Berliner Spirituosen mit langer Tradition: Ein Schnaps gefällig?

Berliner Spirituosen sind eine Tradition, manch Hochprozentiger wurde vor fast 200 Jahren erfunden. Fünf Kostproben aus der aktuellen Ausgabe von B HISTORY.

Ein Gläschen Kaiser-Kümmel: Reklamefoto aus der Gründerzeit.
Ein Gläschen Kaiser-Kümmel: Reklamefoto aus der Gründerzeit.Archiv Alfred Glinka-Bötzow

KAISER-KÜMMEL

Der Ehrgeiz ist Carl Joseph Aloys Gilka in die Wiege gelegt worden. Sein Vater war vom Schulgehilfen zum Amtsschreiber aufgestiegen; er verwaltete ein großes Rittergut in der Lausitz. Von dort war es für den Sohn, der 1812 das Licht der Welt erblickte und Joseph Aloys genannt wurde, nicht weit nach Berlin, wo er in den 1830er-Jahren eine Ausbildung zum Destillateur machte. So hießen die Branntweinbrenner, die ein Handwerk ausübten, das zur Apothekerkunst gehörte. Die Herstellung von alkoholischen Getränken war streng geregelt. Wer sich damit auskannte, konnte gutes Geld verdienen. Joseph Aloys Gilka entwickelte das Rezept zu einem Getränk, das ab 1836 zu einem Verkaufsrenner werden sollte: ein Kümmellikör, aromatisch und nur leicht gesüßt. Der Genuss des Kümmels brachte Erleichterung nach den schweren Kohlsuppen, die damals weitverbreitet waren, mit seinen 42 Prozent dazu noch einen kleinen Rausch, der die Wangen glühen ließ.

Bärig sexy: Pin-up-Werbung zum 110er-Jubiläum der Berliner Bittermarke.
Bärig sexy: Pin-up-Werbung zum 110er-Jubiläum der Berliner Bittermarke.Archiv Alfred Glinka-Bötzow

Der Gilka-Kümmel fand schon bald viele Freunde. Sein Erfinder war geschäftstüchtig und hatte klug geheiratet. Ehefrau Auguste, Tochter eines wohlhabenden Seidenwebers aus Potsdam, brachte eine Mitgift von 15.000 Talern in die Zweisamkeit. Noch besser war, dass ihr Vater dem Schwiegersohn das Geld gab, bevor das Paar vor den Traualtar trat. Ein Hauskauf drängte – Gilka erwarb in der Schützenstraße 9 unweit des heutigen Checkpoints Charlie ein Gebäude, in dem er seine „Spritfabrik“ ansiedelte. Der zweistöckige Bau trug den Namen J.A. Gilka im Fries über der Eingangstür. Später baute er ein weiteres Haus in der Schützenstraße 12. Das Gebäude ist verschwunden, seine Fassade mit den Buchstaben J, A und G besteht aber bis heute – als Teil eines modernen Quartiers, das Stararchitekt Aldo Rossi gestaltet hat. Das hätte Gilka sicher gefallen. Er strebte immer weiter nach vorn, kaufte um Berlin Rittergüter, weil es dort Brennrechte gab, verkaufte sie wieder und kaufte neue, er fuhr auf Messen, erhielt Preise und Belobigungen für den Gilka-Kümmel und bewarb sich schließlich um den Titel Kommerzienrat. Als einer der ersten Berliner Geschäftsleute erhielt er ihn 1867 vom preußischen König Wilhelm I. und war damit endgültig angekommen im gutbürgerlichen Teil der boomenden Hauptstadt Preußens.

