"In Vetschau ist ein Schornstein gesprengt worden", sagt Asta Nagel. "Warst du da?" Simone Rauhut schüttelt den Kopf. "Hab' ich nicht gewußt." Die beiden Frauen haben nicht zugeschaut, als eines der letzten Symbole ihres bisherigen Lebens einfach in sich zusammenfiel. Ein Leben, das geprägt war von der Arbeit im Kraftwerk Lübbenau/Vetschau. Ein Leben, gegen das sie sich zu Anfang mit Händen und Füßen wehrten und das sie nun, da es vorbei ist, schmerzlich vermissen.Aus allen Teilen der Republik strömten in den 60er und 70er Jahren die Menschen zusammen, um in dem damals größten und modernsten Kraftwerk Europas und in den Braunkohletagebauwerken zu arbeiten. Lübbenau verwandelte sich in wenigen Jahren von einem kleinen Ackerbürgerstädtchen zu einer Industriestadt mit mehr als 20 000 Einwohnern. Dazu wurde auch die Arbeitskraft von Frauen gebraucht. Sie putzten Kohlen, fuhren Bagger und kontrollierten die Maschinen. Die Berliner Kulturhistorikerin Petra Clemens wollte das ungewöhnliche Leben dieser Frauen dokumentieren und stellte jetzt gemeinsam mit dem Frauenverein Lübbenau eine Ausstellung zusammen. Die Frauen sammelten Fotos, Brigadetagebücher, Geräte und Arbeitsanzüge und befragten 100 ehemalige Beschäftigte. Herausgekommen ist ein Bild von Frauen, die sich behauptet haben. Allerdings nur vorübergehend. "Zwischenbelegung" hat Petra Clemens ihre Ausstellung darum genannt. Ursprünglich wurden so die provisorischen Unterkünfte bezeichnet, in denen viele Arbeiter bis zur Fertigstellung ihrer Wohnungen lebten. "Im Rückblick erscheint die Beschäftigung von Frauen in der Kohle- und Energieindustrie der DDR in manchem auch als eine Zwischenbelegung, als ein Notbehelf, als eine zwischenzeitliche Angelegenheit", so Petra Clemens.Als die Frauen seinerzeit dort arbeiteten, erschien ihnen das keineswegs als "Notbehelf". Im Gegenteil: Die Frauen faßten nach und nach Fuß in einer Männerdomäne. Viele erlernten den 1961 neu geschaffenen Beruf des Maschinisten, obwohl sie anfangs einen Widerwillen gegen alles Technische hatten. "Ich hab' im ersten Lehrjahr alles versucht, damit sie mich rausschmeißen. Aber umsonst", erinnert sich Simone Rauhut. Sie wollte damals nur noch weg von zu Hause. Ihre Eltern wollten, daß sie blieb. Und wer in Lübbenau blieb, hatte kaum eine andere Möglichkeit, als ins Kraftwerk zu gehen. "Anfangs war die Lehre der blanke Horror", sagt die zierliche 37jährige. "Ich hab' vom Kesseldruck geträumt und hatte ständig Angst, daß mir irgendwas um die Ohren fliegt." Später hat ihr die Arbeit Spaß gemacht. Sie hatte Verantwortung, mußte in den riesigen Anlagen die Kessel und Turbinen kontrollieren. Und sie verdiente gutes Geld. 1 100 Mark mit Schichtzulage. "Meine Muter hat als Verkäuferin nur 200 Mark gekriegt." Ihr Mann war auch Maschinist. Beide arbeiteten in derselben Brigade. "Woanders konnte man sich nicht kennenlernen. Wir waren ja bloß im Betrieb oder in der Kaufhalle."Ihre Freundin Asta hatte einen saubereren Arbeitsplatz. Sie war in der Abteilung, in der die Verbesserungsvorschläge der Beschäftigten bearbeitet wurden. Beide Frauen sind jetzt arbeitslos. Am 30. Juni vergangenen Jahres wurde das Kraftwerk endgültig stillgelegt. Am 24. April war der letzte Kohlezug aus dem Tagebau Seese-Ost gefahren. Das Ende einer 40jährigen Geschichte. Dietgard TomczakDie Ausstellung ist noch bis zum 30. Juni im Einkaufszentrum "Kolosseum" in Lübbenau zu sehen. Geöffnet montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr und sonnabends von 9 bis 12 Uhr. +++