Ausgrabungen: Archäologische Sensation mitten in Berlin

Berlin - Kleine Testfrage zum Einstieg: Wie alt ist Berlin? Antwort: 775 Jahre, natürlich. Wird doch dieses Jahr überall groß gefeiert. Doch die Antwort ist nicht ganz richtig. Tatsächlich haben schon weit vorher Menschen im Urstromtal zwischen Teltow und Barnim gelebt. Das wissen Historiker schon lange, doch relativ selten gibt es handfeste Beweise für Siedlungen. Nun sind welche gefunden worden. Auf einer Hotel-Baustelle auf der Spreeinsel in Mitte, Kloster-/Ecke Stralauer Straße.

Gerne zeigt René Bräunig eine Handvoll Scherben mit eigentümlichem Dekor. „Wir haben Fragmente von Gefäßen aus der Glockenbecherkultur gefunden. Aus dieser Zeit findet man sonst vielleicht mal Gräber“, sagt der Archäologe, der auf der Baustelle gräbt. Die Glockenbecherkultur gehört der Jungsteinzeit an. Andere Funde wie Pfeilspitzen aus Feuerstein und Überreste von Häusern sind wohl noch älter, aus der Mittelsteinzeit. Diese Zeitalter begannen hier vor etwa 8 000 und endeten vor etwa 4000 Jahren.

Wenn René Bräunig erzählt, wird Geschichte lebendig. „Wir dürfen davon ausgehen, dass wir auf eine Siedlung einer Sippe gestoßen sind, die auf der Spreeinsel siedelte“, sagt er und verweist auf die Reste von Pfahlbauten, die er mit seinem Team gefunden hat. „Das dürften Teile eines Langhauses sein.“ Damals lebte eine Sippe samt Vieh in einem einzigen, bis zu 50 Meter langen Haus. Sie waren Nachfolger der Jäger und Sammler, solche Sippen waren die ersten sesshaften Berliner.

Hinzu kommen Funde wie Fischschuppen oder Reste von verkohltem Getreide, die wertvollen Aufschluss über die Ernährungsweise der Sippe geben könnten. Um das zu sichern, schlämmen Bräunigs Leute des ausgehobenen Sand, wässern ihn also und lassen ihn durch ein Sieb laufen.

Älteste Straße Berlins

Im Laufe der Jahrtausende kamen auf dem Fundplatz weitere Kulturschichten hinzu. Bräunigs Mannschaft hat aus Mittelalter und Barock Gürtelschnallen, Armbrustbolzen, aber auch gut erhaltene Kellermauern geborgen. „Da drüben liegt sicher noch mehr“, sagt Bräunig und deutet auf den Rand der Stralauer Straße. Das sei die älteste Straße Berlins. Sie führte entlang der Spree vom Oberbaum, einer alten Zollstation, zur Mühlendammschleuse. „Da werden wir noch vieles finden“, so Bräunig. Hübsches Zeug möglicherweise, aber nicht zu vergleichen mit den Glockenbecherscherben.

Doch nicht alle sind so enthusiastisch wie die Urzeit-Buddler. André Sudmann etwa ist es herzlich egal, was bisher geborgen wurde. Sudmann ist Geschäftsführer der Projektentwicklungsgesellschaft KapHag, die dort ein Drei-Sterne-Hotel errichten will – Archäologie ist da ein Kostenfaktor.

Fundstücke gehören dem Land Berlin

Wie jeder Bauherr im historischen Berlin muss auch die KapHag graben lassen. Dabei gilt das Verursacherprinzip: Wer buddelt und etwas findet, muss das auch bezahlen. Wenn tatsächlich etwas gefunden wurde, greift das sogenannte Regalrecht: Alles, was im Boden gefunden wird, gehört dem Land Berlin. Also im Zweifel auch 6000 Jahre alte Pfeilspitzen oder Bröckchen von ollen Pfählen.

Archäologe Bräunig hat schon entsprechende Wissenschaftseinrichtungen verständigt. Gut möglich also, dass die Funde von der Stralauer Straße später im Museum für Vor- und Frühgeschichte zu sehen sind, das seine Artefakte im Neuen Museum auf der Museumsinsel zeigt. Der Bauherren hat normalerweise nichts davon.

Im aktuellen Fall ist das nicht schlimm, denn KapHag-Manager Sudmann nimmt die Grabungen zur Kenntnis. Mehr nicht. Wichtig ist die Einhaltung der Termine. „Es wäre schön, wenn man dieses Jahr noch mit dem Bau beginnen könnte“, sagt er. Im Frühjahr 2014 soll Eröffnung sein. Auf die Funde wird übrigens keine Rücksicht genommen. Die alten Kellermauern sollen gesprengt werden, an ihrer Stelle eine Tiefgarage entstehen.