Viele wollen es, aber nur wenige verfügen darüber. Damit sich das ändert, hält die Ratgeberliteratur Bücher mit Titeln bereit wie „Charisma – einfach besser ankommen“. Aber lässt sich das, was übersetzt Gnadengabe heißt, überhaupt erwerben? Und wenn ja, was fängt man damit an?

Im politischen Feld jedenfalls gilt die charismatische Persönlichkeit als zweifelhaft. Einerseits fehlt sie in der parlamentarischen Praxis meist. Aber wenn einer oder eine als solche identifiziert wird, lassen eindringliche Warnungen nicht lange auf sich warten. Zwar verkörpert der charismatische Politiker die Hoffnung auf einen möglichen Wandel zum Besseren, doch allzu oft, so die raunenden Skeptiker, waren es charismatische Führer, die ganze Völker ins Verderben gestürzt haben. Das ist ein bemerkenswerter Widerspruch, schreibt Julia Encke in ihrer kleinen Studie über Charisma und Politik. „In der Alltags- und vor allem in der Arbeitswelt erscheint also nichts erstrebenswerter, als sich jene außeralltägliche Strahlkraft anzueignen, die uns von anderen unterscheiden soll. Da sollen wir uns möglichst zu Charismatikern hochrüsten, (…) In der Politik dagegen wird jeder, dem Bewunderung ... entgegengebracht wird, argwöhnisch beäugt, und, wo es geht, zurückgepfiffen.“

Also hat sich Julia Encke darangemacht, die paradoxen Charisma-Vorstellungen genauer unter die Lupe zu nehmen. Das setzt zunächst einmal die Arbeit am Begriff voraus. Zwar beruft sich inzwischen jeder, der heute das Wort Charisma verwendet, auf denjenigen, der es in der deutschen Soziologie und Politologie verankert hat: Max Weber. Allzu leichtfertig wird dabei aber übersehen, dass Webers Ausführungen zum Charisma weit weniger wertfrei waren, als gemeinhin angenommen wird. Die dem Begriff innewohnende antiparlamentarische Tendenz war bereits in Webers Ausführungen angelegt und unlösbar mit der fatalen politischen Entwicklung der Weimarer Republik verknüpft. Zumindest habe Weber, bemerkte früh der Historiker Wolfgang Mommsen, es versäumt, einen Unterschied zu machen zwischen echtem demokratischen Charisma und jenem falschen Charisma, das durch den Appell an die niederen Instinkte und emotionalen Triebe der Massen den Volkswillen korrumpiere und als Hebel benutzt werde, um eine Gewaltherrschaft zu errichten.

Julia Encke hat sich also auf die Reise durch die bundesrepublikanischen Charisma-Landschaften begeben und die Anziehungs- und Abstoßungskräfte dieser politischen Zauberformel auf so unterschiedliche Akteure wie Helmut Schmidt, Joschka Fischer und Marina Weisband angewandt. Das ist klug beobachtet, amüsant geschrieben und gibt eine Idee davon, wie sehr Politik über das Pragmatismus-Gebot hinaus von Erwartungen, gezielten Verblendungen und dem immer wieder aufflackernden Bedürfnis nach Pathos dirigiert wird. Am Ende ist es aber auch ein Plädoyer für mehr politische Leidenschaft. Harry Nutt