Stralau ist ein seltsames Pflaster. Hinter der häßlichen Industriebrache gleich nach der S-Bahn-Brücke am Eingang der Halbinsel beginnt so etwas wie Idylle: das Wassergrundstück von Friedrichshain. Hat man den Abrißlärm an Glaswerk und ehemaliger Brauerei, die letzten Rollheimer und die erschreckend immer weiter verfallenden Gründerzeithäuser der Krachtstraße passiert, endet die Großstadt. Blendend weiß fängt zwischen wildem Gestrüpp eine der inzwischen wohl teuersten Wohngegenden Berlins an. Bis zu 7 200 Mark soll laut Prospekt der Quadratmeter Eigentum in einer der Stadtvillen kosten, die am Ufer entstehen. "Das Neue Berlin", wie der Bauherr selbstbewußt verspricht. Oder droht? Auf der Suche nach den Spuren Fontanes? "Hier is nüscht mehr mit Fontane", sagt Wolfgang Kossak. Er angelt hier seit Jahren in der Spree. In seinem Leben "war hier nie wat mit Fontane". Karl Marx, ja Marx kennt er. Der steht gleich hinter Kossaks Stammplatz als Denkmal, weil er hier als Student mal Urlaub gemacht hat. An der Sanierung tun sich die neuen Bauherrn seit Monaten schwer. Ein standfester kommunistischer Dickschädel zwischen privatkapitalistischen Yuppie-Herbergen, wie soll man daran nicht verzweifeln.Die noch immer stoßdämpferfressende Straße Alt-Stralau hinunter, nur drei Grundstücke weiter, war einmal ein Fontane-Ort. Hier "stand ein kleines Haus, wie das Pfefferkuchenhaus im Märchen, bräunlich und appetitlich und so niedrig, daß man bequem die Hand auf die Dachrinne legen konnte", beschreibt Fontane in dem Roman "L Adultera" das Haus Nummer 22. Er nennt das Gartenlokal mit Dampfer-Anlegestelle "Löbbecke". Die Gesellschaft, die er hier einkehren läßt, hat vorher auf der heute noch vorhandenen Wiese an der Spitze der Halbinsel Ball gespielt. Sie bestellt Aal und Gurkensalat, danach gibt es Hühnchen und neue Kartoffeln und stimulierende Getränke. Man setzt sich auf einen "nach Art eines Treibhauses angelegten Glasbalkon" und blickt "auf die Stadt flußabwärts". Die Kuppel des Schlosses soll von hier zu sehen gewesen sein. Im Dunkeln setzt die Gesellschaft dann auf der Spree nach Treptow über. Der nette Nachmittag endet später im Ehebruch. In Wirklichkeit hieß das Lokal Tübbecke und war das älteste Gasthaus der Halbinsel. Geblieben ist nicht die geringste Spur. Ebensowenig wie von den anderen Etablissements am Spreeufer: Schwanenberg, Perle von Stralau, Neu-Seeland. Restaurant Müller war einst bekannt für seine Riesen-Eisbeine, nur wenige Schritte weiter der Alte Krug ("bierdurchflutet, spreeumrauscht") warb mit "zwei Spellmann-Kegelbahnen". Von der Spreeperle, wieder nur ein paar Häuser weiter, steht nach einem wilden Abriß vor einigen Jahren nur noch ein trauriger roter Backsteinrest, der die Vergangenheit nicht mehr erkennen läßt. Gastronomisch ist "Das Neue Stralau" tote Erde.Wäre da nicht Michael Stalherm, und der ist nicht Gastronom, sondern Künstler. In seinem "Garten der Künste" kann man nicht nur Ausstellungen besuchen, sondern wenigstens am Wochenende Pizza und etwas zu trinken bekommen. Stalherm ist so etwas wie ein moderner "Müller von Sanssouci". Wenn man ihm gut will. Für die neuen Bauherren von Stralau ist er schlicht ein Ärgernis. Der wildromantische "Garten der Künste" steht ihren hochfliegenden Projekten im Wege, die einstmals, als Berlin noch von Olympia träumte, die "Sportjugend der Welt" beherbergen sollten. "Die wollen hier überall am Ufer ihre Brühwürfel aufstellen", sagt Stalherm abschätzig über die Architektur seiner Nachbarschaft. Der auf der Halbinsel geplante und teilweise schon fertiggestellte Uferweg soll auch quer durch sein Grundstück führen. Was