Larissa aus dem Dschungelcamp tut es und der Markus und die Sahra auch. Was früher einmal Meinungsverschiedenheit genannt wurde, läuft heute bevorzugt auf die Behauptung zu, diese oder jener spalte – nun ja – die Nation. Das bringt gestandene Medienleute wie Oliver Stock vom Handelsblatt angesichts der Online-Petition gegen TV-Moderator Markus Lanz ins Grübeln. „Manchmal frage ich mich, ob ich zu denen von gestern zähle. Ich frage mich das, wenn ich in Kategorien wie ‚Das gehört sich nicht‘ denke.

Ich frage mich das, wenn ich einen Gedanken für mich behalte, anstatt ihn zu teilen. Ich frage mich das, wenn Menschen anonym und online andere unter Druck setzen und glauben damit jene Freiheit optimal zu nutzen, die ihnen das Netz schenkt. Ich frage mich das, wenn Tausende ein Häkchen hinter einen Aufruf setzen, der das ZDF dazu bringen soll, seinen Moderator Markus Lanz zu feuern.“ Stocks Antwort auf seine Selbstbefragung bleibt ambivalent. „Das Netz lässt Meinungen zu. Das ist sein großer Gewinn. Aber es vervielfältigt sie ins Unendliche und entwertet sie dadurch. Das ist sein großer Fluch.“

Da ist Hajo Schumacher, selbst oft Gast in Sendungen, in denen die Übung, anderen das Wort abzuschneiden, häufig und gern praktiziert wird, in der Berliner Morgenpost entschiedener. „Die Petition dient Minderheiten als Instrument, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Für Berufsverbote sind Petitionen nicht vorgesehen. Der Anti-Lanz-Aufruf kommt im Gewand des Bürgerentscheids daher, ist aber in Wirklichkeit digitales Mobbing. Denn hier geht es nicht um große Probleme, sondern um Befindlichkeit, Geschmack und Meinung, also private Dinge, die auch mit dem ewig wiederholten Hinweis auf die Rundfunkgebühren nicht gesellschaftsrelevanter werden. Nie war es einfacher, im Minutentakt aufbrausenden Stimmungen den Anschein von demokratischer Mitbestimmung zu verleihen.“

Trotz all der Nebengeräusche ist die Allgemeine Zeitung in Mainz an der Debatte um Fernsehkritik, um die es dabei auch geht, interessiert. „Von Bedeutung ist dieser ‚Shitstorm‘ allein, weil er die Diskussion um die Qualität von Unterhaltungs- und Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das wir alle mit Zwangsbeiträgen finanzieren, erneut öffentlichkeitswirksam in den Fokus rückt. Und aus diesem wird sie hoffentlich nicht wieder so schnell verschwinden. Dabei geht es nicht darum, ob es ein Medienprofi wie die Linke Sahra Wagenknecht aushalten kann oder muss, von Markus Lanz auf unterstem Niveau befragt zu werden.

Oder ob es anonymen Internetnutzern zusteht, vom ZDF die Entlassung eines Moderators zu fordern. Solche Debatten sind Ablenkungsmanöver. Es geht schlicht um die Frage, welche Formate und auch (hoch bezahlte) Moderatoren ein beitragsfinanziertes Fernsehen seinen Zuschauern anbieten soll und darf. An dieser Stelle sei der Moderator Alfred Biolek zitiert: ‚Die Masse ist nicht so blöd, wie sie von Unterhaltungsmanagern gemacht wird.‘ Und die Quote derjenigen, die abschaltet, ist nicht zu verachten.“