BRISBANE. Da sind sie, die immer wiederkehrenden Elemente der australischen Wildnis: roter Sand, gelbes Gras, ausgetrocknete Bäume, Emu und Känguru. Im Hintergrund Jäger, bewaffnet mit Langspeeren und Bumerangs. Und, übergroß, ein alter Aborigine mit langen, weißen Haaren und starkem Bartwuchs. All dies verschmilzt zu dem Gemälde Australia Yesteryear, gemalt von Vincent Serico. An diesem Abend ist es der Blickfang in Brisbanes alter Kunstschule. Mindestgebot: 5 500 australische Dollar. Die Besucher in der Footsteps Gallery für Aborigine-Kunst behalten es immer vor Augen - Australia Yesteryear hängt direkt neben dem Auktionstisch. "Das Bild erzählt von einer Zeit vor der Ankunft des weißen Mannes", erläutert Auktionator Kevin Bond in der schlichten, bodenständigen Art der australischen Ureinwohner, "von der wahren, alten Zeit".Geist und Kultur zerstörtGemalte Geschichte ist Vincent Sericos Spezialität. Bedeutende Museen haben einige seiner Werke erworben. Sie hängen heute in zahlreichen Galerien in Australien, Asien und Nordamerika. Sericos Bilder berichten nicht nur von glücklichen Jägern, sondern auch von Vertreibungen und Massakern der Eroberer und von Demütigungen, die bis in die jüngste Vergangenheit reichen. Etwa die der sogenannten Gestohlenen Generationen: Zwischen 1910 und 1970 wurden mit einem staatlich legitimierten Programm zehntausende Aborigine-Kinder zwangsweise in Heime gebracht oder in weiße Familien adoptiert - zum Wohle der Kinder, wie eine Minderheit unter den Australiern heute noch behauptet. 1997 machte der Untersuchungsbericht "Bringing Them Home" - Bringt sie nach Hause - eklatante Verstöße gegen Menschenrechte öffentlich. Historiker sprechen von versuchtem Genozid. Die Kindsenteignungen hätten einzig zum Ziel gehabt, die Weitergabe der indigenen Kultur und Sprache zu unterbinden.Vincent Serico war eines der gestohlenen Kinder. Er war vier Jahre alt, als ihn Staatsbeamte den Eltern entrissen und in ein Heim im Hinterland des Bundesstaats Queensland brachten. Für Serico und die anderen Heimkinder folgte ein Leben unter schärfster Kontrolle: Jede Mahlzeit, jeder Gang auf die Toilette bedurfte der Erlaubnis eines Wärters. In der Mission Cherbourg wurde er sexuell missbraucht, nicht von anderen Heimkindern, wie Peter Mulcahy, ein Freund aus der Aborigine-Künstlerszene in Brisbane erzählt, "sondern von Menschen, die auf ihn aufpassen sollten". Es habe lange gedauert, bis Serico darüber sprechen konnte. Und es dauerte Jahrzehnte, bis er schließlich seine Eltern und Schwestern wiedersah.Wie eine finstere Wolke liegt das Schicksal der Gestohlenen Generationen über dem sonst so sonnigen Australien. "Sie haben unseren Geist und unsere Kultur systematisch zerstören wollen", schimpft Mulcahy mit bebender Stimme. "Noch in den späten Achtzigerjahren wurden Aborigines in bestimmten Gebieten Australiens mit dem Tode bedroht", erinnert sich Lyndon Davis, ein Aborigine, der dennoch versucht, zwischen Schwarz und Weiß zu vermitteln. Mit nacktem Oberkörper, bemalt mit weißen Streifen und Feder-schmuck am Stirnband tritt er in Schulen auf, um Kindern der weißen Bevölkerungsmehrheit traditionelle Tänze und Gesang der Ureinwohner vorzuführen.Zehn Jahre verstrichen, in denen der inzwischen abgewählte Premierminister John Howard den Aborigines eine Entschuldigung vor dem australischen Parlament verwehrte. Erst sein Nachfolger Kevin Rudd brach das Schweigen, rief kürzlich den 13. Februar zum National Sorry Day aus und entschuldigte sich mehrfach, persönlich und im Namen der Abgeordneten. Viele Zuhörer, auch Weiße, haben bei der Übertragung der Rede auf einer Großbildleinwand in der Hauptstadt Canberra geweint. Andere wiederum strahlten vor Freude: "Eine gute Rede", meint Lyndon Davis, "Kevin Rudd hat das Tor für eine neue Zeit aufgestoßen." Die Rede sei mutig und kraftvoll gewesen, sagt Michael Connolly, der seinen Lebensunterhalt mit Didgeridoo-Unterricht, gerahmten Handdrucken, Post- und Geschenkkarten verdient. Für Australiens rund 450 000 Aborigines sei es von immenser Bedeutung, endlich anerkannt zu werden.Aber nicht jeden hat die Rede des neuen