so demokratisch klingt ("Ein Zugang zum Ufer für alle") hält Stalherm schlicht für Einfallslosigkeit. Er träumt von der Wiederbelebung wenigstens einer der alten Sonnenterrassen, die auf die Spree hinausgebaut waren. Von lauen Sommerabenden im Biergarten. Stalherm hat einen richtigen Plan. Die Bauherren versprechen sich davon jedoch keine Rendite. Sie haben ein "Erschließungskonzept", als würden sie im Niemandsland bauen. Der Künstler aber ist von fontanescher Sturheit und nicht fein in der Wahl seiner Worte. Er wird wohl den Weg nicht freimachen, er will nicht verkaufen. Man redet schon seit langem nicht mehr miteinander.Statt dessen wird weiter niedergerissen. Derzeit gerade die Reste der "Weidnerschen Mörtelwerke", zugegeben verschwindet da nicht gerade ein architektonisches Kleinod. Aber bald ist auf Stralau wirklich "nüscht mehr mit Fontane". Nur noch "Das Neue Berlin". Das will man dann auf der Expo 2000 herzeigen, als "dezentrales Projekt". Vor allem der unsichtbaren Bakterien wegen, die die Rummelsburger Bucht sauberfressen sollen. Und wegen der "Mulden und Rigolen", die das Regenwasser sammeln und im Boden verteilen. Erik Büttner, angehender Landschaftsgestalter, kann das Zukunftsweisende daran nicht erkennen. Das Regenwasser geht eben nicht einfach in die Kanalisation ab. Ein Projekt für eine Weltausstellung? An den Neubauten an der Rummelsburger Bucht sucht man Zukunftstechnologien wie beispielsweise Sonnenkollektoren vergebens. Zurück auf die andere Seite der Halbinsel. Die Spree fließe an Stralau "vergeblich vorüber", schreibt Fontane in einem Reisekapitel, das er am Ende nicht in seine "Wanderungen" aufnimmt. "Vergeblich fließt sie in blauer Stattlichkeit am Stralauer Kirchturm vorüber." Ihren traurigen Ruf könne das nicht ändern. " sie bleibt, was sie war, ein Gegenstand des Spottes, und wenig deutsche Dichter vor und nach Rückert, hat es gegeben, die nicht schwach genug gewesen wären, an der ohnehin gedrückten Existenz der Armen ihr Mütchen zu kühlen. Sie hat oft die Streiche auffangen müssen, die dem Berlinertum galten, und Berlin, wie sich von selbst versteht, hat ihr s nicht gedankt." Der erwähnte Rückert übrigens dichtete die wohl nicht ganz zu Unrecht vergessenen, mitleidigen Verse: "Der Spree/ist s weh..."Verbleiben wir noch ein wenig in jener seltsam melancholischen Stimmung. Der Stralauer Kirchhof lädt dazu ein. Den Kirchturm, dessen Architektur oft fälschlich Schinkel zugeschrieben wird, hat Fontane schon gekannt. Nur so schief ist er erst seit einem Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg. Hier liegen nicht nur die Bewohner des ebenfalls längst nicht mehr auffindbaren Dorfes Stralau. Das Bootfahren und Baden, letzteres heute wenig gebräuchlich, zwischen Zenner-Biergarten und Halbinsel muß einst ein gefährlicher Freizeitspaß gewesen sein. Nahe dem Kirchturm wurden lange Zeit die Ertrunkenen begraben.Eine andere traurige Geschichte erzählt wieder Fontane, den es noch einmal am Ende seiner erzählerischen Laufbahn, im "Stechlin", an Stralau vorbeigeführt hat. "Hier zwischen Treptow und Stralau sei auch die ,Liebesinsel ", unterhält sich die Reisegesellschaft auf der Dampferfahrt von der Jannowitzbrücke "nach dem Eierhäuschen" im nahen Plänterwald, "da stürben immer die Liebespaare, meist mit einem Zettel in der Hand, drauf alles stünde." Die "Liebesinsel" soll jetzt zu kaufen sein, hat Angler Kossak gehört. Von "irgendeiner Frau aus Grünau". Eine Insel beinahe mitten in Berlin kaufen. Kein schlechter Gedanke für einen, der schon alles hat. Dann Fontane lesen, nach Stralau blicken und ein wenig melancholisch werden. Wie Fontane.