Auslese: Russisches Anglerlatein

Noch nie hatten die PR-Leute des Kremls ein besonders glückliches Händchen, wenn es darum ging, das Sommerloch in den russischen Medien mit Meldungen über die Freizeit-Aktivitäten ihres Chefs Wladimir Putin zu füllen. Ob der russische Präsident betäubte und vor sich hindämmernde Tiger streichelte, nach griechischen Amphoren tauchte, mit den Kranichen flog oder anzüglich homoerotisch seine Brustmuskeln vorzeigte – immer wieder wird er danach in den Internet-Blogs mit Häme überschüttet. So auch jetzt, als Putin im fernen Tuwa angeblich einen Hecht gefangen hat, der angeblich 21 Kilogramm wog. Diesmal geriet die Diskussion im Netz so heftig, dass sich Kreml-Sprecher Dmitri Peskow zum Eingreifen genötigt sah.

Harmlos war noch, dass der Blogger Koch das Gewicht des von Putin vorgezeigten Fisches infrage stellte. Niemals sei dieser Hecht 21 Kilogramm schwer, schrieb er. Und a_zudin stellte zu seinen Zweifeln Fotos von Exemplaren zwischen sechs und 22 Kilogramm. Überhaupt sei der Fisch dem Präsidenten wohl von Tauchern an den Haken gehängt worden, wird vielfach gemutmaßt. Doch die Angriffe im Netz wurden auch schärfer: Die Fotos und das Video aus dem Quellgebiet des Jenissei seien nicht nur gestellt, sondern getürkt, schrieben zahlreiche Blogger. Möglicherweise wurden die Aufnahmen schon vor Jahren produziert. Als Indiz für die Behauptungen dient die Cargohose Putins, die dieser bereits 2007 beim Fischfang an gleicher Stelle getragen hatte, und seine Armbanduhr, die er seinerzeit einem Hirten geschenkt hatte.

In der von der staatlichen Nachrichtenagentur verbreiteten Erwiderung versucht es Präsidentensprecher Peskow zunächst mit humorigem Verständnis für die Blogger: Es sei Sommer, Langeweile, da müsse man halt ein bisschen quatschen. Doch dann wird er ernst: „Ich kann mit voller Verantwortung erklären, dass sie unrecht haben.“ Er selbst habe dem Wiegen des Fisches beigewohnt. Die Kleidung, die Putin trage, sei neu, die Uhr lediglich die gleiche Marke wie 2007. Putin habe sie sich noch einmal gekauft, weil er so daran gewöhnt gewesen sei. In der Internet-Zeitung gazeta.ru gibt Konstantin Kalatschow vom PR-Team des Kremls immerhin zu, die Berichterstattung aus dem Urlaub erhöhe die Popularität Putins nicht direkt. Aber insgesamt würden die Menschen allem, was Putin tut, mit Verständnis begegnen.

Einen gibt es, den beeindruckt der tolle Hecht Putins überhaupt nicht. Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko ließ sich am Dienstag vom Fernsehsender ONT dabei ablichten, wie er eine Versammlung „zu Fragen der Vervollkommnung der Regeln für Jagd und Fischfang leitete“, wie der Nachrichtensprecher umständlich erläuterte. Lukaschenko verkündete da dem staunenden Publikum, er selbst habe einen Wels gefangen, der 57 Kilogramm gewogen habe. Geschehen sei das im Süden seines Reiches am malerischen Flüsschen Pripjat. Das übrigens fließt, bevor es nach Weißrussland kommt, am Kernkraftwerk Tschernobyl vorbei. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.