Premiers euphorisiert. Es sei nicht mehr als ein Anfang zwischen Schwarzen und Weißen, sagt der knorrige, aboriginestämmige Herb Wharton, der einen im australischen Outback üblichen Akubra-Hut trägt, der durch den Kinofilm Crocodile Dundee weltberühmt wurde. "Die Regierung hat noch kein Wort über gestohlene Gebiete und die Massaker an Aborigines verloren", gibt Wharton zu bedenken und steht mit dieser Aussage für eine größer werdende Zahl von Aborigines, die finanzielle Entschädigungen fordern.Geld, das für Vincent Serico zu spät kommen dürfte, denn er ist krank, todkrank. Schmerzen bestimmen seine Züge, er kann nur noch flüstern. Das Gesicht ist blass, die blauen Augen sind tiefrot unterlaufen. Serico leidet an Leber- und Speiseröhrenkrebs. Die lange Zeit im Heim hat Serico einsam gemacht. Als junger Erwachsener verfiel er in tiefe Traurigkeit, die in Alkohol- und Drogenkonsum mündete. Gewaltausbrüche und Gefängnisaufenthalte folgten. So wie Serico ergeht es vielen Aborigines: Ob Kindersterblichkeit, Kriminalität, Arbeitslosigkeit oder Lebenserwartung - nahezu alle Statistiken weisen die Ureinwohner als benachteiligte Schicht am unteren Rand der Bevölkerung aus.Am Leben hielt Serico das Talent zum Zeichnen. Und, was zynisch klingen mag, sein Problem mit dem Alkohol. Der ist in Australien nirgendwo billig zu haben. Also brauchte er Geld. Das machte ihn erfinderisch: Serico bemalte, was immer sich verkaufen ließ: Bumerangs, Didgeridoos, australische Landkarten. "Er malte, um zu überleben", erzählt Mulcahy. "Manches Gemälde hat er für 20 Dollar oder weniger verkauft."Der sterbende MalerAuch wenn einige seiner Werke heute im Nationalmuseum in Canberra hängen, reich geworden ist Serico mit seiner Kunst nicht. "Im Gegenteil", sagt ein Mann, den alle Aborigines Onkel Tom nennen und dessen Augen sich röten, wenn er über das Schicksal seines Cousins spricht. Onkel Tom, in Wirklichkeit heißt er Tom Rose, sagt, windige Geschäftemacher hätten Serico zeitlebens um den verdienten Lohn gebracht: "Er hat nicht einmal genügend Geld, um seine eigene Beerdigung zu bezahlen."Aborigines aus ganz Australien haben Kunstwerke gespendet, um Serico zu helfen. Peter Mulcahy hat die Auktion in Brisbanes alter Kunstschule organisiert und vermeldet am späten Abend einen großen Erfolg: Drei Dutzend Exponate, Aborigine-Gemälde, bemalte Tonkrüge, Didgeridoos und Bumerangs fanden Käufer. Rund 15 000 australische Dollar, umgerechnet etwa 9 000 Euro, sind für Sericos Beerdigung auf diese Art zusammengekommen. Das Gemälde Australia Yesteryear, auf das während der Versteigerung alle blickten, war zu diesem Zeitpunkt längst verkauft. Ein Hörer eines Lokalradiosenders hatte es am Morgen erstanden - ohne es je vorher gesehen zu haben.Peter Mulcahy sagt, Serico habe nur noch kurze Zeit zu leben. Vorsichtig greift Mulcahy nach einem Arm des Malerfreundes. Die beiden hocken vor Sericos Wohnung in der Stadt Toowoomba und blicken auf eine zwei mal vier Meter große Leinwand. Die untere Hälfte des Bildes ist unvollendet. Serico hat Mulcahy gefragt, ob er es nach seinem Tode fertigstellen wolle. Mulcahy hat es ihm versprochen.------------------------------An den Rand gedrängte MinderheitDie Aborigines leben seit 40 000 Jahren auf dem australischen Kontinent, machen heute aber nur noch rund zwei Prozent der Bevölkerung aus. Es ist die am stärksten benachteiligte Gruppe Australiens: Arbeitslosigkeit und Alkoholismus sind weit verbreitet, Bildung und Gesundheitsversorgung schlecht. Die Lebenserwartung ist im Durchschnitt 17 Jahre geringer als die der weißen Bevölkerungsmehrheit.Die neue Regierung Australiens werde mit Vertretern aus dem gesamten politischen Spektrum zusammenarbeiten, um gegen die Benachteiligung der Aborigines vorgehen, kündigte die für die Ureinwohner zuständige Ministerin Jenny Macklin am Dienstag an.------------------------------Foto: Die Aborigine Lowitja O'Donoghue (l.) dankt Premier Kevin Rudd tief bewegt.------------------------------Foto: Lange hatten sie auf die Worte der Entschuldigung gewartet: die Aborigines Gail Hill (l.) und ihre Tochter Amanda Hill während Rudds Sorry-Rede.