Ausgerechnet ein Chinese erschafft das zentrale Ehrenmal für Martin Luther King in Washington. Das empört viele Schwarze: Lei Yixin und ein Zusammenprall der Kulturen

PEKING. Im Grunde ist alles ein Zufall: Im Mai 2006 erhielt Lei Yixin, Steinmetz aus dem zentralchinesischen Changsha, eine Einladung zu einem Bildhauerseminar in Changshas amerikanischer Partnerstadt St. Paul, Minnesota. Lei, 54, hatte eigentlich keine Lust. Er spricht nicht Englisch und isst ungern etwas anderes als die fettig-scharfe Küche seiner Heimat. Aber weil seine Frau darauf bestand, flog er schließlich doch. So konnte ihn eine Findungskommission der Martin Luther King Memorial Foundation entdecken, die einen Steinmetz für ein neun Meter hohes Standbild des großen Bürgerrechtlers suchte, das in Washington zwischen den Statuen von Abraham Lincoln und Thomas Jefferson stehen soll. Ob Lei sich das zutraue? "Kein Problem", sagte er. Schließlich würden in keinem anderen Land mehr Nationalhelden in Stein gemeißelt als in China, und wer dort als "Meister" gelte, könne auch einen naturgetreuen Martin Luther King Jr. liefern.Synonym für ZukunftsangstEin Zufall, wie gesagt, allerdings einer, der den amerikanischen Zeitgeist an einer wunden Stelle trifft. Dass die Stiftung keinen farbigen Amerikaner beauftragte, war schon schlimm, aber dann auch noch ausgerechnet ein Chinese! Wo doch China in den USA zum Synonym für Zukunftsangst geworden ist, zum Inbegriff von Arbeitsplatz- und Wohlstandsverlust.Die Entscheidung entfachte einen Sturm der Entrüstung. "Was in aller Welt habt ihr euch dabei gedacht?", fragte CNN-Moderator Lou Dobbs das Kommissionsmitglied David Hamilton. Dessen Begründung, Lei sei schlicht und ergreifend der erfahrenste Steinmetz gewesen, den man habe finden können, lassen viele nicht gelten. "Das ist ein amerikanisches Monument, kein chinesisch-kommunistisches", beschwert sich der farbige Künstler Gilbert Young, der eigens eine Protestwebsite namens "King gehört uns" eingerichtet hat (www.kingisours.com). "Ich sage nur ein Wort: Outsourcing."Dabei ist nicht einmal klar, ob Lei tatsächlich für weniger Geld arbeitet. Der schwarze Künstler Ed Dwight, der sich selbst schon als beauftragten Chefkünstler gesehen hatte, obwohl er statt Steinstatuen bisher nur Bronzen hergestellt hat, behauptet, Chinas Regierung habe Leis Beteiligung für 25 Millionen Dollar erkauft. Das entspricht in etwa der Summe, die noch fehlt, um das 100 Millionen Dollar-Projekt in Angriff zu nehmen. Die Stiftung bestreitet jedoch, je mit Peking Kontakt gehabt zu haben.Damit ist die jahrzehntelange Debatte um das Washingtoner Standbild anderthalb Jahre vor der Einweihung, die für Anfang 2009 geplant ist, just von dem geprägt, wogegen der Bürgerrechtler ein Leben lang gekämpft hat: Rassismus. Auch wenn die Diskussion noch hart an der Grenze der political correctness geführt wird, spiegelt sie die westlichen Gelbe-Gefahr-Sorgen wider, dass Chinas Aufschwung die weltweite Machtbalance ins Wanken bringen und entwerten könnte, was dem Westen heilig ist. Wenn Chinesen Hemden und Schuhe nähen, ist das eine Sache, wenn sie Kruzifixe, Christbaumschmuck, Erzgebirgsfiguren und Cowboyhüte herstellen, schon eine andere. Doch wenn Dr. King nun aus chinesischem statt aus amerikanischem Granit gemeißelt wird, ist das für viele unerträglich.Die Chinesen nehmen diese Antipathie wahr und fühlen sich diskriminiert. "Früher waren die Afrikaner die Opfer der Globalisierung, heute sind wir es", kommentiert ein chinesischer Blogger im Internetportal Sina.com. Die Amerikaner konsumierten zwar gerne Chinas preiswerte Produkte, seien den Herstellern aber trotzdem böse. Dass westliche Konsumenten sich so vehement für Menschenrechte und bessere Bedingungen in chinesischen Fabriken einsetzten, entspringe nicht nur Mitleid oder Verantwortungsgefühl, sondern auch der Hoffnung, China werde durch höhere Produktionskosten seine Wettbewerbsvorteile verlieren.Steinmetz Lei bemüht sich, seinen amerikanischen Widersachern die Alleinherrschaft über Kings Nachruhm zu entreißen. Sein Kampf für Bürgerrechte sei "ein Vorbild für Menschen in