Budapest - Liebe ist eben Liebe. Und weil das so ist, war das Erste, was sich Eva Fahidi nach dem Krieg gekauft hat, nicht etwa ein neues Kleid oder ein Topf. Sie erwarb die Texte sämtlicher Wagner-Opern. „Dort stehen sie“, sagt die 87-Jährige. Sie geht zum Bücherregal zwischen den beiden hohen Fenstern ihres Wohnzimmers und zieht einen Band heraus.

Die Seiten der Sammlung sind angegilbt, die Buchstaben in gotischer Frakturschrift. „Ich liebte die Musik und vor allem die mythischen Geschichten schon als Kind. Und die Liebe, die vergeht nie.“ Sie war mit ein Grund dafür, dass die Ungarin bereits als Kind die deutsche Sprache gelernt hat.

Ihrer Liebe hat Eva Fahidi nie den Rücken gekehrt. Gründe hätte es mehr als genug gegeben. Ist die Sprache des Komponisten doch auch die der nationalsozialistischen Mörder, die die Jüdin mit Hunderttausenden ihrer Landsleute gefangen und nahezu alle barbarisch umgebracht hatten.

Eva Fahidi sitzt sehr aufrecht auf einem mit Goldstoff bezogenen neobarocken Stuhl. Die Schönheit ihrer Jugend ist zu erahnen, in dem vom weißen Haar umrahmten Gesicht. Neben ihr auf einem ebenso goldenen Sofa lauscht Thomas Walther den Erzählungen der alten Dame.

Der deutsche Anwalt ist nicht zum ersten Mal zu Besuch in Budapest. Der 70-jährige Richter im Ruhestand hat Eva Fahidi überzeugt, ihre Geschichte vor einem deutschen Gericht zu erzählen. Sie soll als Nebenklägerin auftreten, wenn es zum nächsten Prozess gegen einen Wachmann des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau kommt. Es ist das Lager, in dem Eva Fahidi zwar nicht ihre Liebe, aber ihr früheres Leben verlor.

Am 29. April 1944 wurde die damals 18-Jährige mit ihrer Familie aus ihrem Haus in Debrecen, der zweitgrößten Stadt Ungarns, verschleppt: Mutter Irma, Vater Deszö und die zehnjährige Schwester Gilike. Die Deportation endete in Auschwitz. „Hier wurde alles durch eine Handbewegung zunichtegemacht, mit der der KZ-Arzt Mengele mich auf die eine, meine Eltern und meine Schwester auf die andere Seite schickte“, erinnert sich Eva Fahidi. Sie schaut ihr Gegenüber direkt an, hält einen fest mit ihrem Blick, als ob sie sich der Aufmerksamkeit des Zuhörers vergewissern wollte. Ihre von einem zarten Lidstrich umrandeten Augen sind von einem klaren Blau. Sie haben nicht an Glanz verloren, nicht an Neugier.

In Auschwitz, in diesem Albtraum, war Eva Fahidi plötzlich auf sich selbst gestellt. Wieder wurde sie deportiert, es folgten Sklavenarbeit, Hunger und Schikane im hessischen Konzentrationslager Münchmühle. Irgendwann, gegen Ende des Krieges, wurde die ausgezehrte Frau auf einen Todesmarsch geschickt. Da gelang ihr die Flucht. Es sollte Monate dauern, bevor Eva Fahidi am 4. November 1945 nach Debrecen zurückkehrte. Eine einsame Entscheidung. Die meisten ungarischen Holocaust-Überlebenden kehrten ihrem Land, das sie nicht beschützt hatte, den Rücken und wanderten aus, viele in die USA.

Debrecen aber war nicht mehr der wunderbare Ort ihrer Kindheit. Im Elternhaus lebten fremde Menschen, die vor der Rückkehrerin die Tür zuschlugen. „Von dem, was ich gewesen bin, ist nichts geblieben, nur die Erinnerung.“

Musik, Stimmengewirr und ein warmer Windhauch wehen von der Straße in das Wohnzimmer. Drei Etagen tiefer spazieren Touristen an den Jugendstilbauten in der Vaci utca vorbei, der Fußgängerzone im historischen Zentrum von Budapest. Eva Fahidi lebt seit fünfzig Jahren in dem Haus, immer in derselben Wohnung.

Den deutschen Urlaubern, die zahlreich durch ihre Straße flanieren, ist sie stets ausgewichen. Eva Fahidi wollte nicht angesprochen werden. Dabei sind ihre Ausdrücke im Deutschen gewählt, die Grammatik tadellos, nur das „r“ rollt wie im Ungarischen. Aber Eva Fahidi hatte nach dem Krieg beschlossen, dass niemals mehr ein Wort der Sprache ihrer Peiniger ihren Mund verlassen sollte, auch wenn sie weiter leidenschaftlich deutsche Autoren las.

Doch dann änderte sich etwas.