Jetzt verkehrte Gilka in den höheren Kreisen, doch am wichtigsten war ihm neben seiner Arbeit die Familie. Acht Kinder hatte Auguste geboren und keins hatte das Ehepaar verloren – eine Seltenheit zu dieser Zeit. Mit Aufmerksamkeit und Zuneigung kümmerten sich Mutter und Vater um die Kinder. Allerdings wurde Gilka selbst mit zunehmendem Alter leidend. Sechs Tage die Woche zehn bis zwölf Stunden Arbeit waren zu viel. Er fuhr zur Kur, doch bereits mit 61 Jahren starb er. Eine große Gruft auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof an der Bergmannstraße in Kreuzberg, einem Friedhof der Reichen und Berühmten, wurde seine letzte Ruhestätte. Nach Gilkas Tod war es an den Söhnen, das Erbe zu verwalten. Der Erstgeborene winkte ab und ließ sich auszahlen. Der zweite und dritte waren bereit, die Geschäftsführung zu übernehmen und das Spirituosenunternehmen wuchs weiter. Theodor und Hermann Otto leiteten die Destillerie gemeinsam, die mittlerweile weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt war. Sogar den Kaiser von Österreich und Ungarn, Franz Joseph I., belieferten sie. Aus dieser Zeit stammt vermutlich der Name „Kaiser-Kümmel“, Kaiser Wilhelm II. hat ihn sicherlich auch getrunken.

Und Cherry-Brandy für die Damen: Der Blechteller aus dem 19. Jahrhundert listet die damaligen Gilka-Produkte auf.
Und Cherry-Brandy für die Damen: Der Blechteller aus dem 19. Jahrhundert listet die damaligen Gilka-Produkte auf.Archiv Alfred Glinka-Bötzow

Der erstgeborene Sohn des Firmengründers aber heiratete eine Tochter des Großbauern Bötzow aus Prenzlauer Berg und begründete die Stammlinie Gilka-Bötzow, die in Schlesien großen Landbesitz erwarb und für fortschrittliche Landwirtschaft bekannt wurde. Einem Nachfahren dieser Linie, Alfred Gilka-Bötzow, verdankt die Nachwelt, dass die Geschichte des Gilka-Kümmels so gut dokumentiert ist. Der Ururenkel vom Kümmel-Gilka hat jedes Rittergut in Schlesien und Brandenburg besucht, jede alte Flasche Kümmel ersteigert, die er finden konnte, und ein großes Archiv zusammengetragen, um zu bewahren, was durch die Kriege in alle Winde zerstreut wurde. 2008 organisierte Gilka-Bötzow ein Familientreffen, auf dem Geschwister ihre noch unbekannten Halbgeschwister aus heimlichen Liebschaften trafen und wo die Menschen der vielen Gilka-Linien wieder zu einer Familie zusammenfanden.

„Der Kurze von Berlin“: Gilka-Kümmel mit Kaiser-Pinguin.
„Der Kurze von Berlin“: Gilka-Kümmel mit Kaiser-Pinguin.Archiv Alfred Glinka-Bötzow

Das große Lebenswerk von Carl Joseph Aloys Gilka war im Lauf des vergangenen Jahrhunderts geschrumpft. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Produktion, die ursprünglich im Ostteil Berlins lag, nach Hamburg, doch die goldenen Zeiten des Kümmels waren vorbei. In den 1960er-Jahren verkauften die Erben die Marke und ihr Rezept an die Firma Underberg aus Rheinberg am Niederrhein. Diese hat der Marke mit einer Flasche à la „Babylon Berlin“ ein frisches Image verpasst. „Der Kurze von Berlin“, lautet der Slogan heute, ganz so wie in der Vergangenheit. Ob sich der Digestif-Shot verbreitet wie einst aus der Schützenstraße, wird die Zukunft zeigen. Dass er das Zeug dazu hat, in der Stadt Berlin ein ganz Großer zu werden, hat er schon einmal bewiesen.

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MAMPE HALB UND HALB

Bittersüß war die Medizin, die der in Köslin praktizierende Geheimrat Dr. Carl Mampe für seine Kunden im schlimmen Cholera-Jahr 1831 zusammenrührte. „Bittere Tropfen“ nannte er sie, so wie ihr Geschmack, so wie die Krankheit, gegen die sie helfen sollten. Ein Wundermittel, wie es schien, denn die Kunden wollten immer mehr von dem Getränk. „Daraus muss sich doch was machen lassen“, überlegten Mampes Nachfahren und begannen, Rezepturen auszuprobieren. „Einer der Versuche war sehr erfolgreich: 1895 nahmen sie zur Hälfte die Medizin und zur anderen Hälfte Bitterorangenlikör“, berichtet Florian Löhlein, der heute Geschäftsführer bei Mampe ist. Mampes Halb und Halb war erfunden und wurde rasch in Berlin und ganz Deutschland bekannt – wegen seines Geschmacks und wegen kluger Werbung.

