Kraft seines einstimmigen Punktsiegs über einen gewissen Julius Francis aus London, der S. als Gast der heimischen Trainingsstätte in Frankfurt (Oder) bereits bekannt war, vermochte der Sieger seine Profibilanz auf nun 25 Erfolge bei drei Niederlagen, einem Unentschieden und einem Kampf ohne Wertung zu verbessern. Am Rande der Veranstaltung wurde ruchbar, daß S. an seinem nächsten Arbeitstag in der Öffentlichkeit um den Titel eines Europameisters boxen soll. Ein genauer Termin für den Monat Mai wird noch bekanntgegeben.Das wichtigste ChampionatDoch wozu sollte ein Boxer, der mit "Volksheld" schon das wichtigste Championat innehält, unter größter gesundheitlicher Gefahr eigentlich nach einem offiziellen Titel streben? Die immer noch imposante Menge von 5 000 Zuschauern in der geschichtsträchtigen Arena wird nach der jüngsten Vorstellung von Axel Schulz darauf wohl ebenso wenig eine Antwort wissen wie dieser selbst. Aber die Menge darf um Mitternacht nach Hause gehen, während ein Volksheld dann zur Pressekonferenz erscheint um dort um Realitäten herumzureden, die offensichtlich und darum nicht mehr verhandelbar sind.Der Vergleich mit Julius Francis, im Jargon übrigens gern als Kampf bezeichnet, war eine kleine Messe für den großen Brandenburger, der einmal mehr zeigen durfte, was er kann und was nicht. Er kann aus gesicherter Deckung geduldig abwarten und jenen Abstand zum anderen kontrollieren, der ihn aus der Distanz für gegnerische Treffer hält. Und er kann diese Distanz mit eigenen Ausbrüchen plötzlich und auch unvermutet genug überbrücken, um dabei eigene Trefferserien zu landen. Nur nachzulegen mit weiteren Schlägen, den Gegner zu Boden und eventuell auch aus seinem Bewußtseins-Kontinuum zu bringen das ist die Sache des Gutmenschen im Ring nicht.Ein solcher aber ist Axel Schulz ganz offensichtlich, denn als der von beiden Seiten mit großer Vorsicht geführte Tanz nach zwölf Runden vorbei war, umhalste der Deutschen seinen Kontrahenten so inniglich, als müsse er schnellstmöglich eine durch den Schlagabtausch in Frage gestellte Harmonie wiederherstellen. Doch der so Geherzte zahlte mit eigensüchtigerer Münze zurück hob erst den Arm zum Zeichen des eingebildeten Triumphs und dann die Brauen, als der Ringsprecher die kraß überzeichneten Wertungen der drei deutschen Punktrichter bekanntgab (118:111, 120:109, 118:112); und erklärte sich, nun wieder im Trainingsanzug, zum heimlichen Sieger vor erstaunter Journalistenschar.Aber selbst Francis Manager Frank Maloney, im lukrativen Fall an die Beugung der Realitäten durchaus gewöhnt, mochte an dieser Stelle nicht auf Fehlurteil reklamieren. Der im Herbst letzten Jahres an Europameister Zeljko Mavrovic gescheiterte Brite agierte zu verhalten und brachte seine 107,5 Kilogramm Gewicht kein einziges Mal hinter einen die Entscheidung suchenden Schlag. So boten sich beide Kontrahenten ein Ballett der Skrupelhaftigkeit, das der spätere Gewinner hernach zum Musterbeispiel einer Faustfechtkunst uminterpretieren wollte. "Wer in diesem Sport seinen Kopf nicht wegnimmt", so Schulz, "der muß n bißchen doof sein."Oder ein kraftstrotzender Bulle mit Beißhemmung, so wie Axel, der Gehemmte. Daß "die zweite und dritte Welle", wie sie das daheim im Gym nennen, im Ernstfall ausbleibt das ist ja vermutlich nicht mal eben so in ein paar Trainingseinheiten mit Chefcoach Wolke nachzusitzen, sondern Ausdruck einer im Seelischen zu ortenden Schwelle. Da kann Schulz im anvisierten EM-Kampf mit Scott Welch boxen und eventuell auch gewinnen wie er will die Metamorphose vom freundlichsten zum besten Schwergewichtler der Welt bleibt ein chancenarmes Unterfangen.Maskes UrsachenforschungImmerhin hat Henry Maske, dem Schulz sicher eine Menge an Aufmerksamkeit zu verdanken hat, herausgefunden, woran es denn diesmal gelegen haben könnte: "Der Trubel um den an- und wieder abgesetzten EM-Kampf ist nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Gegen Foreman versprühten seine Augen Feuer. Diesmal habe ich vor dem Kampf nur Verunsicherung in seinen Augen gesehen."Sie hätte dem Axel am liebsten noch im Ring eins an die Ohren gegeben, ließ Trainergattin Brigitte Wolke sich am Ring vernehmen. Wenigstens ein Mensch, hätte man sie ermuntern mögen, der hier richtig zu zu schlagen weiß.