Berlins First Ladies: 3 Frauen, die echte Pioniertaten vollbrachten

Eine forsche(nde) Mikrobiologin, Deutschlands erste Miss Germany - und ein weibliches Flusspferd: B HISTORY feiert Berlinerinnen, die es drauf hatten.

In den frühen 1970ern: Susanne Erichsen, deutsche Schönheitskönigin, Model und Unternehmerin. 
In den frühen 1970ern: Susanne Erichsen, deutsche Schönheitskönigin, Model und Unternehmerin. imago/United Archives

1. Susanne Erichsen (1925-2002), die erste Miss Germany der BRD

Nicht ganz 20 ist Susanne, als sie heiratet. Der Krieg ist seit fünfeinhalb Wochen vorbei. Kurz darauf wird die Berlinerin, geboren in Steglitz, mit ihrem Mann Sven Erichsen zur Zwangsarbeit südlich von Moskau deportiert, um die Stadt Stalinogorsk (heute Nowomoskowsk) wiederaufzubauen. Sie leistet Schwerstarbeit, leidet unter Hungerödemen, zwei lange Jahre hindurch.

Kaum zu glauben ist es, dass die beiden nicht nur überleben, sondern dass sie die erste Miss Germany der BRD, ein gefragtes Mannequin und eine erfolgreiche Unternehmerin wird. Als sie 1947 nach Deutschland zurückkehrt, erholt sich Susanne Erichsen schnell. „Ich hatte eben eine fabelhafte Konstitution“, erklärt sie das später in einem Interview des Magazins Stern. Dazu fällt die junge Frau durch ihr Äußeres auf: dunkles Haar, hohe Wangenknochen, Wespentaille. Sie wird 1949 auf der Prinzregentenstraße in München von der Modejournalistin Lore Wolf angesprochen: „Ihr Kopf gefällt mir! Wollen Sie für Hutfotos posieren?“ Bei den Fotoaufnahmen weiß sie zu begeistern.

Im mondänen Baden-Baden beginnt Susanne Erichsens Karriere als „Fräuleinwunder“ – sie war die Erste, auf die das zutrifft. Am 2. September 1950, da ist sie 24 Jahre alt, wird sie zur Miss Germany gekürt, mit Hermelin, Schärpe und Krönchen. Schnell wird sie bekannt, arbeitet als „Mannequin des Jahres“ für die großen Berliner Modesalons, ziert Zeitschriftentitel und lernt den Berliner Modedesigner Hans Gehringer kennen. Berlin berappelt sich gerade wieder, auch als Modestadt. Von dem jüdisch geprägten Modezentrum um den Hausvogteiplatz ist nichts geblieben, doch Designer wie Gehringer oder Heinz Oestergaard suchen mit ihrer Arbeit Anschluss ans Weltniveau.

Viele Zigaretten und Schnaps, Scotch, das peppte auf. Und gehascht haben wir auch.

Susanne Erichsen über die Model-Diät der 1950er

Susanne Erichsen steht für die retro-feminine Damenmode der Fünfzigerjahre: New Look, schmale Taille, lange Beine, betont durch Bleistiftrock. Knallhart ist das Schlankheitsideal: Sie darf bei ihrer Größe von 1,73 Meter nicht über 50 Kilogramm wiegen. Wie hielt sie ihr Gewicht? „Wir haben alle Aufputschmittel genommen. Außerdem viele Zigaretten und Schnaps, Scotch, das peppte auf. Und gehascht haben wir auch.“ Für das Unternehmen Gehringer & Glupp läuft Susanne Erichsen zwei Jahrzehnte als Starmannequin. Als „Botschafterin der Mode“ begeistert sie auch in New York, zehn Jahre bleibt sie dort. Die Agentur Frances Gill zahlt ihr 100 Dollar (damals 420 D-Mark) die Stunde – eine Top-Gage.

Wieder in Berlin beginnt sie eine Karriere als Unternehmerin. Sie gründet die Teenager Modelle GmbH mit Mode-Showroom am Kurfürstendamm und Produktionsstätten in Tempelhof. Im Jahr 1967 eröffnet sie eine Mannequin- und Modelschule. Sie stirbt 2002 an den Folgen eines Schlaganfalls. Ihren Ehemann, von dem sie nach ihrer Deportation getrennt worden war, sah sie nie wieder.

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2. Lydia Rabonowitsch-Kempner (1871-1935), Berlins erste Professorin

Was für ein Skandal in den Augen nicht weniger Berliner! Da kommt eine russisch-jüdische Wissenschaftlerin aus Amerika zurück, macht ihrem berühmten Kollegen Robert Koch Konkurrenz, stellt als erste Bakteriologin fest, dass Rindertuberkulose auch für den Menschen gefährlich ist, und soll nun im Auftrag des Magistrats untersuchen, wie es um die Berliner Milch steht. Die 1894 in Bern zur Dr. phil. nat. promovierte Lydia Rabinowitsch fordert auch von der Meierei Carl Bolle Milchproben an, um sie auf Tuberkelbakterien zu untersuchen. Täglich bis zu 40.000 Liter Milch liefert das Unternehmen aus Moabit in die Kieze der Stadt.