In Berlin bekannt wie ein weißer Elefant: Mampes „Halb & Halb“ aus Kreuzberg.
In Berlin bekannt wie ein weißer Elefant: Mampes „Halb & Halb“ aus Kreuzberg.Mampe

Nach dem Tod von Carl Mampe nahm dessen enger Mitarbeiter, Robert Exner, die Fäden auf und verpasste Mampe einen Elefanten als Emblem. Der findige Kaufmann verschaffte sich durch die Hochzeit mit Mampes Witwe Verfügungsgewalt im Unternehmen und konnte fortan sein Feuerwerk an Ideen in die Tat umsetzen. Die Elefanten zählten dazu. Mampe spendierte dem Berliner Zoo mehrere Elefanten; einen von ihnen hielt er für ein Jungtier, obwohl es ein Zwergelefant war – die Kuriosität brachte Mampe wieder Aufmerksamkeit.

Das Wappentier, das nach wie vor jede Flasche ziert, ließ erst den Rüssel hängen, dann stellte es ihn ab den 1950er-Jahren auf, da dies mehr Glück bringen sollte. Schon weit vorher richtete Exner in Berlin Lokale ein, in denen sich die Menschen wohlfühlten und produzierte schließlich sogar alkoholfreien Schnaps, den er in das Amerika der Prohibition verkaufte.

Mampe, das sieht man, ist flexibel. Das muss das Unternehmen auch sein, denn in den vergangenen Jahrzehnten sank der Stern des Kreuzberger Magenbitters. Aufgekauft durch die Firma Berendsen, wurden die Verkäufe immer weniger. Doch Mampe sollte wieder durchstarten. Ein junges Kollektiv hat die Firma 2013 übernommen und produziert jetzt in der Kreuzberger Bergmannstraße. Rund 20 Mitarbeiter und viele Ideen, sich unters Volk zu mischen. „Zum Beispiel personalisierte Produkte – wir stellen die Mampe-Variante her, die sich der Kunde wünscht“, sagt Löhlein. Wie wäre es etwa mit einem Rotwein-Orangen-Mandel-Gin? Vieles ist möglich. Wer will, kann auch einen Stein in der Manufaktur erwerben, so wie damals Mauersteine vom neuen Berliner Schloss verkauft wurden. Die Belohnung: unter anderem ein Vorkaufsrecht auf die neuesten limitierten Kreationen von Mampe.

WODKA GORBATSCHOW

Als Michail Gorbatschow Mitte der 1980er-Jahre in Deutschland bekannt wurde, war Wodka Gorbatschow hierzulande schon mehr als 60 Jahre auf dem Markt. Der Rückenwind des Kreml-Reformers war also reiner Zufall, historisch aber durchaus gerecht. Immerhin war der Begründer von Wodka Gorbatschow, der Leontowitsch Gorbatschow hieß, ein Russe, der aus Russland geflohen war. In der Oktoberrevolution 1917 mussten viele Fabrikbesitzer ihren Reichtum mit dem Leben bezahlen, sodass wer auch immer konnte, das Land verließ. Berlin war die erste große Stadt auf dem Weg nach Westen und so kamen auch die Gorbatschows an die Spree. Dort beantragten sie einen Handelserlaubnisschein und erhielten am 28. April 1921 die Genehmigung, Wodka herzustellen.

Zeitweilig die „am meisten verkaufte Spirituosenmarke Deutschlands“: Wodka Gorbatschow.
Zeitweilig die „am meisten verkaufte Spirituosenmarke Deutschlands“: Wodka Gorbatschow.Wodka Gorbatschow

Zuerst tranken ihn nur die russischen Immigranten, aber bald kamen auch die Berliner auf den Geschmack. Doch während Erstere das hochprozentige Wässerchen meist pur genossen, mischten die Deutschen es gern in Cocktails, die sie in den 1920ern begeistert schlürften. Der Geschmack von Wodka ist schließlich relativ neutral, doch er gibt jedem Getränk ordentlich Pfiff.

