Irgendwie kam der "Schweigende Stern" (1959) auch in die USA. Dort besah man sich diesen ersten "utopischen Film" der Defa und stellte fest, dass er so, wie er war, dem amerikanischen Publikum nicht zuzumuten sei. So wurde geschnitten und neu synchronisiert. Der russische Kosmonaut, der hier die internationale Expedition zur Venus leitet, hieß plötzlich nicht mehr Arsenjew, sondern Harringway und war US-Bürger. Eine japanische Ärztin verschwand fast aus der Handlung, weil sie an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki erinnert hatte. Und weil Schwarze und Weiße unmöglich gleichberechtigt agieren konnten, wurden einem afrikanischen Techniker nur wenige Auftritte gestattet - wobei die Synchronstimmen seiner weißen Mitspieler eine befehlstonhafte Schärfe erhielten.Diesen und rund hundert andere Fälle von politischer oder moralischer Zensur hat F.-B. Habel in seinem neuen Buch "Zerschnittene Filme" beschrieben, das am Dienstag im Babylon erstmals öffentlich vorgestellt wird. Es ist ein Exkurs in die Politik- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts und enthält legendäre Fälle wie Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" (1925), Kubricks "Spartacus" (1960) oder auch Bergmans "Schweigen" (1963). Hitchcocks Film "Berüchtigt" (1946) etwa wurde in der frühen Bundesrepublik seiner antifaschistischen Tendenz beraubt und zur platten Rauschgiftstory umfunktioniert. Bei Habel gibt es auch Groteskes zu lesen: aus dem Defa-Film "Grüne Hochzeit" verschwand die Sentenz "Polizisten sind wie Schnittlauch, außen grün und innen hohl". Noch kurioser war die Auflage, die einen "Olsenbande"-Film betraf. In der DDR-Fassung durfte keineswegs folgender Satz fallen: "Es ist die reinste Tragödie! Nur Alkohol und Marxismus im Kopf!" Stattdessen hieß es: "Nur Alkohol und Weiber im Kopf!" Wogegen nicht mal der DFD was einzuwenden hatte. - Habels Buch ist unterhaltsam. Schade nur, dass einige gravierende Zensur-Fälle fehlen. Der Regisseur Erich von Stroheim beispielsweise findet keine Erwähnung. Auch Heiner Carows "Legende von Paul und Paula" (1973) wurde vergessen: hier durfte die Domröse ihrem Glatzeder die Kampfgruppen-Mütze nicht vom Kopf schnipsen. Warum die Stalin sche Kulturbürokratie in den späten 40er-Jahren den Nazifilm "Ohm Krüger" umschneiden ließ, um ihn für antibritische Propaganda zu nutzen, wird man vielleicht in der zweiten Auflage nachlesen können. Buchpremiere "Zerschnittene Filme" Filmkunsthaus Babylon, Di 19 Uhr.GERO DESZCYK