Erst hat Eva Fahidi der Gedanke, vor einem deutschen Gericht aufzutreten, geängstigt. Inzwischen sehnt sie den Prozess herbei. Sie möchte ihre Geschichte erzählen, möchte öffentlich Zeugnis ablegen. Dass dies geschehen kann, daran arbeitet Thomas Walther seit Jahren. Dem Juristen aus dem Allgäu ist es auch zu verdanken, dass es zu dem Prozess gegen den ehemaligen KZ-Wachmann John Demjanjuk gekommen ist. Der gebürtige Ukrainer wurde 2011 wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 28.060 Menschen im Vernichtungslager Sobibor zu fünf Jahren Haft verurteilt. Das war neu. Denn das Gericht konnte ihm keine konkrete Tat nachweisen. Seither gilt die Rechtsauffassung: Jeder Beschäftigte eines Todeslagers hat sich schuldig gemacht.

Erst Anfang September hat die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg noch einmal dreißig Namen ehemaliger NS-Verbrecher ermittelt und bekannt gegeben. Ob gegen die Greise Verfahren eröffnet werden, liegt im Ermessen der zuständigen Staatsanwaltschaften.

Eva Fahidi will gleich in zwei Prozessen auftreten. Da wäre zum einen der gegen Hans Lipschis. Der 93-Jährige gehörte dem Totenkopf Sturmbann der SS an, dessen Hauptaufgabe die Bewachung und Verwaltung der von der SS errichteten Konzentrationslager war. Er war in Auschwitz-Birkenau eingesetzt, als die ungarischen Juden 1944 ankamen. Vielleicht war der gebürtige Litauer einer der Männer, die in der Morgendämmerung des 1. Juli an der Rampe gestanden haben, als Eva Fahidi mit ihrer Familie aus dem Viehwaggon gestoßen wurde.

Die USA, wohin der Bäcker nach dem Krieg ausgewandert war, haben Lipschis 1983 ausgewiesen, als seine Vergangenheit bekannt wurde. In Deutschland aber lebte er unbehelligt im baden-württembergischen Städtchen Aalen – bis Mai dieses Jahres. Da veranlasste die Staatsanwaltschaft Stuttgart die Festnahme des Greises. Noch diesen Herbst will sie Anklage erheben.

Der zweite ist Johann Breyer. Auch er war im Totenkopf Sturmbann, auch er war im Sommer 1944 in Birkenau. Derzeit lebt der 88-Jährige in Philadelphia. Die USA würden den Mann gerne ausweisen. Sie können aber nicht, solange die zuständige Staatsanwaltschaft im bayerischen Weiden keine Anklage erhebt. Seit dem 20. August 2012 liegen die Ermittlungsakten der NS-Fahnder aus Ludwigsburg auf dem Tisch des Staatsanwalts. 180 Seiten, 637 Fußnoten und zu jeder Fußnote die dazugehörigen Dokumente. Den Staatsanwälten reicht das nicht. Sie ermitteln weiter. Ende offen.

Und so wartet Eva Fahidi. „Gibt es etwas Neues?“, fragt sie Walther. Der schüttelt den Kopf und fährt sich durch die widerspenstigen weißen Haare. Er hat in den vergangenen Jahren viele Gespräche mit ehemaligen KZ-Häftlingen geführt und weiß, wie unangenehm ihnen die Vorstellung ist, vor ein deutsches Gericht zu treten. Dennoch lässt Thomas Walther nicht locker. Seit Jahren reist er auf eigene Kosten nach Israel, die Niederlande, Polen, England und eben auch Ungarn auf der Suche nach Zeugen.

„Erst hatte ich Angst, aber jetzt will ich in allen Prozessen gegen SS-Menschen aussagen, die in Auschwitz-Birkenau waren, als ich da war“, sagt Eva Fahidi. „Vielleicht hat einer von ihnen zugeschaut, wie meine Mutti und meine kleine Schwester ins Gas gingen.“ Eine Verurteilung der „alten Trottel“, wie sie sagt, ist ihr nicht wichtig. Es geht ihr um ein Zeichen.

„Kaffee? Tee?“ Eva Fahidi geht in die Küche und setzt Wasser auf. Aus dem Gefrierfach zieht sie einen Beutel mit selbst gemachten Zwetschgenknödeln. „Wunderbar. Ein Rezept von meiner Mutti“, sagt sie und lächelt mädchenhaft.

45 Jahre hat Eva Fahidi geschwiegen über das Grauen, das ihr erstes Leben zerstörte. Im kommunistischen Ungarn war, wie in vielen anderen Ländern, von den Überlebenden erwartet worden, den Holocaust zu vergessen oder, wenn sie dazu nicht fähig waren, wenigstens nicht darüber zu sprechen. Zumindest nicht öffentlich. „Wir Überlebende schwiegen um unserer Ruhe willen, gehorsam und opportunistisch“, sagt Eva Fahidi. Außerdem erhoffte sich die flammende Kommunistin den Aufbau eines neuen, gerechteren Ungarns.