Einige Jahre später wechselte das Unternehmen in deutsche Hand. Seitdem hatte die Marke verschiedene Besitzer. Die Wirtschaftskrise, politische Wirren, Krieg und Neuanfang setzten auch dem Wodka zu. In den 1960er-Jahren übernahm das heutige Unternehmen Henkell Freixenet die Marke – 2010 zog die Produktion von Berlin nach Wiesbaden um.

Ausgerechnet ein kommunistischer Staatschef verhalf dem hochprozentigen Wässerchen in den 1980er- und 1990er-Jahren zu einem Siegeszug. Die Freude über die deutsch-deutsche Vereinigung hat vermutlich so manchen zur hohen Flasche mit dem Zwiebelturm-Relief am Hals greifen lassen. Und übers Etikett fliegt auch noch eine Taube – was für eine Symbolik!

Zwar ist Wodka Gorbatschow bereits seit 1975 Marktführer in seinem Segment, doch vermutlich dürfte die Namensgleichheit dazu beigetragen haben, dass er heute sogar „die am meisten verkaufte Spirituosenmarke Deutschlands ist“, wie Torben Jansen, Head of Marketing von Wodka Gorbatschow, berichtet. Dabei erinnern sich die jugendlichen Konsumenten inzwischen kaum noch an den Politiker mit dem markanten Muttermal auf der hohen Stirn. Sie sehen das Getränk eher als „Garant für Spaß, Freude und Zusammensein“, wie Jansen sagt. Da schließt sich der Kreis, denn schon in Sankt Petersburg, wo Leontowitsch Gorbatschow herstammte, erfreute das Getränk Fürsten, Popen und Soldaten.

WURZELPETER

Ein Kobold mit weißem Bart sitzt am Feuer und rührt in einem großen Bottich, aus dem sich der Dampf schlangengleich in die Luft dreht. Der pechschwarze Hintergrund zeigt die Nacht, in der der Likör vermeintlich gebraut wird. Ein Zaubertrank, so scheint es, steckt in der Flasche, die 1935 auf den Markt kam. Damals waren Liköre an der Spree en vogue. In den 1920ern hatten sich zahlreiche Likörstuben etabliert. Als Paul Pöschke den Wurzelpeter in der Chausseestraße auf die Bühne hob, empfing ihn die Stadt jedenfalls begeistert. Bis 1972 blieben Pöschke und seine Erben die Hersteller. Danach kam das Getränk zum VEB Bärensiegel, einem der großen Spirituosenbetriebe der DDR.

Fast wäre das Getränk damals verschwunden, doch staatliche Stellen der DDR forderten, dass der Wurzelpeter auf dem Markt bliebe. Ihr Wunsch war nicht leicht zu erfüllen, denn der Pächter gab die Rezeptur nicht heraus. Der Chefdestillateur des VEB Bärensiegel, Klaus Richter, musste selbst ran, um das Erzeugnis neu zu entwickeln, damit es dem Original entsprach. „Recht langwierige Versuchsreihen waren nötig, bis eine hohe Produktqualität erreicht wurde“, heißt es in einer Chronik des VEB Bärensiegel. Die Werbung war entsprechend selbstbewusst: „Früher oder später trinkt ein jeder Wurzelpeter“, lautete der Slogan.

Nicht zu süß, nicht zu bitter: Wurzelpeter.
Nicht zu süß, nicht zu bitter: Wurzelpeter.Wurzelpeter

Wurzelpeter wird heute wie schon in der Vergangenheit mit ausgewählten Kräutern und Gewürzen wie Wermutkraut, Curaçao-Schalen, Enzianwurzel, Koriander und Safran hergestellt. In der Komposition ist er nicht zu süß, aber auch nicht zu bitter. Wurzelpetersilie ist übrigens nicht Teil der Mischung – wie der Name des Likörs vielleicht annehmen ließe. Dieser geht vermutlich auf das Märchen „Der Wetterbusch“ von Ludwig Grimm zurück.

Die Zeit nach dem Mauerfall hat der Kobold halbwegs unbeschadet überstanden. Er verlor allerdings zehn Prozent seines Alkoholgehalts und wird heute mit 30 Prozent statt der früheren 40 Prozent verkauft. Seit ein paar Jahren geht es aufwärts und Wurzelpeter steht wieder in den Regalen der Getränkemärkte.