aller Welt" geworden. In Interviews erzählt er, wie sein Vater, ein Ingenieur, ihn im Alter von zehn Jahren auf den Schoß genommen und mit ihm den Text der Rede "Ich habe einen Traum" gelesen habe. Später hätten er und seine Mitschüler ihn auswendig gelernt. Außerdem habe er als Kind der Kulturrevolution selbst gelernt, was Leiden bedeutet. "Ich weiß, wie die afrikanischen Amerikaner sich gefühlt haben, und ich verehre den Helden, der für die Gleichberechtigung aller Menschen gekämpft hat." Erst im Alter von 24 Jahren durfte er die Universitäts-Aufnahmeprüfung machen, studierte Kunst im südchinesischen Guangdong und arbeitet seit 1982 als Bildhauer und Leiter der lokalen Kunsthochschule in seiner Heimatstadt Changsha. Dutzende staatliche Auftragsstatuen hat er ausgeführt, darunter mehrere Maos. Zu seinen persönlicheren Werken gehört eine Skulpturengruppe, die sich mit der Fremdheit der Chinesen in der modernen Welt auseinandersetzt: Drei chinesische Touristen stehen an der Grenze am Passschalter an. Sie tragen Anzüge, denn sie wollen sich westlich geben, doch nach ländlicher Sitte haben sie Ärmel und Hosenbeine hochgekrempelt und sich die Taschen mit Wasserflaschen und Zigarettenpäckchen vollgestopft. "Ich habe diese Gruppe so bei meiner ersten Auslandsreise Anfang der Neunziger gesehen", erzählt Lei. "Fast alle chinesischen Touristen sahen damals so aus, ich auch."Künstler für die ganze WeltGroßen Ruhm brachte ihm seine Arbeit zwar nicht, aber immerhin ein lebenslanges Stipendium der Regierung, das seinen bescheidenen Lebensstandard sichert. 14 Monate werde er für Martin Luther King brauchen, sagt er und glaubt, dass den Amerikanern sein Entwurf letztlich schon gefallen werde. "Ich habe Martin Luther King-Statuen in Amerika gesehen, und keine davon war perfekt", sagt er. "Ich glaube, ich kann es besser." Leis King wird mit verschränkten Armen stehen, in der linken Hand einen Stift als Symbol der Sprache, die seine stärkste Waffe war.Doch Lei hat nicht nur amerikanische Neider, sondern auch chinesische, die nun daran erinnern, dass sein plötzlicher Ruhm eben doch nur ein Zufall war. "Lei hat einfach Glück gehabt, dass er bei diesem Workshop in den USA war", sagt der Guo Xincong, Bildhauer aus der Provinz Shandong und Mitglied der Chinesischen Künstlervereinigung. Dabei gehöre Lei nicht zu den besten chinesischen Steinmetzen. "Ich denke, er ist irgendwo zwischen der ersten und zweiten Liga", meint Guo. "Aber die Aufgabe ist so einfach, dass das viele machen könnten." Das passt nun doch wieder ins Klischee: Auch mit Künstlern könnte China also die Welt überschwemmen.------------------------------Renaissance der "Gelben Gefahr"Wirtschaft: Mit der Öffnung der Märkte begann China seinen Aufstieg zur globalen Wirtschaftsmacht. In westlichen Industrienationen lösten die neuen Möglichkeiten auf dem riesigen Markt zunächst Begeisterung aus. Ernüchterung trat mit der Einsicht ein, dass die Globalisierung keine Einbahnstraße ist. Immer mehr chinesische Firmen drängen auf Handelsplätze außerhalb des Landes. Der Konkurrenzkampf verstärkt sich. In jüngster Zeit konzentriert sich die Debatte auf folgende Punkte:Staatsfonds: China verfügt mittlerweile über eine Rücklage von rund 1 200 Milliarden Dollar, die das Land teilweise in einen staatlichen Investmentfonds stecken will. Nicht nur in Deutschland fürchtet man massive Einkaufaktionen in wirtschaftlichen Schlüsselbereichen.Afrika: Auf der Suche nach Rohstoffquellen und Absatzmärkten engagiert sich sich China stark mit Investitionen, Handelsverträgen, Entwicklungshilfe - alles, ohne ökologische oder menschenrechtliche Bedingungen zu stellen.Umwelt- und Verbraucherschutz: Das rasante Wachstum Chinas nimmt wenig Rücksicht auf Natur und Gesundheit. Landschaften und Flüsse werden ruiniert. Aber auch Exporte enthalten Gifte. Alarmmeldungen kamen unter anderem aus dem Spielzeughandel.------------------------------Foto: Der chinesische Bildhauer Lei Yixin bei der Arbeit am Modell für den "Stein der Hoffnung", dem zentralen Teil der Gedenkanlage für Martin Luther King in Washington. Sie soll 1,6 Hektar umfassen.