BerlinDer 1. Mai 1987 begann mit herrlichem Frühlingswetter. Es war „sonnig und warm, überall prangte frisches Grün. In der festlich geschmückten Karl-Marx-Allee ein Meer von leuchtend roten Mai-Nelken, von Bannern im Rot der Arbeiterklasse und in den Farben unserer Republik. Und prächtig war auch die Stimmung im machtvollen Zug der über 650.000.“ So blumig beschrieb die Tageszeitung „Neues Deutschland“ die traditionelle Kundgebung zum Kampftag der Arbeiterklasse.

Wie in jedem Jahr versammelten sich Hunderttausende Ost-Berliner in den Straßen des Bezirks Friedrichshain und fädelten sich in drei Marschkolonnen auf die Karl-Marx-Allee ein. Auf ihrem Weg zum Alexanderplatz trugen sie Fahnen und Transparente. Dann marschierten sie an der großen Ehrentribüne vorbei, auf der Partei- und Staatschef Erich Honecker die Parade abnahm. Aus Lautsprechern dröhnte die „Internationale“.

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1. Mai Demonstration 1987 in der Karl-Marx-Allee. Tribüne der Staats - und Parteiführung der SED mit Egon Krenz und Stasi-Wachmännern.

Die „Kampfdemonstration“ auf der Karl-Marx-Allee dauerte nicht weniger als viereinhalb Stunden. Und endete mit einem kräftigen Gewitterguss. Nachdem das Unwetter vorübergezogen war, gab es am späten Abend im Volkspark Friedrichshain als Finale des Feiertags ein spektakuläres Höhenfeuerwerk.

Zur selben Zeit ereignete sich weniger als vier Kilometer entfernt, auf der anderen Seite der Mauer, am Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg, ein ganz anderes Feuerwerk: Ein Bolle-Supermarkt ging in Flammen auf, Demonstranten behinderten die Feuerwehr bei den Löscharbeiten.

Das traditionelle Mai-Fest auf dem Lausitzer Platz war zu einer Straßenschlacht eskaliert. Die Polizei zog sich nach Steinwurfattacken gegen 23 Uhr zurück. Anwohner gesellten sich zu den Demonstranten. Barrikaden und Autos brannten, Geschäfte wurden geplündert. Am Ende der Schlacht, nachdem die Polizei ab 2 Uhr wieder eingegriffen hatte, waren über hundert Personen verletzt und fast 50 festgenommen.

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Ein Bolle-Supermarkt geht am 1. Mai 1987 in Kreuzberg in Flammen auf.

Noch unterschiedlicher hätten die beiden Veranstaltungen zum 1. Mai 1987, im Jahr des 750. Geburtstags Berlins, nicht sein können: in Friedrichshain die durchgeplante Selbstinszenierung der DDR, in Kreuzberg die eruptive Herausforderung des West-Berliner Senats. Beide Demonstrationen bezogen sich auf die Tradition, den Tag der Arbeit zu feiern.

Proletarische Vergangenheit

Friedrichshain und Kreuzberg hatten sich weit auseinanderentwickelt, obwohl sie sich in ihrer urbanen und sozialen Struktur ursprünglich sehr ähnlich gewesen waren. So gehörten die beiden Bezirke, die im Zuge des Groß-Berlin-Gesetzes 1920 geschaffen worden waren, zum kleinbürgerlich-proletarischen Berliner Osten. Vor dem Zweiten Weltkrieg drängten sich hier jeweils über 300.000 Einwohner auf je zehn Quadratkilometern. Friedrichshain und Kreuzberg standen beispielhaft für das „steinerne Berlin“ mit endlosen Mietskasernen und wenig Grün.

Magazincover: Berliner Verlag, Titelfoto: Horst von Harbou/Deutsche Kinemathek
Berliner Geschichte

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Seit der politischen Teilung der Stadt im Kalten Krieg herrschten in den Zwillingsbezirken jedoch sehr unterschiedliche gesellschaftliche Bedingungen. Friedrichshain lag im sowjetischen Sektor und bildete einen Kernbezirk von Ost-Berlin, der Hauptstadt der DDR. Kreuzberg gehörte zum amerikanischen Sektor und damit zu West-Berlin. Friedrichshain blieb vorerst ein Arbeiterbezirk mit Großbetrieben wie dem VEB Glühlampenwerk Narva und dem Reichsbahnausbesserungswerk (RAW Franz Stenzer). Kreuzberg befand sich in eine eigentümliche Randlage gerückt; die Mauer umschloss den östlichen Teil des Bezirks (SO 36) an drei Seiten. Das schnitt ihn von seinem alten wirtschaftlichen Umfeld ab und machte ihn ökonomisch weitgehend uninteressant.