Ihre bürgerliche Herkunft aber war den neuen Machthabern ein Dorn im Auge. Alles, was ihr an Grund und Boden aus Familienbesitz geblieben war, wurde enteignet. Wieder war sie ganz unten. Doch dank Zähigkeit, Intelligenz und Sprachkenntnissen – sie spricht auch Französisch – arbeitete sie sich bis zur Außenbeauftragten des ungarischen Stahlkombinats empor. Eine Arbeit, die ihr Reisen in die ganze Welt ermöglichte. Sie heiratete, lebte ein unauffälliges Leben. Über ihre Vergangenheit schwieg sie.

Bis zu diesem Tag im Jahr 1989. In allen wichtigen ungarischen Zeitungen erschien plötzlich eine Anzeige der hessischen Stadt Stadtallendorf. Deren Verwaltung suchte frühere Häftlinge des Lagers Münchmühle, einem Außenlager des KZ Buchenwald. Die dort inhaftierten Frauen befüllten in Allendorf, wie es damals noch hieß, für die Dynamit Nobel AG zentnerschwere Granathülsen mit Sprengstoff. Zwölf Stunden am Tag, fast ohne Pause, Essen oder Trinken.

„Mein erster Gedanke war: Was wollen die jetzt noch von uns?“, sagt Eva Fahidi. In ihrer Erinnerung war Deutschland noch der faschistische Staat, der Menschen wie sie erniedrigt, gequält und ermordet hat.

Eine ehemalige Mitgefangene überredete Eva Fahidi, mit nach Deutschland zu fahren. Als Übersetzerin. Sie gab nach. Kaum angekommen, waren die Vorbehalte schnell verflogen. „Wir konnten gar nicht fassen, wie Deutschland sich verändert hatte“, erinnert sie sich an die Begegnungswoche in Stadtallendorf im Oktober 1990. „Wir wurden verwöhnt, junge Freiwillige kümmerten sich um uns, begleiteten uns zur ehemaligen Fabrik und zum ehemaligen Lager. Vertreter der Stadt, des Landes hielten Ansprachen und baten uns um Verzeihung. Das werde ich nie vergessen.“

Seither besucht Eva Fahidi den Ort regelmäßig. Sie hat Vorträge gehalten und Schulklassen geführt, alte Menschen nach ihren Erinnerungen befragt, Interviews gegeben. Ein Museum ist entstanden. „Unser Museum“, wie Eva Fahidi sagt. Dort findet sich in einer Vitrine der Pullover, den ein amerikanischer GI der halb Verhungerten nach der Befreiung geschenkt hat. Aber auch ein Hemdchen ihrer Schwester Gilike.

Der Kontrast zur Aufarbeitung der Kriegszeit in ihrer Heimat Ungarn war groß und ist es noch immer. 59 Jahre hat es seit Kriegsende gedauert, bis ein ungarischer Ministerpräsident erstmals aussprach, dass es Ungarn waren, die halfen, den Holocaust an ihren jüdischen Mitbürgern zu organisieren. Genau so viel Zeit verging, bis ein Gedenkzentrum in Budapest eingerichtet wurde. Eva Fahidi war anfangs oft dort. Auch hier sprach sie vor Schulklassen, half bei der Weiterbildung von Lehrern, kam zu Musikveranstaltungen. Doch seit fast zwei Jahren setzt sie keinen Fuß mehr in das Haus. „Die Ausstellung wurde unter der neuen Regierung verändert.“ Zum ersten Mal erhebt sich ihre Stimme. „Das ist die totale Verfälschung der Tatsachen.“

Tatsächlich musste 2011 nach wochenlangen Auseinandersetzungen über die Darstellung von Ungarns Verstrickungen mit Nazi-Deutschland der bisherige Museumsleiter gehen. Seinem Nachfolger wurde ein Kuratorengremium beiseitegestellt, dessen Mitglieder nun die rechtskonservative Regierung von Ministerpräsident Viktor Orban ernennt.

„Seither hat man den Eindruck, als hätten die Ungarn nichts mit dem Holocaust zu tun gehabt, als ob das nur die Deutschen waren. Wie soll das gehen, bitte?“ Eva Fahidi hebt die Arme, lässt sie wieder fallen. Allein zwischen dem 19. Mai und dem 11. Juli 1944, in knapp acht Wochen, trafen 136 Züge mit 430.000 ungarischen Juden in Auschwitz-Birkenau ein. Ohne die massive Hilfe der ungarischen Verwaltung, Bahn und Gendarmerie wäre diese logistische Leistung mitten im Krieg nicht möglich gewesen.

„Sie haben sich so entsetzlich benommen“, erinnert sich Eva Fahidi an diese Gendarmen. Ihre Erinnerungen decken sich mit denen anderer Überlebender sowie den Recherchen der deutschen Historiker Götz Aly und Christian Gerlach, die ein Buch darüber schrieben.

„Dieses Buch hätte ein Ungar schreiben müssen“, sagt Eva Fahidi. Der Band findet sich in einem weiteren Regal im Wohnzimmer. Auf sieben Etagen stehen dort eng an eng Schriften über den Holocaust. Weit entfernt von dem Bücherschrank mit deutscher Literatur und den Wagner-Libretti. Weit entfernt von ihrer Liebe.