Sechshundert Seiten über Walter Ulbricht. Das ist schon so eine große Herausforderung. Aber dann von Egon Krenz, dem letzten seiner Nachfolger! Wer soll das lesen?! Es ist kein Buch zum Lesen. Egon Krenz hat – wenn ich mich nicht verzählt habe – 71 Zeitgenossen befragt. Die meisten davon kannten ihn. Sehr viele kannten ihn sehr gut. Egon Krenz ist in keine Archive gegangen und hat die Erinnerungen der von ihm Befragten überprüft, er hat sie noch nicht einmal gegeneinander gecheckt. Er hat sie auch nicht ausgequetscht oder gar vernommen. Er hat sie von Genosse zu Genosse befragt. Und er hat genossenschaftliche Antworten bekommen.

Dagegen ist nichts zu sagen. Man sollte das nur nicht mit Geschichtsschreibung verwechseln. Egon Krenz tut das nicht. Aber dann wieder scheint er zu glauben, das von ihm ermittelte Material korrigiere tatsächlich irgendetwas. Er schafft es, „seine Partei hatte vorausgesagt: Wer Hitler wählt, wählt Krieg“ hinzuschreiben, ohne hinzuzufügen, dass die KPD auch den „Sozialfaschismus“ der SPD als Hauptgegner ausgemacht hatte und später die Politik des Hitler-Stalin-Paktes unterstützte. Ulbricht immer mittenmang oder gar vorne dran.

Vorausgesetzt, man liest das Buch nicht, kann man beim Blättern auf schöne Geschichten stoßen. Zum Beispiel, wenn Elfriede Leymann erzählt, wie ihre in Leipzig lebende Familie nach dem Krieg Carepakete aus den USA bekam. Der Onkel in den USA schickte die Pakete nach Bad Segeberg. Von dort gingen sie weiter nach Leipzig. Ohne Probleme. Absenderin war nämlich Walter Ulbrichts Schwester Hildegard Niendorf. Herbert Graf, einer der engsten Mitarbeiter Ulbrichts, spricht begeistert von der im April 1968 verabschiedeten Verfassung der DDR: ein Höhepunkt der sozialistischen Demokratie.

Na dann, sagt der Leser und blättert weiter. Zum Beispiel zu Albert Kosing einem der Chef-Gesellschaftswissenschaftler der DDR. Man könnte die Sätze 1 und 2 seines Beitrags zitieren und mit einem Male stünde als lebender Leichnam der ja damals schon abgestorbene Politjargon der SED-Führung vor einem. Aber das waren Bandwurmsätze, die sich hier nicht zitieren lassen. Margot Honecker erklärt die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf dem Boden der DDR für einen großen Fehler der Sowjetunion. Sie vergisst zu sagen, seit wann sie das so sieht. Sie endet mit dem Satz, der nur wenig abgewandelt in allen Beiträgen vorkommt: „Walter Ulbricht war einer der hervorragenden Führer der deutschen und der internationalen Arbeiterbewegung.“

Egon Krenz hat die alten Kader ein Buch für die alten Kader schreiben lassen. Balsam für ihre Seelen. Oft sehr komisch. Eines der beliebtesten Bücher des Hochmittelalters war die Legenda Aurea, eine Sammlung von Heiligenlegenden. Der Kommunist Egon Krenz hat diese große abendländische Tradition wiederbelebt.