Alle Welt spekuliert derzeit munter drauflos, was den russischen Präsidenten Wladimir Putin getrieben haben mag, den Konflikt um die Krim derart zu eskalieren. Die Situation habe nichts zu tun mit einer akuten Bedrohung für die Bürger der Krim, schreibt die Moskauer Zeitung Wedomosti am Mittwoch. „Die Entsendung eines russischen Kontingents auf die Krim – das ist die aktuelle Episode der Konfrontation Wladimir Putins mit dem Konzert der westlichen Mächte“, ist das Blatt überzeugt.

In der Zeitung Iswestija unternimmt der Philosoph Boris Meshujew den Versuch zu erklären, warum Putin dieses, wie er schreibt, „sehr ernste Risiko“ eingeht. Es ist eine Analyse russischer Selbstwahrnehmung, die sich nicht arrogant abtun lässt, wenn man auf eine Verständigung mit Russland aus ist. Putin bestehe darauf, so der Autor, in Kiew habe nicht einfach „ein Machtwechsel stattgefunden, sondern ein hervorragend vorbereiteter Militärputsch“. Der Autor erinnert daran, dass eine solche Erklärung nicht aus der Luft gegriffen sei oder gar von Wirklichkeitsverlust zeuge. Die Amerikaner hätten solche Putsche schließlich schon früher organisiert: 1953 im Iran, 1973 in Chile. „Und nun fand im Februar 2014 ein Putsch in unmittelbarer Nähe Russlands statt und bedrohte die Sicherheit von Menschen, die sich kulturell mit unserem Land verbunden fühlen.“

Der Krim-Krieg habe gezeigt, dass Russland „niemals und von niemandem als natürliches und vollwertiges Mitglied der westlichen Gesellschaft begriffen wird“, betont Meshujew. „Grundlage für die sicherheitspolitische Architektur der Welt ist immer noch die Eindämmung Russlands.“ Während die USA „und sogar Frankreich“ militärische Interventionen zur Verteidigung legitimer Regierungen gegen terroristische Gefahren zugestanden werde, sei dies für Russland undenkbar, beklagt Meshujew. Niemand würde sich erlauben, den französischen Präsidenten Hollande mit Mussolini zu vergleichen, weil er Hubschrauber nach Mali schickte. Putin habe nichts dergleichen getan und doch verglich ihn ein amerikanischer Kommentator mit Hitler.

„Die neue Weltordnung“, schreibt der Autor der Iswestija, „das ist eine Ordnung, in der Russland nichts anderes übrig bleibt, als sich sein Recht zu erkämpfen, wenigstens eine Regionalmacht mit ihren legitimen regionalen Interessen zu sein.“ Das Wichtigste dieser Interessen sei es, eine Destabilisierung benachbarter Territorien nicht zuzulassen.

Für die Ukraine sei der Verlust der Krim eine unerwartete und wichtige Chance, meint die Zeitung Wedomosti ohne jeglichen Sarkasmus. Ein Marschall-Plan westlicher Hilfe „für die Ukraine scheint heute um Größenordnungen wahrscheinlicher als noch vor drei, vier Tagen“. Die Führung in Kiew müsse aber erkennen, dass die Rückgewinnung der Krim für sie kein aktuelles Ziel sein könne. „Zentrale Aufgabe sind jetzt Reformen und auf deren Grundlage die Konsolidierung des Staates.“ Sich darauf zu konzentrieren, sei jedoch schwierig, da es viel verlockender sei, mit der Krim Wahlkampf zu machen. Frank Herold