Die Zeitschrift Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. So jedenfalls steht es auf der ersten Innenseite des 1947 gegründeten Forums für intellektuelle Auseinandersetzungen. Von der ersten Stunde an kam es in formaler Strenge daher. Das Inhaltsverzeichnis wurde direkt auf den Titel gedruckt, Geradlinigkeit und Transparenz sollten auch die inhaltliche Ausrichtung bestimmen. In den fast 70 Jahren ihres Bestehens wurde das Layout des Blattes nur dreimal überarbeitet. Mit dem aktuellen Januarheft verändert der Merkur erneut sein Gesicht, für den Umschlag wurde ein offenporiger Karton gewählt, der zwar verletzlicher ist, sich dafür aber, so die Herausgeber, angenehm papieren anfühlt.

Der Merkur hebt so seine Rückbindung ans Analoge hervor, befasst sich in seiner ersten Ausgabe des Jahres aber schwerpunktmäßig mit verschiedenen Entwicklungen der digitalen Welt. Den interessantesten Beitrag hat der Soziologe Dirk Baecker beigesteuert, indem er der Frage nachgeht, inwieweit die Nullzinspolitik der Notenbanken insgesamt eine kulturelle Entwertung des Geldes markiere. Wir haben es demnach nicht nur mit Stabilitätsschwankungen an den Devisenmärkten zu tun, sondern gehen einer Gesellschaft entgegen, in der das Geld an Dominanz verliert. Könnte es also sein, fragt Baecker, dass der Wertverlust des Geldes auch damit etwas zu tun hat, dass andere Währungen und Medien flüssiger geworden sind?

Die digitalen Austauschformen deuten jedenfalls darauf hin. Der Handel mit Informationen und der Umsatz von Wissen verlaufen immer stärker jenseits des durch Geld vermittelten Warentauschs, im Internet scheinen neue Prinzipien der Orientierung längst wichtiger. „Man könnte den Bedeutungsverlust des Geldes, nach dem wir hier fragen, auf ein einziges Faktum reduzieren, auf das Faktum der nahezu kostenlosen Kopierbarkeit digitaler Produkte. Das ist unbestreitbar wichtig, denn es hat zahlreiche Industrien, deren Geschäftsmodelle auf Kopiersperren, also Exklusionspraktiken dieser oder jener Art beruhen, in größte Schwierigkeiten gebracht und anderen Industrien, die eher auf eine Dynamik der Ansteckung setzen, ungeahnte Erfolge beschert. Aber noch wichtiger scheint mir zu sein, dass Geld und Kapital ebenso wie Macht und Politik, ganz zu schweigen von Forschung und Wissenschaft, Gott und Religion, sogar Kunst und Ästhetik, im Handumdrehen ausgehebelt werden können, wenn sich nur die richtige Verbindung, auf die viele, ohne es zu wissen, gewartet haben, einstellt. Man könnte von Killerverbindungen sprechen, deren Logik eine Logik der Ansteckung ist.“

Macht und Geld, so Baecker, werden nicht überflüssig, aber sie rücken ins zweite und dritte Glied. Entscheidend werde nun eine Art korrekturbereites Wissen sein, das mit einer unvorhersehbaren Logik der Ansteckung rechnet und heterogene Sachverhalte jederzeit für wahrscheinlicher hält als noch so bewährte Institutionen.“