Große Zerstörung im Zweiten Weltkrieg

Während der Teilung standen beide Bezirke vor ähnlichen Herausforderungen. Sowohl Friedrichshain als auch Kreuzberg waren im Zweiten Weltkrieg fast zur Hälfte zerstört worden. Das vorherrschende Problem in beiden Bezirken war die Wohnungsfrage. Dabei ähnelten sich die städtebaulichen Lösungsansätze in Ost und West, die bis in die 1970er-Jahre die Beseitigung der verschlissenen Altbausubstanz vorsahen, an deren Stelle moderne Wohnsiedlungen mit Licht, Luft und Sonne entstehen sollten. Allerdings zog sich die geplante Sanierung der beiden Altbaubezirke lange hin.

Auf den massenhaften Leerstand bei gleichzeitiger Wohnraumknappheit reagierten in Kreuzberg seit Ende der 1970er-Jahre viele Menschen mit Hausbesetzungen. Der West-Berliner Bezirk wurde zudem zur Heimat türkischer „Gastarbeiter“. Kreuzberg entwickelte sich in den 1970er- und 80er-Jahren zu einem Labor der Liberalisierung, in dem neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe und selbstbestimmter Lebensführung erprobt werden konnten. Der Bezirk wurde zum „gallischen Dorf“ der Alternativbewegung, er nahm kritische Geister aus der westdeutschen Provinz auf, die unter anderem dem Wehrdienst bei der Bundeswehr entgehen wollten, und wirkte wiederum stark auf die Bundesrepublik zurück.

Alternative Wohnformen in Kreuzberg 

Die West-Berliner Gegenöffentlichkeit in Kreuzberg richtete sich vor allem gegen die Sanierungspläne des Senats. Die großflächigen Modernisierungsvorhaben und Verkehrsprojekte, die eine Stadtautobahn mitten durch den Bezirk vorsahen, stießen seit den 1970er-Jahren zunehmend auf Widerstand. Die Abkehr von den Planungsutopien der Nachkriegsmoderne ging einher mit einer Aufwertung des Historischen. Die Geschichte wurde wiederentdeckt. Die traditionelle Berliner Mietskaserne, die aus dem Stadtbild eigentlich getilgt werden sollte, galt plötzlich als chic. Und „Kiez“ war kein Schimpfwort mehr, sondern wurde zu einem positiven Label.

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Anwohner und Hausbesetzer der Cuvrystraße in Kreuzberg feiern 1982 ein Straßenfest.

Um die alternativen Wohn- und Lebensformen im eigenen Kiez zu erhalten, wurde die geplante „Kahlschlagsanierung“ gestoppt. Stattdessen wurden neue Formen von Mitbestimmung erprobt und zahlreiche lokale Projekte angestoßen. Ein wichtiges Resultat dieses Gesinnungswandels war das Konzept der „behutsamen Stadterneuerung“, das weit über Kreuzberg hinaus ausstrahlte.

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Losungen und Flaggen am Strausberger Platz in Friedrichshain weisen 1979 auf den 30. Jahrestag der DDR hin.

Auch in Friedrichshain bildeten sich Subkulturen. Wohnungen wurden schwarz bezogen. Es entstand ein Milieu, das das Leben in der DDR zunehmend infrage stellte. Ein Beispiel hierfür sind die Blues-Messen, die Pfarrer Rainer Eppelmann von 1979 bis 1983 in der Samariterkirche veranstaltete. Unter dem Dach der Kirche entwickelte sich eine Ost-Berliner Gegenöffentlichkeit, die sich gegen das Meinungsmonopol der SED richtete.

In den 1980ern kam es auch in Friedrichshain zu einer Neubewertung der Altbausubstanz. Es sollten nicht mehr alle Mietskasernen industriell vorgefertigten Plattenbauten weichen, sondern sie sollten durch eine „komplexe Rekonstruktion“ ertüchtigt werden. Dieser Wandel hatte nicht nur ökonomische Gründe; die SED hatte die Zukunft verloren und setzte auf die Vergangenheit. Wie zuvor im Westen wurde auch in Ost-Berlin der Kiez wiederentdeckt. Hüben wie drüben avancierte die Berliner Mietskaserne zum Leitbild.

Der kurze Sommer der Anarchie

Beim Mauerfall am 9. November 1989 strömten die Menschen auch über die Oberbaumbrücke. Die einzige Verbindung zwischen Friedrichshain und Kreuzberg war zuvor ein streng überwachter Grenzübergang für Besucher aus West-Berlin gewesen. Ost-Berliner erkundeten von hier aus das benachbarte Kreuzberg, dessen multikulturelles Leben in scharfem Kontrast zur homogenen DDR-Gesellschaft stand. Umgekehrt zog es Kreuzberger in den Ostteil, weil es nach dem Zusammenbruch der SED-Herrschaft dort viele Freiräume gab. Im „kurzen Sommer der Anarchie“ zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung wurden in Ost-Berlin rund 130 Häuser besetzt, davon 90 in Friedrichshain.

