Der große Zeithistoriker Heinrich August Winkler hat gerade den vierten Band seiner monumentalen „Geschichte des Westens“ vorgelegt. Ein brandaktuelles Werk, das sich im letzten Kapitel unter dem Titel „Das Ende aller Sicherheit“ mit der Zeit seit 2008 befasst – also mit den aktuellen Großproblemen: Finanz- und Euro-Krise, Scheitern des arabischen Frühlings, Iran und Israel, Ukraine-Konflikt und Globalisierung des Terrors. Mit großer Klarheit und Faktenfülle betrachtet er diese Komplexe und auch die Jahre seit 1991. Sein Werk macht ihn verständlicherweise zu einem gefragten Gesprächspartner, zumal der Westen nun oft als krisengeschüttelt, ja womöglich im Niedergang beschrieben wird.

Klar ist für Winkler, wie er im Deutschlandfunk sagte: „Die größte Bedrohung kommt immer aus dem Westen selbst, von einem Westen, der seine eigenen Werte verleugnet, und das hat der Westen oft genug getan. Das Jahr 2014 ist sicherlich aus den von Ihnen beiden genannten Gründen zu einem Epochenjahr geworden. Einerseits haben wir erlebt die russische Aggression gegen die Ukraine, beginnend mit der Annexion der Krim. Damit endet in gewisser Weise die Zeit nach dem Kalten Krieg, die Epoche, die gekennzeichnet war durch die Hoffnung, es werde sich nach den friedlichen Revolutionen ist Ostmitteleuropa über kurz oder lang so etwas wie ein trikontinentaler Friedensraum im Zeichen der Demokratie von Vancouver bis Wladiwostok herausbilden. Diese Hoffnung hat Putin zerstört.“

Die andere Bedrohung sei der islamische Terror, der ein Angriff auf die westlichen Werte gewesen sei, wie etwa die Anschläge in Paris gezeigt hätten. Die Werte des Westens hätten es in islamischen Gesellschaften auch deshalb schwer, weil zwischen göttlichen und irdischen Gesetzen in islamischen Gesellschaften häufig nicht klar unterschieden werde. „Es gibt im Koran keine Stelle, die sich vergleichen lässt mit der für den Westen und für das Christentum so grundlegenden Aussage von Jesus, gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Von daher ergebe sich etwa die Auffassung islamischer Rechtsgelehrter, „die Menschenrechte dürften allenfalls im Rahmen der Scharia gelten, aber dann gelten sie im Zweifelsfall eben nicht. Und das ist der große Lernprozess, der sich in islamischen Gesellschaften vielfach erst noch vollziehen muss.“

Doch auch klassische Demokratien seien immer gefährdet. Die Geschichte des Westens ist für Winkler „eine Geschichte von Kämpfen um die Anerkennung oder Verwerfung der Werte der amerikanischen Revolution von 1776 und der Französischen Revolution von 1789. Es ist aber auch immer eine Geschichte von Verstößen gegen die eigenen Werte. Außer Sklavenhandel und Sklaverei würde ich nennen Kolonialismus, Imperialismus, Rassismus, alles auch Hervorbringungen des Westens. Aber die Geschichte des Westens ist eben auch eine Geschichte von Lernprozessen, von Selbstkorrekturen und Selbstkritik.“ Ausgang ungewiss.