Es sollte selbstverständlich sein, das gute Gebot zur sicheren Durchquerung des Alltags. Aber das Urteil des Bundesgerichtshofs, das Radfahrern ohne Helm einen vollen Anspruch auf Schadenersatz zubilligte, hat zugleich einen kulturellen Kampfplatz abgesteckt, auf dem Vernunft, Risikofreude und andere gesellschaftliche Verkehrsformen verhandelt werden. Für Reinhard Müller geht es in der FAZ bei der Verwendung einer schützenden Kopfbedeckung keineswegs bloß um eine rationale Entscheidung.

Er hat den Straßenverkehr als kriegerischen Schauplatz im Blick. „Radfahrer sind heute innerorts mitunter mit der Geschwindigkeit von Kraftfahrzeugen oder motorisierten Zweirädern unterwegs; hier stellt übrigens niemand die Helmpflicht in Frage. Zudem dürfen Fahrradfahrer oft Einbahnstraßen in entgegengesetzter Richtung befahren, was in den überfüllten Städten ebenso reizvoll wie risikoreich ist. Es zwingt freilich auch die Autofahrer zur Rücksichtnahme. Und hier liegt auch der Schlüssel für die Abwägung zwischen Selbstbestimmung und Bevormundung: Verschulden setzt Verhalten voraus. Wer die Straße als Kriegsgebiet betrachtet, der muss die Konsequenzen tragen.“

Etwas friedlicher ist Stefan Geiger unterwegs. In der Stuttgarter Zeitung befasst er sich angesichts des Helmurteils mit der Natur des Menschen. „Der Mensch aber ist unvernünftig. Und er liebt das Risiko, nicht nur beim Fahrradfahren. Viele tun das jedenfalls. Einzelne steigen in tiefe Höhlen. Viele fahren Motorrad. Die Rehazentren sind voll von den Unfallopfern. Es gibt Menschen, die rauchen, es gibt Menschen, die saufen. Vor allem gibt es unzählige Menschen, die sich bis zum Herzinfarkt in ihren Beruf hineinsteigern, weil sie dem Irrglauben erliegen, ohne sie gehe es nicht. Die Welt wird von der Unvernunft mit angetrieben. Die Freiheit ist die Schwester der Unvernunft. Das Verbot dagegen wird stets mit der Vernunft begründet. Ein Risiko einzugehen, auch ein Risiko, das man nicht voll überblicken kann, sich jedenfalls nicht eingestehen möchte, gehört zum Kernbereich eines freien Lebens. Das Fahrradfahren ohne Helm ist lediglich ein Symbol dafür.“

Die taz will Klarheit und ruft nach geregelten Verhältnissen. Malte Kreutzfeldt fragt: „Warum werden eigentlich die Kosten eines Helms nicht als Präventionsmaßnahme von der eigenen Krankenversicherung übernommen? Angesichts der medizinischen Kosten einer Schädelfraktur müsste sich das doch auch für die Kassen rechnen. Zudem lenkt der Streit über den Helm von anderen, deutlich größeren Gefahren für Radfahrer ab. Um das Unfallrisiko für Fahrräder zu verringern, brauchen diese mehr Platz im Straßenraum.“

Die Allgemeine Zeitung in Mainz glaubt indes, dass es noch um etwas ganz anderes geht. „Es gab Zeiten, da gab es keine Anschnallpflicht in Autos. Motto: Freie Fahrt für freie Bürger. Aber diese Art von Freiheitsphilosophie ist oft Lüge; in Wahrheit ging und geht es oft um Kommerz und die Angst von Lobbyisten, Menschen würden weniger Autofahren oder mit weniger ‚Spaß‘, wenn ein Gesetz reglementiert.“