Die Hochburg der Hausbesetzerbewegung in Ost-Berlin war die Mainzer Straße in Friedrichshain. Hier besetzten im Mai 1990 etwa 250 Aktivisten, die hauptsächlich aus dem Westen kamen, ein Dutzend leer stehender Häuser und gestalteten diese nach ihren eigenen Vorstellungen. So gab es ein Sponti-Haus, ein Frauen- und Lesbenhaus sowie einen Tuntentower. Ein ganzer Straßenzug mit benachbarten Häusern verwandelte sich in ein einzigartiges Experimentierfeld. Schon bald mehrten sich in der Mainzer Straße die Konflikte. Die alten Anwohner stießen sich am Lebensstil der neuen Nachbarn, allein schon an den Transparenten, die an den maroden Fassaden der besetzten Häuser prangten. Zudem attackierten Neonazis aus Lichtenberg die linksalternativen Besetzer.

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Die Mainzer Straße in Friedrichshain gleicht am 14. November 1990 einem Schlachtfeld. Bei der Räumung von besetzten Häusern werden viele Polizisten und Hausbesetzer verletzt.

Die verbarrikadierten daraufhin ihre Häuser zu Festungen. Auch unter den Hausbesetzern gab es Streit: Während die aus dem Osten auf eine Legalisierung ihrer Aktion durch Mietverträge hofften, lehnten die aus dem Westen jegliche Verhandlungen ab.

Im Zuge der Vereinigung am 3. Oktober 1990 ging die Polizeigewalt im Ostteil der Stadt auf die Senatsverwaltung für Inneres von West-Berlin über. Von nun an standen den Besetzern Beamte aus dem Westen gegenüber, die im Häuserkampf erprobt waren. Am 14. November räumten mehr als 3000 Polizisten die besetzten Häuser der Mainzer Straße. Berlin erlebte die härteste Straßenschlacht nach dem Krieg; der erste rot-grüne Senat zerbrach daran.

Längst sind die geräumten Häuser in der Mainzer Straße vollständig saniert. Weder in Friedrichshain noch in Kreuzberg gibt es noch verfallene Mietskasernen oder einen signifikanten Leerstand. Mit der Sanierung ging ein sozialer Wandel einher, dessen soziologische Beschreibung ein Schlagwort in der öffentlichen Debatte geworden ist: Gentrifizierung. Die Studenten und Künstler, die den Kiez wiederentdeckt haben, können es sich kaum mehr leisten, in den Altbauten zu leben. Internationale Investoren werben mit dem alternativen Leben im Kiez, das sie durch die Inwertsetzung der Immobilien selbst zerstören.

Seit 2001 bilden Friedrichshain und Kreuzberg einen gemeinsamen Berliner Verwaltungsbezirk; heute gehört er zu den teuersten Wohnlagen der Stadt. Bei Neuvermietungen werden höchste Mietsteigerungen aufgerufen. Damit haben sich sozialräumliche Ordnungsmuster umgekehrt, die zuvor über viele Jahrzehnte hinweg Bestand hatten. Die längste Zeit ihrer Geschichte waren Friedrichshain und Kreuzberg das Armenhaus Berlins. Wer es zu etwas gebracht hatte, zog möglichst rasch fort. Es ist heute andersrum: Der Bezirk ist gefragt, was die Mietpreise nach oben treibt. In Friedrichshain-Kreuzberg lag die mittlere Neuvertragsmiete pro Quadratmeter im vergangenen Jahr bei 13 Euro. Nur Mitte war teurer (13,42 Euro), das traditionell überwiegend bürgerliche Charlottenburg-Wilmersdorf war günstiger (12,65 Euro).

Aus den beiden alten Arbeiterbezirken Friedrichshain und Kreuzberg ist ein bürgerlicher Bezirk geworden, der nur noch im Ruf steht, alternativ zu sein. 100 Jahre nach ihrer Entstehung sind die zeitweilig getrennten Zwillinge kaum wiederzuerkennen.

Dr. Hanno Hochmuth ist Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF).


Dr. Hanno Hochmuth ist Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). Er ist Mitherausgeber des neu erschienen Fotobuches „Traum und Trauma“. 

Ch. Links Verlag
Traum und Trauma - Die Besetzung und Räumung der Mainzer Straße 1990 in Ost-Berlin

Herausgegeben von Christine Bartlitz, Hanno Hochmuth, Tom Koltermann, Jakob Saß und Sara Stammnitz mit Fotografien von Harald Hauswald, Holger Herschel, Merit Schambach u.a.