Vier unvergessliche Frauen, die zu Berlin gehören wie das Berlinerisch

Mira, Meysel, Hahnemann und Knef – Frauen, die das Publikum begeisterten und die Nation prägten. Ein Auszug aus dem neuen „B HISTORY“-Magazin.

100 Frauen, die Geschichte machten: das Cover der 5. Ausgabe von B HISTORY.
100 Frauen, die Geschichte machten: das Cover der 5. Ausgabe von B HISTORY.Gestaltung/André Wyst

100 Frauen, die Geschichte machten, und zwar hier in Berlin – das ist das Thema der fünften Ausgabe von B HISTORY, dem Geschichtsmagazin der Berliner Zeitung.

In dem neuen Heft finden sich auch vier Frauen, dessen Klang, Glanz und Glamour noch heute zur Stadt an der Spree gehört, wie das Berlinerisch. Wir stellen sie vor:

Brigitte Mira - die „Kleene“, die großartig war (1910 - 2005)

Brigitte Mira und El Hedi Ben Salem in „Angst essen Seele auf“ 1974.
Brigitte Mira und El Hedi Ben Salem in „Angst essen Seele auf“ 1974.Keystone

Von ihrem endgültigen Abgang hatte Brigitte Mira eine klare Wunschvorstellung: „dass irgendwann der Vorhang fällt und ich hinter der Bühne graziös zusammensinke. So, dass es noch ein hübsches Foto gibt!“ Vergönnt war es ihr nicht. Als Berliner Original gilt die Mira, aber in Hamburg wurde sie geboren, in Düsseldorf wuchs sie auf.

Als Kind nahm sie Gesangs- und Ballettunterricht, mit 19 sang sie die Esmeralda in Smetanas „Die verkaufte Braut“ in Köln. 1941 kam sie nach Berlin, zum Theater am Schiffbauerdamm, wo ihr komisches Talent entdeckt wurde, was sie ins Kabarett der Komiker führte. Auch nach dem Krieg spielte sie in Berlin: am Theater am Schiffbauerdamm, am Hebbel-Theater, an der Komischen Oper. In den Fünfzigern übernahm sie Rollen in Schlagerfilmen und Musikkomödien.

Kultstatus erspielte sich die Mira ab 1977 mit der Fernsehserie „Drei Damen vom Grill“. Als dickköpfige Oma Färber, die mit ihrer Tochter (Brigitte Grothum) und Enkelin (Gabriele Schramm) einen Imbisswagen in Berlin betreibt, begeisterte sie ihr Publikum. Und ihre männlichen Kollegen, erst Günter Pfitzmann, dann Harald Juhnke: Die schwärmen von der „Kleenen“ – sie maß 1,53 Meter – mit Herz und Schnauze. Drei Jahre bevor sie den „Grill“ anschmiss, hatte sie ihre Schauspielkunst sensationell und endgültig bewiesen: mit der Hauptrolle in Rainer Werner Fassbinders Film „Angst essen Seele auf“: In dem Melodram spielt sie eine verwitwete 60-jährige Putzfrau, die sich in einen deutlich jüngeren „Gastarbeiter“ aus Marokko verliebt (unten mit El Hedi ben Salem). Dafür erhielt sie den Deutschen Filmpreis. Unter Fassbinder drehte sie noch „Berlin Alexanderplatz“ und „Lili Marleen“. Bis zuletzt war Brigitte Mira in den alljährlichen „Jedermann“-Aufführungen im Berliner Dom zu sehen.

Ende 2004 erlitt sie einen Schwächeanfall, von dem sie sich nicht mehr erholte. Im Alter von 94 Jahren starb sie. Im Bett.

