Der Leser tut gut daran, sich nicht von der ersten Seite von Daniel Deckers Papst-Biographie abschrecken zu lassen. Da hat ein Journalist sich an einem literarischen Einstieg versucht und wie die meisten seiner Kollegen das Wetter dafür missbraucht. Dann aber kommt das Buch bald in Fahrt. Über Papst Franziskus wird er freilich nicht viel mehr erfahren, als er aus den bisher erschienenen Büchern weiß. Deckers kann nicht aufwarten mit Enthüllungen. Deckers zeichnet Bilder der Umgebung, in der Bergoglio lebt. Argentiniens politischer und wirtschaftlicher Verfall. Die Arbeit der Jesuiten in Lateinamerika. Die Auseinandersetzung um die Befreiungstheologie.

Deckers bietet uns keine bisher unbekannt gebliebenen Ansichten des 1937 als Kind norditalienischer Einwanderer in Buenos Aires geborenen Jorge Mario Bergoglio. Er tut auch nicht so. Eine immer wiederkehrende Formel lautet: Eine Äußerung Bergoglios dazu ist nicht überliefert, aber vieles deutet darauf hin… Das ist immer wieder die Materiallage. Dabei fehlt es ja nicht an Ereignissen der vom Wechsel unterschiedlichster peronistischer Regimes und Militärdiktaturen geprägten Geschichte Argentiniens, bei denen man sich ein deutliches Wort eines aufrechten Gottesmannes vorstellen könnte. Immerhin war Bergoglio von 1973 bis 1979 Leiter der argentinischen Jesuiten.

Die Militärdiktatur, die 30 000 Menschen das Leben kostete, herrschte von 1976 bis 1983. Über Bergoglios Haltung zu ihr gibt es sehr unterschiedliche Berichte. Deckers neigt stets denen zu, die Bergoglio positiv zeichnen. Der Fall der beiden von den Militärs 1976 entführten, gefolterten, dann frei gelassenen Jesuiten Franz Jalics und Orlando Yorio wird von Deckers detailliert geschildert. Am Ende bringt er es aber fertig, diese Zeilen zu schreiben: „Was stimmt? Gleich wie sich Bergoglio seit 1973 gegenüber Jalics und Yorio verhalten und was er in den ersten Monaten der Militärdiktatur getan hat: Sein Verhalten hat ihn nicht in solch ein Zwielicht geraten lassen, dass er nicht im Juli 1976 von der Ordensleitung in Rom für eine zweite Amtszeit bestätigt wird.“

Spätestens jetzt fällt dem Leser auf, dass dies die Biographie eines fehlerfreien Menschen ist. Dabei kommt der Leser, auf die Idee, es mache die Größe dieses Mannes aus, dass Franziskus, von seinen eigenen Fehlern ausgehend, die Welt kritisiere. So etwa, wenn er in seiner Weihnachtsansprache an die Angestellten der Kurie zu den 15 Krankheiten auch die Gerüchteproduktion zählte. Schließlich hatte Jalics einst gesagt, Bergoglio sei den Gerüchten, Jalics mache bei der Guerilla mit, nicht entgegengetreten. Nichts davon bei Deckers. Nur dort, wo der Papst selbst es tut, da folgt er ihm. Als eine weitere Krankheit diagnostizierte der Papst am 22.12. die, die Bosse in den Himmel zu heben.