BERLIN, 20. September. So hatte sich die SPD-Spitze den Endspurt im Wahlkampf nicht vorgestellt. Mit Justizministerin Herta Däubler-Gmelin verstrickt sich ausgerechnet eine der bislang angesehensten Ministerinnen in Widersprüche. Hat sie die Wahlkampfmethoden von US-Präsident Bush tatsächlich mit denen Hitlers verglichen? Am Freitag stand Aussage gegen Aussage.So viel ist bislang klar: Am Mittwochmorgen trifft sich Herta-Däubler-Gmelin in der Sportgaststätte im schwäbischen Derendingen mit 30 Betriebsräten der Tübinger Metallfirmen Flender und Walter AG. Titel der Veranstaltung: "Globalisierung und Arbeitswelt". Was die Politikerin nicht weiß: Unter den Anwesenden ist auch der Journalist Michael Hahn vom "Schwäbischen Tagblatt". "Hoch emotionale Diskussion"Im Verlauf des Gesprächs fragt ein Teilnehmer nach der Haltung Däubler-Gmelins zu einem möglichen US-Militärschlag gegen den Irak. Über den Wortlaut ihrer Antwort, die der Journalist Hahn nach eigener Aussage "getreulich" mitgeschrieben hat, gibt es unterschiedliche Darstellungen. Das gilt ebenso für den genauen Sinnzusammenhang, in dem ihre Worte gefallen sind. Das Tagblatt jedenfalls schreibt, die Ministerin habe dargelegt, dass der Grund für die Kriegsvorbereitungen der USA in der Innenpolitik zu suchen seien. "Bush will von seinen innenpolitischen Schwierigkeiten ablenken. Das ist eine beliebte Methode. Das hat auch schon Hitler gemacht", wird die Ministerin zitiert. Die Zuhörer seien dann unruhig geworden, worauf Däubler-Gmelin gleich zweimal betont habe, dass sie mit dieser Antwort in keinem Fall Bush mit Hitler gleichgesetzt habe. So weit die Darstellung der Zeitung. Dass in jener Unterhaltung über den Irak, den Krieg und Bush gesprochen wurde, bestreitet auch die Justizministerin nicht. Auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz am Freitagabend wirft Däubler-Gmelin der Zeitung aber eine verkürzte und aus dem Zusammenhang gerissene Darstellung des Gesprächsverlaufs vor. Es sei "abwegig und verleumderisch" sie mit dem umstrittenen Vergleich in Verbindung zu bringen. Die Zitate seien nicht so gefallen, wie sie gedruckt worden seien. Sie habe das Wort Hitler in der "hoch emotionalen Diskussion" zwar erwähnt, aber nur um klarzustellen, dass ein Zusammenhang zwischen Bush und den Nationalsozialisten gerade nicht zulässig sei. Eine präzise Darstellung des Verlaufs bleibt die Ministerin aber schuldig. Das Gespräch in Derendingen sei "hin und her gegangen" und man habe auch darüber gesprochen, dass in den USA selbst über eine "Ablenkungsmethode" der US-Regierung diskutiert werde. Zu einem späteren Zeitpunkt der Debatte habe sie gesagt: "Das kennen wir in unserer Geschichte seit Adolf Nazi." Einen direkten Bezug zu Bush habe es nicht gegeben. Als ein Zuhörer den Kopf geschüttelt habe, habe sie gesagt, einen Zusammenhang mit Bush dürfe es nicht geben. Auch die Darstellung in dem Tagblatt-Artikel, wonach sie den USA mit Blick auf die Todesstrafe ein "lausiges Rechtssystem" bescheinigt haben soll, weist sie zurück. Gleiches gilt für die Darstellung in Bezug auf Insider-Geschäfte. Die Ministerin soll laut Tagblatt gesagt haben, falls die heutigen Gesetze bereits in den 80er-Jahren gegolten hätten, "säße Bush heute im Gefängnis". Der Präsident arbeitete als Manager in Erdölfirmen. "Diese Worte sind nicht von mir", behauptet Däubler-Gmelin. Für die Unterschiede in ihrer Wahrnehmung und in der des Journalisten hat sie eine simple Erklärung: Es liege wohl daran, dass der Autor Lokalredakteur sei, der nur wenig Erfahrung in "internationalen Fragen" habe. Sie bedauert, "dass bei dem Gespräch kein Tonband mitgelaufen ist". Dann hätte sie ihre Darstellung beweisen können. Doch selbst Teilnehmer der Runde können die Ministerin nicht eindeutig entlasten. Einen Vergleich zwischen Bush und Hitler habe es nicht gegeben, sagt der Betriebsratsvorsitzende der Walter AG, Bernd Melcher. Er betont aber, die Ministerin habe in ihrer Ausführung über Außenpolitik und Wahlkampf über "ähnliche Methoden" gesprochen und neben anderen Personen auch Bush, die frühere britische Premierministerin Thatcher und Hitler erwähnt. Ähnlich äußert sich auch Peter Schütze, Betriebsrat bei Flender. Wie eng war nun der Zusammenhang zwischen Hitler und Bush in den Ausführungen der Ministerin? Offenbar war sich Däubler-Gmelin nach der Veranstaltung am Mittwoch selbst nicht mehr sicher. Am Nachmittag kontaktierte sie per Telefon das Tagblatt. Die Ministerin habe in dem Gespräch die gedruckte Aussage ausdrücklich autorisiert, sagt dessen Chefredakteur Christoph Müller am Freitag. Dem aber widerspricht die Ministerin: Die zitierten Sätze seien von ihr nicht gesagt und demzufolge auch nicht freigegeben worden. In dem Telefonat sei es um eine Klarstellung ihrer Aussage gegangen.Zu diesem Zeitpunkt ahnt die Ministerin wohl bereits, dass sie große Schwierigkeiten bekommen könnte. So sei es nach dem Telefonat am Mittwoch auf Drängen Däubler-Gmelins zu einem persönlichen Treffen mit ihm gekommen, sagt Chefredakteur Müller. Die Ministerin habe ihn gebeten, den Bericht nicht zu drucken, sagt er. Auch dem widerspricht Däubler-Gmelin. Eine solche Bitte habe es nicht gegeben. Sie habe den Gesprächsverlauf noch einmal präzisieren wollen und geglaubt, man habe sich aufeinander zubewegt. Am Donnerstag erscheint der Artikel. Däubler-Gmelin spricht davon, dass die "Grenzen der Fairness" überschritten seien und wittert eine Intrige der Union im Wahlkampf. Um den Vorwurf zu entkräften, lüftet Journalist Müller am Freitag sein Wahlgeheimnis: Er habe per Briefwahl Däubler-Gmelin seine Erststimme gegeben. Dann fügt er hinzu: "Ich habe noch nie einen Menschen so schamlos lügen sehen, wie die Justizministerin heute in der Bundespressekonferenz." Wer Recht hat, wird sich wohl erst nach der Wahl zeigen.Foto: BERLINER ZEITUNG Der Anfang vom Ende einer Ministerin? Herta Däubler-Gmelin (SPD).