Inge Meysel - die kämpferische Mutter der Nation (1910 - 2004)

Inge Meysel
Inge MeyselJochen Harder/Ullstein

Was sie wollte und was nicht, wusste Inge Meysel ganz genau. In den 1920er-Jahren – „politisch gehörte ich zu den Jungsozialisten“ – hielt sie bei einer Kundgebung eine Rede gegen die Todesstrafe. Bei einer Talkshow 1975 erzählte sie, dass sie in jungen Jahren eine Frau liebte. Drei Jahre später verklagte sie zusammen mit Alice Schwarzer und acht weiteren Frauen das Magazin Stern „wegen der Darstellung von Frauen als Sexobjekt“. Und als sie 1981 das Bundesverdienstkreuz bekommen sollte, lehnte sie ab, weil es ihrer Meinung nach keinen Orden wert sei, dass jemand „sein Leben anständig gelebt hat“.

Inge Meysel wurde als Tochter eines jüdischen Kaufmanns in Rixdorf geboren, damals noch bei Berlin, heute in Neukölln. Schon als Dreijährige stand sie auf der Theaterbühne – als Engel in der Oper „Hänsel und Gretel“. Ihre Schauspielkarriere begann 1930 in Zwickau, sie spielte auch in Berlin und Leipzig. Drei Jahre währte ihr berufliches Glück, dann teilte ihr ein Leipziger Theaterintendant mit, dass die Belegschaft nicht mit einer Jüdin arbeiten wolle. Als „Mischling ersten Grades“ erhielt sie Auftritts- und Hausverbot. Nach 1945 brannte Inge Meysel darauf, wieder schauspielern zu können. Mit 35 Jahren war sie für viele Rollen zu alt, so schlüpfte sie in ihre Paraderolle: die der patenten Mutter und Hausfrau.

Vorwiegend auf Berliner und Hamburger Bühnen stand sie in den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren. Eine ihrer Glanzrollen war die der Mutter Wolff in Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“. Als das Fernsehen sie in den 1960ern entdeckte (links ist sie 1968 zu sehen), wurde sie endgültig zur Fernsehmutter der Wirtschaftswunder-Bundesrepublik – mit tollen Beinen. Bis ins hohe Alter spielte sie, mit 92 Jahren noch im „Polizeiruf 110“.

Helga Hahnemann: Eine Entertainerin wie ein Kessel voller Buntes (1937 - 1991)

Helga Hahnemann
Helga HahnemannUllstein

Halbe Sachen waren mit „Henne“ oder Big Helga, wie Helga Hahnemann (rechts 1980) genannt wurde, nicht zu machen. „Lieber lichterloh brennen als langsam verglühen“, war das Motto der Entertainerin. Dementsprechend arbeitete sie, aß sie, rauchte sie. Von Kindesbeinen an wollte die in Berlin-Pankow geborene Henne auf der Bühne stehen. Nachdem sie die Schauspielschule in Niederschöneweide absolvierte hatte, debütierte sie 1959 am Kabarett Pfeffermühle in Leipzig. Anfang der 60er-Jahre war sie mit eigenen Programmen auf Berliner Bühnen zu sehen. Und schließlich auch im DDR-Fernsehen: In der Satire-Sendung „Tele-BZ“ machte sie sich einem breiten Publikum bekannt, mit „Helgas Fitparade“ bekam sie 1977 ihre erste TV-Show.

Zwei Jahre später moderierte sie erstmals „Ein Kessel Buntes“. Auch im Berliner Rundfunk hatte sie eine Sendung: „Helgas Top(p)-Musike“. Aus der entstanden Fernsehshows. Nebenbei arbeitete sie als Synchronsprecherin: In drei Filmen der Reihe „Die Olsenbande“ spricht sie die weibliche Hauptfigur. Als Sängerin war sie ebenfalls erfolgreich, mit Schlagern wie „Wo ist mein Jeld bloß geblieben?“, „U-Bahn-Beat“ oder „100 mal Berlin“.

Anfang November 1991 erhielt Helga Hahnemann die Diagnose Lungenkrebs, zwei Wochen später starb sie – mit 54 Jahren. Seit 2010 hat sie einen Stern auf dem Berliner „Boulevard der Stars“, neben der Dietrich und der Knef.

