BERLIN. In der Meteorologie kennt man die gefühlte Temperatur als Maß für das subjektive Wärmeempfinden. Würde man an diesem Montagmorgen im Willy-Brandt-Haus analog die gefühlte politische Lage ermitteln, dann gäbe es tatsächlich mal nichts zu meckern für die Sozialdemokraten. Eigentlich wollen Klaus Wowereit und Sigmar Gabriel nur kurz vor die Kameras treten. Doch im Atrium der Parteizentrale haben sich zahlreiche Mitarbeiter und Funktionäre versammelt, die ihnen minutenlangen Beifall zollen."Es ist immer noch schön, auch wenn man geschlafen hat", sagt der alte und neue Regierende Bürgermeister, und er wirkt noch so beschwingt wie bei der Wahlparty in der Kulturbrauerei am Abend zuvor. Den SPD-Bundeschef hat die kurze Nacht erkennbar etwas mehr mitgenommen. "Das ist ein tolles Ergebnis", schwärmt Gabriel. Schließlich sei es "wahrlich keine Selbstverständlichkeit", zum dritten Mal Regierungschef "einer Stadt mit 300 Millionen Einwohnern" zu werden.Berlin ist zwar nicht annähernd so gigantisch, und auch das Wahlergebnis verliert bei Licht betrachtet etwas von seinem Glanz: Immerhin 2,5 Prozentpunkte haben die Genossen verloren. Aber was soll's? Einmal mehr ist die SPD bei einer Landtagswahl auf der Regierungsbank gelandet. Und vor allem, hat Gabriel freudig festgestellt, stimmt die Rangfolge mit den zuletzt bedrohlich starken Grünen: "Da herrschen wieder klare Verhältnisse."Es gibt also genügend Grund für den SPD-Bundeschef, den Augenblick zu genießen und von der Abschlusskundgebung zu schwärmen, als Wowereit den US-Schauspieler Larry Hagman auf die Bühne holte. "À la bonheur, von dir kann man wirklich noch was lernen, was Wahlkampf angeht!", lobt Gabriel.Mag sein. Doch spätestens, als der SPD-Chef kurz darauf einen kleinen Vortrag über die Gefahren der Schuldenkrise und die Lage in Griechenland hält, wirkt dies wie ein Dementi seiner eigenen Worte: "So beantworten wir Sozialdemokraten ernsthaft ernsthafte Probleme", sagt Gabriel plötzlich extrem staatstragend. Unwillkürlich muss man an Schnappi, das Krokodil, an die Wowi-Teddybären und an Larry Hagman denken. Ganz offensichtlich würde die selbstzufrieden-spaßige Wowereit-Kampagne, die in der Hauptstadt erfolgreich war, bundesweit derzeit kaum die Stimmungslage der Bevölkerung in einer beängstigend komplexen Weltfinanzkrise treffen.So gewinnt auch die von manchen Beobachtern erwartete Debatte über eine mögliche Kanzlerkandidatur des erfolgreichen Regierenden Bürgermeisters am Tag nach der Abgeordnetenhauswahl keine rechte Fahrt. "Wowereit soll Merkel stürzen" hat zwar am Morgen ein Wirtschaftsblatt ziemlich mutig getitelt. Doch mehr als die allgemeine Bemerkung, dass Wowereit große Verdienste habe, möchte kein prominenter Vertreter des linken Parteiflügels zu Protokoll geben. Im Gegenteil: Eine Kanzlerkandidatur des 57-Jährigen sei "nicht die wahrscheinlichste Variante", sagt ein Vorstandsmitglied.Im vertraulichen Gespräch räumen auch Parteilinke ein, dass der lockere Berlin-Versteher wohl nicht der ideale Krisenmanager wäre. Aus heutiger Sicht spräche einiges für Ex-Finanzminister Peer Steinbrück oder Bundestagsfraktionschef Frank-Walter Steinmeier, sagen sie, wobei ihnen der integrierende Steinmeier deutlich lieber wäre. Am Dienstag muss er sich in der Fraktion für weitere zwei Jahre zur Wiederwahl stellen. Sollte er wie erwartet ein gutes Ergebnis erhalten, würde dies sein Gewicht in der SPD-Troika stärken. Den Parteilinken ist vor allem wichtig, dass Gabriel, Steinbrück und Steinmeier die Kandidatur nicht einfach unter sich ausmachen. Deshalb halten sie auch Wowereit im Gespräch.Ob der Regierende Bürgermeister selbst überhaupt ernsthafte bundespolitische Ambitionen hat, ist fraglich. Am Sonntagabend jedenfalls gab er sich zugeknöpft und betonte, er sei für fünf Jahre ins Rote Rathaus gewählt. "Wir stehen vor großen Herausforderungen bei den Sondierungsgesprächen", erklärt er am Montag. Berlin dürfe kein Biotop werden, sondern müsse sich dynamisch entwickeln. Das klingt nach anstrengenden Verhandlungen im Land mit den Grünen."Es gibt ausreichend Grund zum Klatschen", hat Gabriel zu Beginn des Auftritts im Willy-Brandt-Haus den Anhängern gesagt. So bald gebe es dazu keine Gelegenheit mehr. Er meinte damit, dass das Superwahljahr 2011 nun zu Ende ist. Doch man kann die Äußerung auch anders verstehen: Die gefühlte Lage der Genossen wird von der politischen Großwetterlage eingeholt. Am Rande des Fototermins gibt Steinmeier ein Fernseh-Interview. Es geht um den desolaten Zustand der Koalition, die Gefahren an den Finanzmärkten und die Angst vor nationalistischen Kampagnen bei möglichen Neuwahlen. Ziemlich ernste Themen also.Party war gestern. Nun bestimmt wieder die Krise den Alltag.------------------------------Foto: "Von dir kann man noch Wahlkampf lernen." Sigmar Gabriel und Klaus Wowereit am Montag im Willy-Brandt-Haus.