WEISSENSEE. Jahrzehntelang wussten nur wenige, was sich in dem großen Backsteinbau an der Berliner Allee/Ecke Liebermannstraße verbarg. "Jeder ahnte, dass es was mit der Stasi zu tun hat, aber offiziell wurde nicht darüber gesprochen", sagt Gert Schilling. Von 1990 bis 2000 war der Sozialdemokrat Bürgermeister des Bezirks Weißensee. Und am 23. Januar 1990 einer der ersten, die das bis dato unbekannte und verbotene Haus betreten durften.Die etwa 20 Mitglieder des Runden Tisches Weißensee, zu dem der Entwicklungsingenieur Gert Schilling gehörte, fanden in dem Backsteinbau ein großes Waffenlager der Stasi: Handgranaten und Panzerfäuste, Maschinengewehre und Pistolen. Untergebracht in acht Waffenkammern und in einem Bunker, mitten in der Stadt, mitten in der politischen Wendezeit. "Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte die Stasi ihre Waffen damals gegen die Bevölkerung eingesetzt", sagt Schilling (60) heute.Das Ministerium für Staatssicherheit hatte in dem früheren Industriegebäude seinen Personen- und Objektschutz untergebracht. Etwa 3 800 Mitarbeiter waren dort beschäftigt, viele wohnten ganz in der Nähe. Sie bewachten Häuser und Gebäude von Regierungsmitgliedern, standen an der Protokollstrecke zwischen Wandlitz und Berlin und an anderen Orten. In den verlassenen Spinden fanden die Aktivisten um Schilling Verkleidungen für alle Gelegenheiten und für jedes Wetter: Anzüge, Anoraks, Parkas, Uniformen der Volkspolizei, der Bereitschaftspolizei, der NVA.An all das erinnert derzeit eine Ausstellung im Foyer des Rathauses. In Gedächtnisprotokollen, mit Fotos und anderen Originaldokumenten von Teilnehmern des Rundes Tisches werden die Ereignisse von vor 15 Jahren noch einmal gegenwärtig.Im Januar 1990 hatte die damalige DDR-Regierung unter Ministerpräsident Hans Modrow nach Protesten beschlossen, die Stasi und ihre Nachfolgeorganisation, das Amt für Nationale Sicherheit, aufzulösen. Das galt auch für Weißensee. Doch die Stasi-Mitarbeiter waren nicht sehr kooperationsbereit. Offiziere versicherten den Bürger-Inspektoren, die Auflösung der Stasi ginge "ihren sozialistischen Gang", doch was konnte das schon heißen. "Die Waffen lagen ungeordnet, unbewacht und unsortiert herum", sagt der Historiker Heiko Hübner. Er hat über diese Zeit recherchiert und die Ausstellung organisiert. In den Waffenausgangsbüchern standen unleserliche Unterschriften. Viele Waffen wurden gar nicht zurückgebracht. "Dort war Kriegsgerät in einer Masse angehäuft, die keineswegs glauben lassen konnte, das sei notwendig, um den täglichen Weg der DDR-Regierungsmitglieder von der Berliner Stadtmitte nach Wandlitz und retour zu beschützen", sagt Hübner.Als die Bürger-Inspektion wissen wollte, wie viele Handgranaten im Bunker gelagert sind, nannte ihnen ein Stasi-Offizier die Zahl 400. Ein späteres Nachzählen ergab 4 000. Das Zehnfache. Dazu kamen 145 Panzerbüchsen, 35 Gewehre mit Zielfernrohr, 1 089 Maschinenpistolen, 1 535 Pistolen und 20 Schnellfeuergewehre. Unter Kontrolle des Runden Tisches wurde das Weißenseer Waffenlager zur Entsorgung abtransportiert. Im Mai 1990 wurde Gert Schilling Bürgermeister von Weißensee. Im November desselben Jahres zog er mit dem Bezirksamt in jenes historische Gebäude ein, das der Runde Tisch entwaffnet hat.Was die Staatssicherheit in ihrem Weißenseer Lager wirklich plante, weiß bis heute niemand. "Und wer es wissen könnte, will nicht reden", sagt Heiko Hübner.------------------------------Hauptabteilung PersonenschutzAuf dem Eckgrundstück Berliner Allee/Franz-Joseph-Straße (heute Liebermannstraße) wurde 1939 mit dem Bau einer Industrieanlage für die Firma C. O. Raspe begonnen.In dem Gebäude sollen Apparaturen und Behälter für die Luftfahrt gebaut werden. 1942 erweitern die Askania-Werke das Gelände für die Rüstungsproduktion.Das Askaniahaus wird 1945 das neue Rathaus des Stadtbezirks Weißensee. 1946 lässt die Sowjetische Militäradministration das Haus räumen, um es selbst zu nutzen.Die Hauptabteilung Personenschutz der Staatssicherheit zieht 1953 in das Gebäude ein.Am 23. Januar 1990 dürfen Mitglieder des Runden Tisches das Stasi-Gebäude zum ersten Mal betreten. Am 2. November desselben Jahres wird das Haus mit seinen 550 Zimmern zum Rathaus Weißensee. Heute nutzen es Abteilungen des Bezirksamtes Pankow und Firmen.Die Ausstellung "Vom Waffenarsenal zum Rathaus Weißensee" ist bis zum 5. Dezember im Foyer des Rathauses zu sehen. Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei.------------------------------Foto: Backsteinarchitektur: das Rathaus Weißensee an der Ecke Berliner Allee/Liebermannstraße.