Autobiographischer Roman spielt in Dorf nahe Cottbus: An die Freuds kann sich in Groß Gaglow keiner erinnern

Nur ein paar Schritte sind es vom Cottbuser Einkaufszentrum "Lausitzpark" nach Groß Gaglow jenem Dorf im Landkreis Spree-Neiße, das in Esther Freuds jüngstem Roman die Hauptrolle spielt. Das Buch "Sommer in Gaglow" steht noch eingeschweißt in dem Regal der Buchhandlung des Einkaufscenters. Die Buchhändlerin weiß nicht, daß sie den Roman vorrätig hat, den die Urenkelin des Psychoanalytikers Sigmund Freud geschrieben hat. Kein Kunde interessierte sich bislang für das Werk mit autobiographischen Zügen. Selbst Groß Gaglows Bürgermeister Dieter Schulz hat das im Frühjahr erschienene Buch noch nicht gelesen; aber er hat mit der Lektüre die Mitarbeiterin seiner Gemeinde beauftragt, die die Chronik fortschreiben soll. Der Roman spielt auf zwei Ebenen: zum einen in der Gegenwart, in London. Während die schwangere Sarah ihrem malenden Vater Modell sitzt, läßt sie sich von ihm aus der Familiengeschichte erzählen.Hinter "Sarah" verbirgt sich die in London lebende Esther Freud. Die 35jährige ist die Tochter des britischen Malers Lucian Freud, der oftmals auch Familienmitglieder porträtiert. Der Künstler wurde 1922 als Sohn jüdischer Eltern in Berlin geboren und lebte hier, bis die Familie 1933 nach London emigrierte. Eben jene Berliner Zeit interessiert die Romanhauptfigur "Sarah" besonders vor allem über das Landgut im Brandenburgischen, auf dem die Familie die Sommer verbrachte, will sie mehr erfahren. Was sich damals auf dem Landgut in Gaglow in der Phantasie der Autorin ereignete, bildet die zweite Ebene des Romans.In dem Buch ist das Landgut als repräsentatives, aprikosenfarbenes Gebäude beschrieben. In dem riesigen Garten steht ein Eishaus, in dem Lebensmittel kühl gelagert wurden und das in dem Roman eine große Rolle spielt. Ein solches Anwesen aber gab es nie in Groß Gaglow, räumt Esther Freud ein. Sie hat sich bei der Beschreibung des Hauses inspirieren lassen von einem anderen Anwesen, das Verwandte nahe Potsdam besaßen und das wesentlich schöner war als das Original in Groß Gaglow. Das Landgut dort soll inzwischen nicht mehr existieren. So haben es ihr Verwandte erzählt, sagt Esther Freud. "Ja, hier stand früher ein Eishaus. Die Gutsarbeiter mußten im Winter das Eis auf dem Teich zerhacken und dorthin bringen", sagt Wally Woschech. Die 78jährige Großgaglowerin, die den Namen ihres Heimatortes stets zu "Gaglow" verkürzt, steht im Garten des heutigen Kindergartens. Das zweistöckige Haus mit der Freitreppe, dem Sokkel aus Ziegelstein und dem Mansardendach hat früher einer jüdischen Familie aus Berlin gehört, erinnert sich die Rentnerin. "Und da in dem Erker haben sie Gottesdienst gefeiert." Der Name Freud allerdings ist der Rentnerin nicht geläufig. "Wenn die Berliner Familie im Sommer nach Gaglow kam, hieß es im Dorf immer: ,Die Brascheks sind wieder da. " Das könnte vielleicht Sinn machen: Die Mutter Lucian Freuds hieß mit Mädchennamen Lucie Brasch und stammte aus einer wohlhabenden Berliner Kaufmannsfamilie. So könnte der heutige Großgaglower Kindergarten das Haus sein, in dem Lucian Freud an Sommertagen spielte und von dem er seiner Tochter erzählte.Doch sicher ist sich im Dorf keiner. An eine Familie namens Freud kann sich keiner der alten Frauen erinnern, die gerade aus dem Bürgermeisterbüro kommen. Eine von ihnen, Gisela Zick, hat das Buch sogar schon gelesen. Daß der Roman in ihrem Ort spielt, konnte die 73jährige nicht glauben. "Ich wollt noch gucken, ob es in Brandenburg noch ein Gaglow gibt." Aber Esther Freud bestätigt: "Das Landgut lag bei Cottbus." Doch nicht immer habe sie sich in dem Buch an die Fakten gehalten, die ihr der Vater erzählte. "Es ist ein fiktionales Buch, inspiriert durch Phantasie."Esther Freud, "Sommer in Gaglow", Verlag Hoffmann und Campe, 39,80 Mark.