Seit 2012 wird erfolgreich nach Korea, China und Taiwan exportiert. „Das Geheimnis der Wälder“ steht sibyllinisch auf den asiatischen Etiketten – die Magie des deutschen Waldes als Werbeträger. Vor drei Jahren wurde der Likör Teil der Rotkäppchen-Mumm-Familie und gehört zum Tochterunternehmen Berliner Bärensiegel mit Standort in Kreuzberg. Die Verbindung der Märchenfiguren soll – so der Plan – für Wurzelpeter zu einem glücklichen Ende führen. Und wenn er nicht getrunken ist, dann ...

BERLINER LUFT

Der Berliner Unternehmer Sergej Schilkin dürfte das Politbüro des Zentralkomitees der SED mit seinem Hochprozentigen, aber auch mit Likören wie „Berliner Luft“ versorgt haben. Sein Vater hatte Schilkin-Wodka dem Zaren persönlich geliefert. Die Geschichte der Familie aus Sankt Petersburg schlägt Brücken zwischen Ländern, Systemen und Epochen. „Hoffe, solange du atmest“, war der Wahlspruch von Sergej Schilkin, dessen Persönlichkeit im Bezirk Marzahn-Hellersdorf und in ganz Berlin Spuren hinterlassen hat.

In den Wirren der nachrevolutionären Zeit brachte Apollon Fjodorowitsch Schilkin seine Frau und seine Söhne 1921 nach Karlshorst. Von dort zog die Familie 1932 nach Alt-Kaulsdorf, um auf einem ehemaligen Gutshof die Herstellung von Wodka wiederaufzunehmen. Doch die 1930er-Jahre waren schwer. „Gegen die unvorstellbare Konkurrenz von allein 200 Berliner Schnaps- und Likörherstellern konnten wir uns nicht behaupten“, schreibt Schilkin in seiner Autobiografie. Der Krieg tat sein Übriges.

Erst 1948 begannen bessere Zeiten, als Sergej Schilkin die Schilkin KG gründete und begann, wieder Wodka zu brennen. Das Geschäft florierte und wurde den DDR-Behörden ein Dorn im Auge. 1958 drängten sie den Besitzer bis auf eine Beteiligung von 15 Prozent aus dem Betrieb, 1972 enteigneten sie den Rest.

Der Berliner Unternehmer Sergej Schilkin versorgte nicht nur DDR-Politiker mit hochprozentiger „Berliner Luft“.
Der Berliner Unternehmer Sergej Schilkin versorgte nicht nur DDR-Politiker mit hochprozentiger „Berliner Luft“.Berliner Luft

Doch Sergej Schilkin verhandelte gut: Er durfte den Chefposten des VEB Schilkin bis zu seiner Pensionierung 1981 behalten und der Familienname blieb. Ende jenes Jahrzehnts war das Unternehmen die viertgrößte Schnapsbrennerei in der DDR: 200 Mitarbeiter füllten jährlich rund 80 Millionen Flaschen ab. 1990, im Alter von 75 Jahren, wurde Schilkin schließlich wieder Eigentümer seiner Fabrik.

Mittlerweile ist sein Enkel Patrick Mier am Ruder, kaufmännischer Leiter ist Erlfried Baatz – der erfolgreiche Sanierer wurde im April 2014 gerufen, als Schilkin auf dem heiß umkämpften Spirituosenmarkt ins Schlingern geraten war. Jetzt glänzt der Name abermals. Zugpferd ist der Pfefferminzlikör Berliner Luft, der wieder frischen Atem verleiht, wenn Hochprozentiges diesen zuvor getrübt hat, wie Baatz munter empfiehlt. Rund sieben Millionen Flaschen mit dem türkisfarbenen Etikett gehen jedes Jahr in alle Teile Deutschlands sowie nach Österreich und in die Schweiz.

Sergej Schilkin ist 2007 gestorben. Zuvor spendete er großzügig, unter anderem für die Turmspitze der Kaulsdorfer Jesuskirche und für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Seine Autobiografie beschließt er mit den Worten: „Was mich glücklich macht, ist der Umstand, dass ich all das, was mir bisher passierte, in einer vernünftigen Weise meistern konnte, ohne unanständig zu werden.“