Drei Monate vor dem Start des neuen Ladenschlußgesetzes lockern sich jetzt die Bedingungen für Berliner Bäcker: Sie dürfen mit schriftlicher Genehmigung auch am Sonntag vormittag frische Brötchen verkaufen.Bisher konnten die rund 400 Bäckereien sonntags zwischen 14 und 16 Uhr nur Kuchen verkaufen. Ofenwarme Brötchen mußten sie aus ihrem Angebot streichen, die gab es erst am Montag morgen wieder. Grund war das seit 1915 geltende Sonntags-Backverbot. Daran hielten sich zwar auch in der Vergangenheit nicht alle, doch mit dem illegalen Geschäft ist es jetzt vorbei. Denn der Senat hat überraschend beschlossen, allen Firmen und Familienbetrieben, die es wünschen, eine Ausnahmeregelung zu gewähren."Bisher haben das erst drei Bäckereien beantragt, zwei weitere bekundeten ihr Interesse", sagt Walter Weise von der Senatsverwaltung für Soziales. Diese Firmen können zusätzlich zum Kuchenverkauf sonntags von 8 bis 11 Uhr Brötchen anbieten. Jedenfalls bis zum 1. November. Dann tritt das neue Ladenschlußgesetz in Kraft, und für die Öffnungszeiten der Bäckereien muß jedes Bundesland eine eigene Regelung finden. "Wie Berlin die künftigen Wochenend-Backzeiten handhaben wird, steht noch nicht fest", so Weise. Chance nutzen "Wir stellen extra noch zusätzliche Mitarbeiter ein, wollen auch am Sonntag morgen die Geschäfte öffnen. Auf jeden Fall nutzen wir die Chance", sagt Bäckermeisterin Helga Wiedemann. Zu ihrem Unternehmen gehören rund 170 Beschäftigte und 16 Läden. "Diese Verkaufsregelung ist nicht nur kundenfreundlich, auch das Personal hat dann am Sonntag nachmittag frei", so die Bäckermeisterin. Sie ist sicher, daß viele Kunden nicht nur knusprige Brötchen, sondern auch gleich den Sonntagnachmittags-Kuchen mitnehmen werden.Ursula Blank, Chefin der Bäckerei Kuglerstraße in Prenzlauer Berg, sieht vor allem höhere Kosten auf ihr kleines Unternehmen (15 Mitarbeiter) zukommen. "Ich werde nicht unter den ersten sein, die sich beteiligen. Aber wenn die umliegenden Backstuben am Sonntag früh öffnen, dann muß ich mitziehen", sagt sie. Viele Kunden würden sonst zur Konkurrenz wechseln. Bäcker meist dagegen Nach einer Umfrage der Bäckerinnung lehnen es sogar Dreiviertel aller Firmen ab, am Sonntag früh die Öfen anzuheizen. "Nur die wenigsten können sich damit anfreunden", erklärt Innungs-Obermeister Georg Hillmann. Sie fürchten, daß die jetzige Kuchenverkaufszeit wegfällt und künftig nur noch am Sonntag vormittag geöffnet werden darf. Aber Kuchen bringt mehr Umsatz, und dieses Geschäft wollen die Firmen nicht verlieren. Die Innung macht sich deshalb für den Vorschlag stark, die Entscheidung über die Öffnungszeiten den Bäckereien selbst zu überlassen. Der Senat will dagegen eine einheitliche Zeit für alle festlegen. Ähnlich wie für Blumenhändler, die sonntags von 10 bis 12 Uhr verkaufen dürfen, oder wie für Zeitungskiosk-Inhaber (6 bis 11 Uhr)."Die Konkurrenz untereinander nimmt mit der Ausnahmeregelung zu. Jeder versucht, dem anderen etwas wegzunehmen", ist Innungs-Obermeister Hillmann überzeugt. Große Backbetriebe könnten ab sofort in drei Schichten arbeiten. Dagegen komme ein Familien-Unternehmen kaum an und müsse auf einen "Rest Freizeit und Familienleben" verzichten. +++

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