SYDNEY, 8. September. Sydney hatte einmal einen ganz miesen Ruf. Denn vor knapp zwei Jahrhunderten waren es vor allem Verbrecher, die man in der Strafkolonie willkommen heißen musste. Im Jahr 2000, besonders so kurz vor den Olympischen Spielen, legen die Australier Wert auf einen guten Ruf. Deshalb wurde dem Sportfunktionär Gafour Rachimow (Usbekistan) am Freitag die Einreise verweigert. Der Fall Rachimow sorgte für Verstimmungen zwischen dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und der australischen Regierung. Das IOC ist der Meinung, das Ausrichterland habe sich seinen Beschlüssen zu beugen und jede Person mit einer vom IOC erteilten Akkreditierung ohne weitere Prüfung ins Land zu lassen. Dagegen behalten sich die Australier die rechtliche Oberhoheit vor, Figuren wie Rachimow abzuweisen. Rachimow gilt als Führer der organisierten Kriminalität in Mittelasien. Handel mit Waffen, Drogen und Rohstoffen ist offenbar sein Metier. Beste Kontakte unterhält er zu mutmaßlichen führenden Köpfen der Russenmafia wie den Brüdern Chorny, wie Sergej Michailow oder Semjon Mogilewitsch. Ermittlungsbehörden in Frankreich, der Schweiz, Österreich, Russland und das FBI haben schwere Vorwürfe zusammen getragen, wenngleich es für eine Verurteilung noch nicht reichte; auch deshalb nicht, weil sich Rachimow der Patronage eines Trägers des goldenen olympischen Orden erfreut: des usbekischen Diktators Karimow, zu dessen persönlichen Beratern Rachimow zählt. In olympischen Kreisen fühlt sich Rachimow seit einigen Jahren beheimatet. Er besuchte 1996 die Spiele in Atlanta, gehört dem usbekischen NOK an, konferierte mehrfach mit IOC-Größen in Lausanne. Im Vorstand des Box-Weltverbandes AIBA fungiert er als Chef der Business-Kommission. Er gilt als einer der Verantwortlichen für die in der AIBA grassierenden Skandale zum Nachteil der Sportler, in jüngster Zeit vor allem kubanischer Athleten. Rachimows dunklen Background beleuchtete auch das im August im Piper Verlag erschienene Buch "Der olympische Sumpf"."Sehr ernste Angelegenheit"Australiens Einwanderungsminister Phil Ruddock bezeichnete den Fall Rachimow als "sehr ernste Angelegenheit". Es gehe um die "Sicherheit des australischen Volkes". Die Regierung, sagte Ruddock, "trifft ihre Entscheidungen nicht aus einer Laune heraus." Das IOC bat die Regierung um Auskunft über die Gründe der Einreiseverweigerung. "Wir erwarten eine Antwort", sagte Generaldirektor Francois Carrard, weil neben Rachimow am Flughafen von Sydney auch ein NOK-Funktionär aus Hongkong zurück gewiesen worden war. Der Fall wird vom deutschen IOC-Mitglied Thomas Bach in bewährter Manier heruntergespielt. Die Nachrichtenagentur "dpa" zitiert Bach indirekt mit der Aussage, ein Interpol-Brief besage, dass gegen Rachimow nichts vorliege. Mit jenem Schriftstück, das Bach offenbar meint, geht Rachimow, der Pate von Taschkent, seit einiger Zeit hausieren. Das Dokument ist unter Ermittlern in Zentraleuropa höchst umstritten: Denn es wurde von der Interpol-Filiale in Rachimows Heimatstadt Taschkent ausgestellt.