Wider alle Konventionen: Wer war Tabea Blumenschein?

Vor der Kamera, auf der Bühne, im Berliner Alltag: Tabea Blumenschein wusste überall zu faszinieren. Ein Gastbeitrag von Ulrike Ottinger.

In Ottingers Film „Bildnis einer Trinkerin“ von 1979 spielt Tabea Blumenschein eine mondäne Touristin, die sich in Berlin zu Tode trinken will.
In Ottingers Film „Bildnis einer Trinkerin“ von 1979 spielt Tabea Blumenschein eine mondäne Touristin, die sich in Berlin zu Tode trinken will.Ulrike Ottinger

„Sie, eine Frau von hoher Schönheit, geschaffen wie keine andere, Medea, Madonna, Iphigenie, Aspasia zu sein, beschloss an einem sonnigen Wintertag, ihrer Einsamkeit zu entfliehen und La Rotonda zu verlassen. Sie löste ein Ticket ,Allez – Jamais Retour‘.“

So beginnt im Jahr 1979 mein Film „Bildnis einer Trinkerin“ und die Frau von hoher Schönheit, für die ich diesen Text schrieb, war Tabea Blumenschein. Im Februar 2019 ist sie, die Tochter Banater Schwaben, woher auch ihr schöner Name stammt, mit 67 Jahren gestorben.

Unbekümmert gegenüber allen Konventionen

Neun Jahre lebten und arbeiteten wir in den 1970er-Jahren zusammen. In Hunderten von Fotosessions, in denen alles in der Wohnung Vorhandene als Draperie und Requisite diente, loteten wir Möglichkeiten von Gestik, Haltung und Mimik aus. Stimmungen wurden durch Licht, Form und Farben der Kostümierung erzeugt. Überhaupt spielte die Improvisation in den Nachtsessions, die oft bis in den frühen Morgen dauerten, eine wichtige Rolle.

Im eher ärmlichen und so gar nicht glamourösen Berlin der 1970er-Jahre waren die Depots der Großhändler für den Schneiderbedarf noch angefüllt mit den Kostbarkeiten der Vorkriegszeit, für die es keine Käufer mehr gab: wertvolle Perlenstickereien für Gürtel, Kragen oder Taschen, Federgestecke, die zum Teil aus ganzen Vögeln bestanden, in allen denkbaren Farben, dicht gewebte Mantelstoffe, unterschiedlichst strukturiert und mit fantastischen Mustern, Pelzfutter aus Seide und fließende, glänzende, marmorierte, reflektierende Materialien aller Art. Dies alles konnte man für wenig Geld kartonweise erstehen.

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Von diesen Beutezügen, die eher meine Aufgabe waren, kehrte ich immer schwer beladen zurück. Alles wurde auf dem vier mal drei Meter großen Ateliertisch im Berliner Zimmer unserer Schöneberger Wohnung ausgebreitet und oft gleich zu möglichen Kostümkombinationen ausgelegt und drapiert; und weil wir es kaum erwarten konnten, ging es nahtlos in die Nachtsessions über. Tabea schminkte sich selbst. Sie verfügte über ein Repertoire von enormer Bandbreite: vom Stummfilmstar über die freche Göre zur trauernden Witwe, einem Gigolo, einer einsamen Trinkerin, einem Vamp oder der Dame im Pelz.

Nichts wurde genäht, nur geschlungen, gesteckt und drapiert. Das Hawaii-Röckchen wurde zum persisch anmutenden, ausladenden Kopfputz, Tücher, Kleider und Schmuck aus meiner zentralasiatischen Sammlung nahmen in Verbindung mit dicken wattierten Futterstoffen in vielen Schichten die Gestalt von voluminösen Architekturen an. Auch Abendkleider meiner Mutter oder die Designer-Strickmodelle von Claudia Skoda wurden im Wechsel getragen. Kostümteile, von innen nach außen gekehrt oder auf den Kopf gestellt, fanden Verwendung. In dieser hochkonzentrierten und gleichzeitig entspannten Atmosphäre konnte alles ausprobiert, verworfen und aufs Neue transformiert werden. Alles war möglich.

Unbekümmert gegenüber allen Konventionen

Schon im ersten Film „Laokoon und Söhne“, der die Verwandlungsgeschichte der Esmeralda del Rio erzählt, ist der Rollenwechsel Programm. Gleich zu Beginn zeichnet sich Tabea selbst die Maske einer griechischen Tragödin auf die Stirn, während eine Stimme das „Bleiben der Märchen“ beschwört. Als tapfere Witwe hält sie auf den Höhen des tief verschneiten Albula-Passes den Shakespeare’schen Stürmen stand, denen sie schließlich auf einem Schlitten entflieht.

