Dieses Buch ist ein Aufschrei. Die beiden Pflegekritiker Claus Fussek und Gottlob Schober wollen, dass wir uns empören. Dass wir es nicht mehr hinnehmen, wenn die Würde alter und hilfsbedürftiger Menschen verletzt wird. „Es ist genug! Auch alte Menschen haben Rechte“ haben sie ihr neues Buch über den Pflegenotstand genannt. Aus jeder Zeile spricht die Enttäuschung, dass sich seit ihrem ersten gemeinsamen vor fünf Jahren erschienenen Bestsellers „Im Netz der Pflege-Mafia – wie mit menschenunwürdiger Pflege Geschäfte gemacht werden“ nichts an den Zuständen geändert hat. Noch immer würden alte Menschen in vielen deutschen Pflegeheimen und sogar in den eigenen vier Wänden misshandelt, ja gefoltert, beklagen sie jetzt.

Und nichts anderes als Folter ist schlechte Pflege für die beiden Autoren. Das klingt dramatisch, aber ist es auch übertrieben? Die beiden Autoren finden nicht und zählen 20 Grund- und Menschenrechte auf, die für alte und pflegebedürftige Menschen gelten müssten. Es sind Selbstverständlichkeiten, die sie fordern. Ausreichend Essen und Trinken, Bewegung und frische Luft, Toilettengänge, angemessene Medikamentenversorgung, Schutz und Sicherheit auch in der Nacht. Doch in der Praxis würden selbst diese grundlegenden Bedürfnisse oft genug nicht erfüllt. In der Praxis sei die Würde des Menschen vielfach eine Frage des Alters und der Fitness, das zeigten die vielen von ihnen recherchierten Beispiele und die 50 000 Briefe, E-Mails und telefonischen Beschwerden von Angehörigen und Pflegekräften, die sie im Laufe der Jahre bekommen haben.

Kenntnisreich schildern Fussek und Schober haarsträubende Beispiele aus dem deutschen Pflegealltag und politische Versäumnisse. Sie kritisieren das falsche Anreizsystem in Deutschland, das Pflege zu Hause schlechter honoriert als ambulante und am meisten Geld für die Betreuung im Heim zahlt. Anders als den beiden engagierten Pflegekritikern oft vorgeworfen wird, sprechen sie aber nicht pauschal die Pflegebranche schlecht. Nein, sie loben motivierte Pfleger, die es schaffen, die Menschen gut und würdig zu pflegen. Sie stellen aber auch die Frage, warum es so große Qualitätsunterschiede gibt. Und sie nehmen die Angehörigen in die Pflicht, die ihre Verantwortung für die Eltern oder Großeltern nicht an der Heimtür abgeben dürfen. Sie seien es ihren Familienmitgliedern schuldig, genau hinzusehen.

Vor allem aber regen sich die Autoren auf, dass sich niemand empört, wenn alte Menschen gefesselt werden oder mit Psychopharmaka ruhig gestellt werden. Dass wir die Missstände bei der Pflege hinnehmen. Wer das schmale Büchlein, es ist gerade mal 208 Seiten lang, mit dem Zwischenruf des vor kurzem verstorbenen Kabarettisten Dieter Hildebrandt gelesen hat, wird nicht mehr ruhig sein.