In ihrem Labor: Lydia Rabinowitsch-Kempner,  litauische Mikrobiologin und Amerika-erfahren.
In ihrem Labor: Lydia Rabinowitsch-Kempner, litauische Mikrobiologin und Amerika-erfahren.ullstein bild

Die Meierei trickst: Sie schickt Proben abgekochter Milch. Die Mikrobiologin erkennt den Schwindel und stellt Strafanzeige. Als „Moabiter Milchkrieg“ geht der Prozess in die Berliner Stadtgeschichte ein. Rabinowitsch gewinnt ihn. Die Hygiene in Molkereien, insbesondere die Pasteurisierung der Milch sind unmittelbares Verdienst ihrer Arbeit und ihres Engagements. Im Jahr 1912 verleiht ihr Kaiser Willhelm II. als erster Berlinerin den Titel einer Professorin.

Geboren wird Lydia Rabinowitsch 1871 im litauischen Kaunas, damals Teil des Russischen Reiches. Ihre Familie ermöglicht ihr, in der Schweiz zu studieren. Nach Studium der Naturwissenschaften und Promotion in Medizin bekommt sie als erste Frau eine Stelle am Königlich Preußischen Institut für Infektionskrankheiten, dem späteren Robert-Koch-Institut. Es ist ein unbezahlter Arbeitsplatz. 1896 geht sie in die USA, wo sie drei Jahre lang an einem Medizin-College für Frauen in Philadelphia Bakteriologie unterrichtet. Zurück in Berlin heiratet sie den Arzt Walter Kempner, einen Kollegen von Robert Koch, gewinnt den erwähnten Moabiter Milchkrieg, forscht und publiziert, engagiert sich in Fachgesellschaften. Aber nach der Verleihung des Professorinnen-Titels sieht sie sich antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt.

Ein warmherziger Mensch, eine große Gelehrte!“

Die Berliner Presse über Rabinowitsch-Kempner, 1931

Erst im Alter von 49 Jahren, nach dem Tod ihres Mannes, erhält sie ihre erste Anstellung mit Salär. Sie leitet viele Jahre das Bakteriologische Institut am Städtischen Krankenhaus Moabit. Darüber hinaus zieht sie ihre drei Kinder alleine groß. Ein Jahr nach Machtantritt der Nationalsozialisten wird Lydia Rabinowitsch-Kempner zwangspensioniert. Sie ermöglicht noch ihren beiden Söhnen, ins Ausland zu fliehen; ihre Tochter erlag 1932 der Tuberkulose. Kurz vor ihrem 64. Geburtstag stirbt die Wissenschaftlerin in Berlin. Ihr Sohn Robert Kempner ist später Stellvertreter des amerikanischen Chefanklägers bei den Nürnberger Prozessen gegen die NS-Größen.

3. Bulette (1952-2005), Berlins vierbeinige Trümmerfrau

Was mag Flusspferd Bulette geritten haben, ihre Hauer in den Hintern ihres Vaters Knautschke zu senken? Die Launen der Prä-Pubertät? Als der Fotograf die überraschende Attacke auf den Papa-Po mit seiner Kamera festhielt, war die Übeltäterin drei Jahre alt. Sie war das erste Flusspferd- Mädchen nach dem Zweiten Weltkrieg im Berliner Zoo. Es ist der damaligen Zoodirektorin Katharina Heinroth zu verdanken, dass Bulette in den schwierigen Nachkriegszeiten – Hungerwinter, Berlin-Blockade, Kalter Krieg – ihrem Vater Knautschke Gesellschaft leisten konnte.

Über die innerdeutsche Grenze hinweg hatte Heinroth ein Flusspferd-Zuchtprogramm mit dem Leipziger Zoo aufgebaut. Die Flusspferdkuh Grete reiste häufiger zu Besuch nach Berlin, um mit Knautschke, der den Bombenkrieg als eines von nur 91 Zootieren überlebt hatte, für Nachwuchs zu sorgen. Am 3. April 1952 war es soweit: Bulette kam in Leipzig zur Welt und zog ein Jahr später nach West-Berlin um. Sie wurde, wie Knautschke, ein absoluter Publikumsliebling, gebar 20 Nachkommen und starb hochbetagt mit 53 Jahren – als ältestes bekanntes Flusspferd der Welt.

Böse? Fearless! Das dreijährige Nilpferd-Mädchen „Bulette“ kneift Papa „Knautschke“.
Böse? Fearless! Das dreijährige Nilpferd-Mädchen „Bulette“ kneift Papa „Knautschke“.dpa

Lesen Sie die vollständige Liste mit insgesamt 10 Frauen, die in Berlin ungeahnte Pioniertaten vollbrachten in der „100 Berlinerinnen“-Ausgabe von B HISTORY, dem Geschichtsmagazin der Berliner Zeitung.