Selbst als politikinteressierter Zeitgenosse hat man es dieser Tage nicht leicht, die dramatischen Zuspitzungen an den wechselnden Krisenherden der Welt zu verfolgen und verlässlich zu deuten. Antje Vollmer, die frühere Fraktionsvorsitzende der Grünen im Deutschen Bundestag, und der Publizist Hauke Ritz sind um Orientierung bemüht. In einem Essay, nachzulesen auf Antje-Vollmer.de, betrachten sie die aktuellen Krisen im Zeichen eines geopolitischen Wandels der Welt nach 1989. „Nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs begann eine neue Epoche westlicher Außenpolitik, die durch die neokonservative Strategie geprägt war. Viele der damals formulierten überschwänglichen Ziele und Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Stattdessen häufen sich Misserfolge, für die die Namen Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien, Georgien und seit kurzem auch Ukraine stehen. Wie ist es zu dieser Situation gekommen?“

An einer Antwort versuchen sich die Autoren gleich selbst. „Fatalerweise war es vermutlich gerade die Leichtigkeit, mit der das sowjetische Blocksystem zusammenbrach, die der realpolitischen Schule und den geopolitischen Strategen in Washington, London und Bonn damals nahe legten, jetzt könne man die Landkarte Europas und dazu gleich noch das bestehende Völkerrecht in Windeseile verändern und damit ohne nennenswerte eigene Opfer Geschichte schreiben. Die Situation lud zu Umbrüchen ein, die Legende von der friedlichen demokratischen Revolution überzeugte Massen und Medien – der Mythos von dem ‚Fenster der einmaligen Gelegenheit‘, das nur beherzt von tatkräftigen Staatsmännern aufgestoßen werden müsse, schien überzeugend und befreite von unnötigen Grübeleien.“

Die neuen Verhältnisse hatten auf viele Akteure eine enorme Verführungskraft, die heutigen Konflikte haben demnach hier ihre Wurzeln. „Die Angebote der neoliberalen und auf Globalisierung ausgerichteten Wirtschaftsschule der Neokonservativen versprachen den schnellstmöglichen Anschluss an westlichen Wohlstand und den größtmöglichen Abstand zur untergegangenen Sowjetwelt. Für die begabten jungen Eliten dieser Länder – die meisten kamen aus den staatlich organisierten Jugendorganisationen, zu denen ein Michail Chodorkowski genau so gehörte wie Julia Timoschenko oder Angela Merkel – wurde dieses Versprechen auch glanzvoll erfüllt und machte sie zu besonders gelehrigen Musterschülern und Propagandisten der herrschenden Wende-Ideologien.“

Vollmer und Ritz hoffen auf eine Neuausrichtung der Außenpolitik im Namen geopolitischer Klugheit. „Die militanten und oft im Ton äußerst aggressiven medialen Lifestyle-Kampagnen – Mohammed-Karikaturen, Freiheit für Google (!) und Starbucks, Olympia-Boykott für den Dalai Lama – haben ihren Zenit überschritten. Sie waren Teil einer leichtfertigen kulturellen Trunkenheit, der politische Alltag kehrt zurück.(…) Wenn alle neokonservativen Illusionen und Weltherrschaftsträume verflogen sind, bleibt uns hoffentlich noch Zeit genug, dahin zurückzukehren.“