsgericht. In der Anklageschrift heißt es, Eckehard Wilhelm August Lehmann "wollte den türkischen Bevölkerungsteil in Deutschland beschimpfen". "Ausländer raus" und "wir brauchen einen neuen Hitler", soll Lehmann im Juni 1999 durch die Hasenheide gebrüllt haben. Dann soll er mit einer Pistole auf fünf Türken gezielt und ein Messer mehrfach langsam über seine Zunge gezogen haben. Solche Vorwürfe passen nicht ins Bild vom charmanten und witzigen Verbrecher. Das muss auch der 53-jährige Lehmann wissen. Brav sitzt er vor der Richterin und spricht nur von "ausländischen Mitbürgern", wenn er seine türkischen Nachbarn meint. Er kann das mit den "Mitbürgern" nicht oft genug wiederholen. Ansonsten beteuert er seine Unschuld. Das mit den Hitler-Rufen "war ich 100-prozentig nicht", sagt Lehmann. Denn schon allein wegen seiner Kinder gehe er "prinzipiell nie in einen Park". In die Hasenheide schon gar nicht. "Dort, wo ich wohne, gibt es viel zu viel Kriminalität", sagt Lehmann. Dabei muss er nur "aus dem Fenster fallen", wie er sagt, schon liege er in der Hasenheide drin. Mitten im Neuköllner Kiez wohnt der Anstreicher Parterre auf 108 Quadratmetern. Zusammen mit einer Frau, die er "meine Verlobte" nennt. Mit ihr hat er drei Kinder. Eine Tochter ist jetzt viereinhalb, die Zwillinge sind fast zwei. Zu Hause an der Hasenheide trägt Lehmann auch immer Jogginghosen und ein ärmelloses Shirt. Dort wird auch hin und wieder "gepokert", etwa wenn sein polnischer Freund Josef, dessen Nachnamen er sich nicht merkt, mit "zwei, drei Flaschen Kognak" auf Besuch kommt. Wie er sich denn fühle, wenn die Flaschen leer sind, wird Lehmann vom Staatsanwalt gefragt. Er antwortet: "Wie ein Familienvater eben, der einen über den Durst getrunken hat."Wenn die Flaschen leer sind, kann es passieren, dass Ekke Lehmann nicht mehr genau weiß, was er tut. Dann kann es gut sein, dass er zu den Nachbarn "Kanaken" sagt. "Aber das ist für mich kein Schimpfwort." Wie er angeblich überhaupt nichts gegen "ausländische Mitbürger" hat. "Meine Verlobte ist selbst aus Polen." Das ist insofern von Bedeutung, weil Lehmann angeblich zum Zeitpunkt der Tat gar nicht in Neukölln, sondern bei Freunden seiner Verlobten in Polen war. "Halb Polen kann das bezeugen", sagt er. Und zählt auf: "Ein Marek, ein Bogdan, ein Daniel, eine Renata."Nach einer Stunde wird sein Prozess auf unbestimmte Zeit vertagt. Die Zeugen, die Lehmann mit der Pistole bedroht haben soll, werden nicht mehr gehört. Die Richterin sagt, es seien noch weitere Ermittlungen notwendig. "Eine Vielzahl von polnischen Mitbürgern müssen als Zeugen gehört werden." Dass Marek, Bogdan, Daniel und Renata gar keine "Mitbürger" sind, fällt der Richterin nicht auf. Sie benutzt die gleichen Worte wie Lehmann. Der Selbstdarsteller hat es wieder einmal geschafft.DIRK LÄSSIG Eines der wenigen Fotos von Berlins Ausbrecherkönig Ekke Lehmann vor Gericht. Er stand am Dienstag wegen Volksverhetzung vor dem Richter.