Hildegard Knef - für sie regnete es nicht immer rote Rosen (1925 - 2002)

Hildegard Knef in Berlin 1947.
Hildegard Knef in Berlin 1947.akg

Mit fester Stimme spricht Hildegard vor, bei der Ufa, mitten im Krieg, 1943. Das Mädchen, Zeichnerin in der Trickfilmabteilung, überzeugt seine Zuhörer und -schauer. So erhält die 17-Jährige Schauspielunterricht und erste kleine Rollen. Ein Jahr nach Kriegsende gelingt Hildegard Knef schlagartig der Durchbruch. Die Rolle der Heimkehrerin Susanne Wallner in „Die Mörder sind unter uns“ macht sie berühmt.

Dass sie eine Affäre mit Ewald von Demandowsky hatte, dem Reichsfilmdramaturgen und Produktionschef der Tobis, den die Alliierten zum Tode verurteilten, schadet ihr nicht. Im August 1948 ziert die Knef das Cover der ersten Ausgabe des Magazins Stern. Das US-Magazin Life bringt eine Fotostory zum „New German Star“, der viele an die junge Lauren Bacall erinnert. Mit ihrem Mann Kurt Hirsch, einem US-Offizier und späteren Filmagenten, geht sie in die USA. Es folgt ein Skandal. In dem 1951 uraufgeführten Willi-Forst-Film „Die Sünderin“ spielt die Knef eine Prostituierte, die ihrem Freund hilft, Selbstmord zu begehen, und die sich daraufhin selbst das Leben nimmt. Die Proteste insbesondere kirchlicher Kreise machen den Film zu einem Kassenerfolg. Trotz eines Vertrags mit der 20th Century Fox dreht Hildegard Knef hauptsächlich für deutsche, britische und französische Produktionen. Aber es gelingt ihr, Hauptrollen am New Yorker Broadway zu spielen. So brilliert sie 1955 in „Silk Stockings“ von Cole Porter. Zu dieser Zeit ist sie eng mit ihrer Kollegin Marlene Dietrich befreundet.

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Berliner Verlag
100 Berlinerinnen, die uns Mut machen
Das neue B HISTORY, das junge Geschichtsmagazin der Berliner Zeitung, ist diesmal ganz dem weiblichen Berlin gewidmet.
122 Seiten mit 245 Abbildungen. Erhältlich im Einzelhandel für 9,90 Euro, bei unserem Leserservice unter der Telefonnummer +49 30 2327-77 oder leserservice@berlinerverlag.com und im Aboshop der Berliner Zeitung.

Obwohl 1950 US-Staatsbürgerin geworden, geht die Knef 1957 zurück nach Deutschland. Hier beginnt ihre Karriere als Sängerin, geadelt von Ella Fitzgerald, die sie „die beste Sängerin ohne Stimme“ nennt: rauchig, schnodderig, melancholisch-forsch mit Berliner Zungenschlag – absolut unverwechselbar. Die ersten Platten nimmt die Knef in England und Frankreich auf. 1968 bringt Hildegard Knef ihre Tochter Christina Antonia zur Welt. Und sie veröffentlicht „ihr“ Lied: „Für mich soll’s rote Rosen regnen“. Nebenbei schreibt sie Bücher, die Bestseller werden: 1970 die Autobiografie „Der geschenkte Gaul“, 1975 „Das Urteil“ über ihre Brustkrebserkrankung.

Privates wird bei ihr öffentlich verhandelt. Zum Boulevard pflegt sie eine Hassliebe. Anfang der Achtzigerjahre berichtet die Regenbogenpresse genüsslich über Scheidung, Schulden, Misserfolge. Schließlich kehrt sie 1982 mit ihrer Tochter und ihrem dritten Ehemann Paul von Schell in die USA zurück. Sie fasst dort nicht mehr Fuß, auch weil Medikamente und Alkohol sie schon zu lange begleiten. Doch West-Berlin beschert ihr 1987 ein Comeback: Sie spielt die Pensionswirtin Schneider im Musical „Cabaret“. Hoch verschuldet zieht Hildegard Knef nach dem Mauerfall zurück nach Berlin. Ihr gelingen Achtungserfolge.

Nach von Krankheiten geprägten Jahren stirbt sie am 1. Februar 2001 an einer Lungenentzündung.