Immer nehmen sie den Zug. Bo- tho und Lene. Fahren mit dem Görlitzer Nachmittagszug an einem Freitag, jedesmal, sagen nur wenige Sätze, und immer, wenn Lene dann glücklich ist und deshalb Botho die Hand reicht, sieht sie schweigend hinaus in die Wald- und Heidelandschaft. Jedesmal. Sie muß auch nichts sagen, denn lange vorher hat sie schon immer alles gesagt: "Aber wegfliegen wirst du." Das ahnt, ach, das weiß sie im Frühjahr schon, da mit dem Spargel im Dörr schen Garten auch ihr kurzes Glück erst zu reifen beginnt, doch nun steht der Sommer hoch, und das Glück rundet sich auf dieser Landpartie, die mit dem Zug zu Hankels Ablage führt. Hankels Ablage. Nicht wahr, das ist ein Name, der gar nicht so recht passen will für diesen Ort, der das Geschick der zwei Liebenden stets und auf immer so still und so traurig besiegelt. Er klingt nach Hafen und Stapelplatz, und eine Aus- und Einladestelle ist die Ablage tatsächlich unter dem Alten Fritzen und auch früher schon unter dem Soldatenkönig gewesen. Doch immer, wenn Botho und Lene von der Bahnstation hinüber zu Hankels Ablage schlendern, dann ist es schon lange ein Gasthaus mit Veranda am Wasser, wie geschaffen für Liebesworte unter herabhängenden Ulmenzweigen und stille Kahnpartie im Sonnenuntergang. Natürlich wird Lene jedesmal im ersten Augenblick ganz heimelig zumute. Dafür bürgen der ewig nistende Fink und die Schwalben, die immer fahren hin und her. Und selbstverständlich der sofort erscheinende, sein "Etablissement" schon von Vater und Großvater her innehabende Wirt, der sich nach den Befehlen der Herrschaften erkundigt und dies nun vor allem und jedesmal mit diesen Worten "ob sie zur Nacht bleiben würden". Eben deshalb sind sie doch hergekommen, Botho und Lene, haben sich aufgemacht zu dieser Landpartie, die ihr Glück werden soll und es vernichtet. Der Abschied von Hankels Ablage ist immer das Ende von Botho und Lene, und immer und immer wieder dies das Resümee: "Das war unser letztes Glück und unsere letzte schöne Stunde." So sagt Lene und muß es wohl auch. Denn Lene ist nicht Lene, sondern Magdalene Nimptsch, und Botho ist nicht Bo- tho, sondern Baron Botho von Rienäcker. Seit Theodor Fontane die beiden ungleich und ungleichen Liebenden 1884 im elften Kapitel seines Romans "Irrungen, Wirrungen" voll hochgespannter Erwartungen auf Hankels Ablage schickte und im vierzehnten Kapitel enttäuscht nach Berlin zurückkehren ließ, haben ungezählte Leser Botho und Lene auf ihrer Reise begleitet, ach, wohl ein jeder gerührt auf seine Weise und stille hoffend, den beiden möge es zumindest für ein Mal gelingen, sich ihrer Verurteilung zum Unglück durch den Dichter auf Hankels Ablage zu widersetzen. Vergebens. Denn die Liebe, nun ja, sie darf bei Fontane auf eine Bootsfahrt gehen, aber in den Untiefen gesellschaftlicher Konvention muß sie schließlich doch versinken. Nur so kann deshalb der Leser Botho und Lene auf Hankels Ablage begleiten, nur dann mit ihnen dort Teufels-Abbiß und Ranunkel pflücken, wenn er sich den Pfaden, auf die Fontane die Gestalten schickt, vollkommen überläßt. Wer sich selbst auf den Weg zu Hankels Ablage begibt, die Weltkarte des Autors gewissermaßen durch den Stadtplan des Spurensuchers ersetzt, macht eine Erfahrung, die er mit Sisyphos teilt das Ziel zu erreichen, ohne anzukommen.Das Ziel heißt 15738 Zeuthen. Wer den S-Bahnhof verläßt, gelangt nach wenigen Metern auf die Goethestraße. Dort, wo sie sich nicht mehr Lindenallee und noch nicht Friedrich-Engels-Straße nennt, heißt sie Fontaneallee. Zwischen Hausnummer 6, wo der Segelverein Neander e. V. ein schmuckloses Quartier gefunden hat, und Hausnummer 8/8A liegt der Fontaneplatz, der die Nummer 7 trug, als es ihn noch nicht gab, sondern an seiner Stelle Hankels Ablage. Sie ist verschwunden, aber weil ein Denkmal an ihrer Stelle steht, darf es behaupten: "Hier auf Hankels Ablage schrieb Theodor Fontane im Mai 1884 die letzten Kapitel seines Romans "Irrungen, Wirrungen". Das neue Denkmal, ein wuchtiger Findling mit Bas-Relief des Autors, schaut hinüber zum Segelverein Neander e. V., dessen Clubhaus dem berühmten Nachbarn beleidigt die grau-braune Hinterfront zeigt. Hier also hat Fontane sich selbst mit Botho und Lene ein Denkmal gesetzt, ehe die Nachwelt ihm dafür eines setzen konnte. Vielleicht ist er auf einer der vier Parkbänke gesessen, die ganz nahe am Ufer des Zeuthener Sees stehen und einen schönen Blick freigeben auf das Wasser, sofern der sich aus den Maschen der Zäune zur Linken und Rechten zu lösen vermag. Vielleicht aber ist Fontane auch zwischen diesen Zäunen hin- und hergegangen, jeweils gute 15 Meter, und hat sich dabei überlegt, wie es wohl wäre, wenn Hankels Ablage als einziges Grundstück dieses Ufers einen Steg für Schiffe und Angler hätte. Das verriete Sinn für radikale Phantasie. Denn Hankels Ablage kann zwar von jedermann betreten werden, aber nur vom Festland her, im Gegensatz zu ihren Nachbarn, die jedermann den Zutritt verweigern, aber ihren Besitzern und deren Gästen mit Landungsbrücken und -stegen ein herzliches Willkommen nach dem Segelspaß entbieten. Ist es wirklich hier gewesen, wo Lene sich an Botho schmiegte und zu ihm aufblickte, während sie die Augen schloß, mit dem Ausdruck höchsten Glücks? Dann wäre nichts mehr gewesen außer ihm und ihr, keine Parkbänke und keine beleidigte Clubhaus-Fassade, kein Abfalleimer und kein Zaun nur noch der Autolärm von der Fontaneallee hätte das lautlose Geflüster der beiden ein wenig gestört.Das also ist Hankels Ablage in 15738 Zeuthen. Niemand, der dort gewesen ist, wird behaupten, er habe sie gefunden. Der realistische Sinn, der den Gegenwartsmenschen ziert, wird ihn die leichte Enttäuschung verschmerzen lassen, die das kecke Geplapper des Denkmals hinterläßt. Denkmale lassen sich nicht gern beim Wort nehmen. Und Straßennamen dürfen ohnehin verminderte Schuldfähigkeit für sich in Anspruch nehmen. Niemand wird darum der Abkürzung, die zurück zum S-Bahnhof von Zeuthen führt, verübeln, daß sie sich als Hankelweg empfiehlt, ohne weiteres dafür zu tun. Zum Bahnhof darf jeder Pfad geleiten, zu Hankels Ablage aber führt der Weg nur über Theodor Fontane.