Als unerreichter Held aller Zauderer, Aufschieber und Handlungsverweigerer gilt seit jeher Iwan Gontscharows literarische Figur Oblomow, der in seinem kunstvollen Nichtstun kaum Gefahr läuft, zu verzweifeln oder zu verzagen. Aber so sympathisch Oblomows Begabung, in Würde zu scheitern, auch erscheinen mag, bleibt sich der geneigte Leser doch immer bewusst, hier einen Müßiggänger als Anti-Held vorgeführt zu bekommen. An Oblomow kann man eine Art stilvolle Verwahrlosung goutieren, als Ratgeber für knifflige Lebenslagen hat Gontscharow seine Figur aber eher nicht angelegt. Don’t try this at home.

Der Berliner Autor und Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur (ZIA), Holm Friebe, dürfte seine flott hingeworfene „Stein-Strategie“ aber sehr wohl als Vademecum verstehen, mit dessen Hilfe man lernen kann, auch mal einen Gang runterzuschalten. Es wendet sich jedenfalls dezidiert gegen jegliches Tun unter Entscheidungszwang und Anpassungsdruck. Kann schon sein, dass oft der richtige Augenblick entscheidet. Man muss aber schon aus Gründen des eigenen Wohlbefindens in der Lage sein, den ein oder anderen verstreichen zu lassen. Von Steinen lernen, zitiert er den begnadeten Dichter Robert Gernhardt, heißt Liegen lernen. Die von Friebe gepriesenen Vorzüge der Gravität erwachsen aus der unerschöpflichen Energie, die Steine in sich tragen, um am Boden zu bleiben.

Das verdrießliche Gegenbild dazu gewinnt Friebe aus der Meterware der Ratgeberliteratur, für die Handeln, egal wozu, die erste Botschaft ist. Überall anstrengende Leute, die unsere Trägheit bekämpfen wollen. Proaktiv gehört zu den Lieblingsvokabeln dieser konfektionierten Organisierer und Entscheidungshelfer, die einen Sound des permanenten Vollalarms erzeugen und es in dem Berufsbereich des Change-Managements zu beachtlichen Stundensätzen in harter Währung gebracht haben. Dagegen mag ein zumindest vorübergehender Aufenthalt in der Schule des Nach- und Bleibenlassens helfen.

Hyperaktivität

Holm Friebe hat die Probleme einer zivilisatorischen Hyperaktivität erkannt, aber er präsentiert seine Gegenstrategie selbst auffällig nervös. Er karrt mit einigem Aufwand einen beachtlichen Zitatschatz heran, und seine Geschichten zur Illustration seiner Gedanken lesen sich amüsant. Die Gabe zum Verweilen und Ausführen ist dem Autor aber nicht gegeben. Recht abenteuerlich wird es im Feld der politischen Analogien, wo Helmut Kohls Strategie des Aussitzens gerühmt und der daraus resultierende Merkiavellismus als kluge Verfeinerung betrachtet wird. Was hier als erfolgreiches Nicht- oder Später-Handeln gepriesen wird, dürfte aus der Sicht von Merkels innerparteilichen Gegnern als gnadenloser Killerinstinkt aufgefasst worden sein. Politische Gelassenheit jedenfalls sieht anders aus. Das Steinhafte ist pure Simulation.