Eigentlich war doch längst alles geklärt. Die Berliner Bezirke hatten sich mit dem Senat darauf verständigt, die Ergebnisse sämtlicher Lebensmittelkontrollen in Restaurants, Kneipen und Imbissbuden ab 1. Juli im Internet zu veröffentlichen. Die Internetseite gibt es bereits, bald sollen dort erste Kontrollergebnisse stehen. Als erstes Bundesland hätte Berlin die langjährige Forderung von Verbraucherschützern nach "umfassender Transparenz der Hygienekontrollen" umgesetzt.Doch nun ist erneut eine Debatte über die Rechtmäßigkeit der "Hygiene-Ampel" ausgebrochen, eine berlinweite Veröffentlichung gibt es vorerst nicht.Denn ausgerechnet der Kneipenbezirk Friedrichshain-Kreuzberg weigert sich, seine Daten zu veröffentlichen. Der zuständige Stadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke) sagte gestern, zurzeit seien "die technischen, personellen und materiellen Voraussetzungen nicht gegeben", das Personal reiche bei weitem nicht aus. Es gebe auch rechtliche Bedenken. Sechs Kontrolleure arbeiten in der Behörde, sie sind für 2224 Gastronomiebetriebe zuständig. Zum Vergleich: Pankow beschäftigt zwölf Mitarbeiter, die 2500 Gastrobetriebe kontrollieren. Zudem, so Mildner-Spindler, sei "nicht schlüssig", warum Berlin vor allen anderen Bundesländern mit der Veröffentlichung beginne.Wegen der Weigerungshaltung des Stadtrates finden nun Gäste so gut besuchter Restaurant- und Kneipengegenden wie rund um die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain, die Oranienstraße, die Bergmannstraße und das Schlesische Tor in Kreuzberg keine Informationen, wie sauber oder schmutzig es in den Küchen der Lokalen dort ist.Gleichzeitig torpediert nun ausgerechnet ein Politiker der Linkspartei das Vorzeigeprojekt seiner Parteigenossin, Verbraucherschutzsenatorin Katrin Lompscher. Diese hatte von Beginn an das bundesweit einmalige Pilotprojekt des Pankower Stadtrats Jens-Holger-Kirchner (Grüne) unterstützt. Von 2009 bis Juli 2011 veröffentlichte der Bezirk grobe Hygieneverstöße von Restaurants und Kneipen im Internet. Auf der "Ekelliste" standen die Namen der Betriebe, Fotos dokumentierten, wie dreckig und verkeimt es in manchen Küchen aussieht.Im September 2010 hatte sich Lompscher mit den Bezirksstadträten geeinigt, berlinweit die Kontrollergebnisse ins Internet zu stellen. Die Bezirke wiesen darauf hin, sie brauchten mehr Personal. 80 Kontrolleure sind in der Stadt für 55 000 Betriebe zuständig.Im Senat wird jetzt ohne Friedrichshain-Kreuzberg die Veröffentlichung vorbereitet. "Ab Mitte August" gebe es erste Daten, sagte Lompschers Sprecherin Marie -Luise Dittmar.Der Berliner Hotel- und Gaststättenverband Dehoga, sieht sich in seiner Kritik an der Hygiene-Ampel bestätigt. "Es ist begrüßenswert, dass ein Bezirk die Situation so vernünftig einschätzt", sagt Sprecherin Kerstin Jäger. Die Veröffentlichung der Ergebnisse sei ein "unverhältnismäßiger Eingriff in die unternehmerische Freiheit", sie stigmatisiere und prangere an.Matthias Wolfschmidt von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch sagt: "Es ist ein Hohn für die Verbraucher, dass eine berlinweite Veröffentlichung der Ergebnisse an fehlendem Personal in den Ämtern scheitert."------------------------------Für Mängel gibt es MinuspunkteDie Kontrolle: Gastrobetriebe bekommen abhängig von der Einhaltung der Hygienebestimmungen Noten, von "sehr gut" bis "nicht ausreichend". Bis zu 80 Minuspunkte sind möglich.Das Barometer: Bundesweit sollen die Kontrollergebnisse ab 2012 (Hygiene-Ampel) als Aushang im Betrieb gezeigt werden.Im Internet: Das Land Berlin veröffentlicht seine Ergebnisse bald unter www.berlin.de/sicher-essen------------------------------Grafik: Kontrollbarometer."Das Kontrollpersonal reicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt bei Weitem nicht aus." Stadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke)Foto: Besucher von Lokalen wie etwa in der Simon-Dach-Straße erfahren vorerst nicht, ob die Küchen dort sauber sind.