Auf dem zugefrorenen Bodensee versucht sie sich als Schlittschuhläuferin, spielt dann als Gigolo Jimmy Junod im Schlösschen in Schwarmstedt eine Partie Schach mit dem als Dame verkleideten Max Ernst und bezirzt in der „Betörung der Blauen Matrosen“ als „Junger Vogel“ in einem atemberaubenden selbst geschneiderten Kostüm einen „Alten Vogel“, gespielt von Valeska Gert, verwandelt sich am Strand von Sylt in ein Hawaii-Mädchen und betört als „Blauer Matrose“ einen weiteren „Blauen Matrosen“, Rosa von Praunheim, im stilvoll angelegten Garten des Galeristen Springer, in dem sie einen nackten griechischen Gott, Frank Ripploh, vom Sockel stürzt.

Lauter starke Frauen: Maria Lassnig malte Ulrike Ottinger und Tabea Blumenschein 1979.
Lauter starke Frauen: Maria Lassnig malte Ulrike Ottinger und Tabea Blumenschein 1979.Maria-Lassnig-Stiftung/VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Nur sie konnte so spielen, unbekümmert gegenüber allen Konventionen. Ihr Erscheinen auf der Leinwand und auch im Alltag auf der Straße löste große Faszination aus, ohne dass man genau beschreiben konnte, worin diese lag. Nach den Dreharbeiten zu „Bildnis einer Trinkerin“ trennten wir uns, und unsere Zusammenarbeit endete. 1983 spielte sie noch einmal in meinem Film „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“ in der Rolle der Andamana an der Seite von Veruschka (dem legendären ersten Supermodel, Anm. d. Red.).

Nach ihrer Zeit bei der Gruppe Die Tödliche Doris und dem Kreis Geniale Dilletanten zog sie sich in ihre gezeichnete und gemalte Bilderwelt zurück, die vom poetischen Glitzern einer aus der Ferne grüßenden Diva erzählt. Wir trafen uns weiterhin, um über ihre Zeichnungen und Bilder zu sprechen. Sie fotografierte Objekte und Masken, die auf den Bücherregalen standen, und stöberte in meiner Bibliothek. Ich hatte immer Bücher vorbereitet, von denen ich glaubte, sie könnten sie interessieren. Etwa die postkartengroßen Zeichnungen des afrikanischen Künstlers Frédéric Bruly Bouabré oder die reich bebilderte Ausgabe von Adelbert von Chamissos „Weltreise“, dessen Zeichnungen von Menschen und Landschaften Tabea faszinierten und die sie – neu interpretiert – in ihren Ornamentenkanon integrierte.

Poetisches Glitzern einer aus der Ferne grüßenden Diva

Über die Jahre erwarb ich viele dieser Zeichnungen, und so ist eine Sammlung entstanden, die über ihren Tod hinaus besteht. Daraus entsprang das Projekt „ZusammenSpiel“, in dem ich ihre bildkünstlerischen Arbeiten mit meinen Fotografien von ihr aus der Zeit unserer Performance-Sessions in einem Doppelband zusammenbringe, in dem sich beide Perspektiven begegnen. Die Berlinische Galerie, der ich meine Sammlung von Tabea Blumenscheins Zeichnungen und Bildern schenkte, feiert aus diesem Anlass vom 15. Juli bis 31. Oktober 2022 Tabea Blumenschein mit einer Ausstellung ihrer Arbeiten, zu denen sich meine Fotografien gesellen.

Tabea Blumenschein wohnte ab der „Wende“ in der Allee der Kosmonauten, ein Name, der klingt wie eine Startrampe zu einer unbekannten Reise ins All, wo Erdenschwere sich in Schwerelosigkeit verwandelt. Wenn wir in den nächtlichen Himmel blicken, können wir ihr wieder begegnen, verwandelt in die schönsten Sternzeichen.


Dieser Beitrag ist eine gekürzte Version des Originalbeitrags aus: Ulrike Ottinger (Hrsg.), „ZusammenSpiel, Tabea Blumenschein – Ulrike Ottinger“, Hatje-Cantz-Verlag, Ostfildern 2022.

Ulrike Ottinger gehört als Pionierin der avantgardistischen Filmkunst zu den bedeutendsten deutschen Filmemacherinnen. Ihre Spiel- und Dokumentarfilme sowie fotografischen Arbeiten wurden auf den wichtigsten internationalen Festivals und bei zahlreichen Retrospektiven gezeigt.


Lesen Sie die vollständige Liste mit insgesamt 10 Frauen, die in Berlin ungeahnte Pioniertaten vollbrachten in der „100 Berlinerinnen“-Ausgabe von B HISTORY, dem Geschichtsmagazin der Berliner Zeitung.