Es sind die ältesten steinernen Zeugnisse der jüdischen Gemeinden der Neuzeit: Auf dem 1827 eingeweihten jüdischen Friedhof Schönhauser Allee werden seit Freitag 64 Grabmale in einer bundesweit einzigartigen Ausstellungshalle (Lapidarium) gezeigt. In dem einstöckigen Gebäude aus schwarzem Granit, Glas und Stahl sollen die wertvollen Steine vor Wetterunbilden geschützt werden. Zur Einweihung kamen unter anderem Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), Bezirksbürgermeister Burkhardt Kleinert und Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (beide PDS).Der Initiator des 450 Quadratmeter großen Neubaus, Rabbiner Andreas Nachama, nennt die geretteten Grabsteine "wunderbare Geschichtsdokumente". Nachama erinnert auch daran, dass für Juden die Bestattung auf eigenem Boden wichtiger ist als eine eigene Synagoge. Nach den Religionsgesetzen, der Halacha, gilt das Gesetz der ewigen Ruhe. Danach dürfen Grabsteine nicht entfernt werden. Während der NS-Zeit war der Friedhof aber schwer verwüstet worden. Etliche der ausgestellten Steine sind nicht mehr Gräbern zuzuordnen. "Wer den Charakter eines Landes, seines Volkes, einer Stadt erfragen will, der muss seine Friedhöfe besuchen", sagt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Albert Meyer. Das Lapidarium solle ein Ort der Besinnung und des Nachdenkens werden.Das von den Architekten Ruth Golan und Kay Zareh entworfene Lapidarium steht auf der Fläche des einstigen Leichen- und Gebetshauses direkt neben dem Toreingang. Offiziell ist der Friedhof für Bestattungen 1880 geschlossen worden. In Einzelfällen wurde das Gelände noch bis Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts genutzt.Parallel informiert die Gemeinde erstmals in einer Ausstellung über die komplizierten jüdischen Trauer- und Begräbnisrituale. Verwirklicht worden ist die Idee mit Lottomitteln in Höhe von 1,5 Millionen Euro. Mit einem Teil der Summe war zuletzt der Begräbnisgang, der so genannte Judengang, wieder hergestellt worden. In der Gemeinde gibt es kritische Stimmen, die das Geld lieber für andere Zwecke eingesetzt hätten. Es fehlt generell Geld für den Erhalt der Friedhöfe. Sanierungsbedürftig sind Teile des größten jüdischen Friedhofs Europas in der Weißenseer Herbert-Baum-Straße.Auf dem fünf Hektar großen Friedhof in der Schönhauser Allee gibt es 22 500 Einzelgräber und 750 Familiengruften. Bestattet sind hier viele Prominente: der Komponist Giacomo Meyerbeer, der Verleger Leopold Ullstein, der Erbauer des bayerischen Viertels, der Architekt Georg Haberland und der Maler Max Liebermann. Dessen Frau Martha, die 1943 aus dem Leben schied, wurde nach 1945 von Weißensee an die Seite ihres Mannes umgebettet.------------------------------Lapidarium, Schönhauser Allee 22, Mo bis Do, 8 - 16 Uhr (Einlass bis 15.30), Fr 8 bis 13 Uhr (Einlass bis 12.30 Uhr).------------------------------Foto : Bundestagspräsident Wolfgang Thierse besichtigt die vor dem Verfall geretteten Grabsteine.