Klappe auf, Kunde satt: Das Comeback des Automaten-Restaurants in der DDR

Das Automatenrestaurant wurde Ende des 19. Jahrhunderts von einem Berliner erfunden, eroberte die USA – und feierte 1954 ein Comeback in der DDR.

In den 1950ern: HO Automatenrestaurant „Automat Imbiss“ im Alexanderhaus am Berliner Alexanderplatz.
In den 1950ern: HO Automatenrestaurant „Automat Imbiss“ im Alexanderhaus am Berliner Alexanderplatz.picture alliance / ZB

Berlin an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Die Sehnsucht nach Technik ist riesig. Telefone, Autos und Luftschiffe begeistern die Bevölkerung. Und alle Welt fragt sich: Wie wird die Stadt der Zukunft aussehen? Die Gewerbeausstellung 1896 vor den Toren Berlins in der Landgemeinde Treptow im Treptower Park gibt anschauliche Antworten.

Vor allem das „Elektrisch-automatische Restaurant“ der „Deutschen Automaten Gesellschaft“ ist ein Publikumsmagnet. Die Besucher stehen staunend Schlange vor dem Eingang. Münze in den Schlitz werfen, Drehkreuz passieren: Willkommen in der Zukunft!

Aus den aufwendig mit Spiegeln, Holztäfelung und Marmor verzierten Wänden ragen blank gescheuerte Zapfhähne. Besucher kramen nach Groschen und werfen sie in die dafür vorgesehenen Schlitze. Auf Knopfdruck fließen Bier, Wein oder Likör ins Glas. Es gibt auch Kaffeeautomaten.

Wer Hunger hat, wendet sich ebenfalls an einen Automaten: Klappen öffnen sich und geben Würstchen oder belegte Brötchen frei. Zu alledem spielt eine Kapelle aus 16 mechanischen Musikern, für etwas Kleingeld. Alles arbeitet vollautomatisch. Weit und breit sind weder Kellner noch Kassierer zu sehen. Alles ist sauber und auch noch preiswert. Zehn Pfennig kostet das Glas Bier, eine Mark eine warme Mahlzeit. Und: Trinkgeld entfällt.

Die Bilanz des „Elektrisch-automatischen Restaurants“ nach der fünfeinhalbmonatigen Messe kann sich sehen lassen: 1.724.000 Gläser Bier wurden verkauft, dazu 182.640 Glas Wein, 343.900 Liköre, 71.000 Tassen Kaffee, knapp 34.000 Paar Wiener Würstchen und fast 280.000 belegte Brötchen. Und die mechanische Musikkapelle spielte rund 333.000-mal auf.

Hinter dem Erfolg dieses ungewöhnlichen Restaurants steht Max Sielaff. Im November 1898 eröffnet der Berliner Ingenieur und Patentanwalt in der Friedrichstraße das weltweit erste Automatenrestaurant. Rasch folgen weitere: in der Leipziger Straße, in der Rosenthaler Straße und im Vergnügungsviertel um die Friedrichstraße. Im Jahr darauf wird Sielaff mit seinem „Restaurant Automatique“ bei der Weltausstellung in Brüssel eine Goldmedaille verliehen.

Bis zum Ersten Weltkrieg gibt es in allen größeren deutschen Städten derartige Lokale. Meist prunkvoll ausgestattet, in Jugendstil oder Art déco, heißen sie „Imperial-Automat“, „Residenz- Automat“ oder einfach nur „Automat“.

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Max Sielaff, 1860 geboren, ist ein Tüftler, der sich zahlreiche Erfindungen patentieren ließ, beispielsweise die Rolljalousie oder die Personenwaage. Er spezialisiert sich auf die Herstellung patentierter Massenartikel – und dazu gehören die Waren-Automaten. Am 28. April 1888 stellt das Kaiserliche Patentamt des Deutschen Reichs Max Sielaff eine Patentschrift über einen „selbstthätigen Verkaufsapparat“ aus. Dieses Gerät revolutioniert den Verkauf von Süßwaren. Für die Schokoladenfirma Stollwerck entwickelt Sielaff den Automaten „Merkur“, benannt nach dem Gott des Handels, des Reichtums und der Gewinne (und der Diebe). Dieses große, rote Gründerzeit-Prachtstück wirft nach Einwurf von 10-Pfennig-Münzen Schokolade, Pfefferminzpastillen oder Bonbons aus. 1893 stehen bereits 15.000 „stumme Verkäufer“ in deutschen Fußgängerzonen. Der Merkur hat auch in Übersee Erfolg – 1888 hat Sielaff für die „Vending Apparatur“ ein US-Patent bekommen.

Die neuen Automaten lassen den Schokoladenabsatz in die Höhe schnellen. Aber: Es hagelt Kritik von Behörden und Kirche. Kinder würden der Naschsucht anheimfallen und zur Kriminalität angestiftet werden, da sie versuchten, durch den Einwurf von Hosenknöpfen an die Schokolade zu gelangen. Dem Erfolg der Automaten tut dies keinen Abbruch. Über sie werden die kuriosesten Dinge verkauft. So gibt es etwa Parfüm-Automaten, zum Beispiel am Bahnhof Friedrichstraße. Die Berlinerin kann sich also nach der Arbeit auf dem Weg ins Nachtleben „to go“ parfümieren. Oder sich an Gesundheits-Automaten „gegen Müdigkeit und Kopfschmerzen“ kleine Stromstöße verabreichen.

Auch die Chyromant-Automaten sind äußerst beliebt und zugleich heftig umstritten. Sie stehen hauptsächlich in Vergnügungsparks und im Foyer großstädtischer Amüsiertempel, sie versprechen ihren Kunden, „Karakter und Schicksal“ aus den Linien und der Form einer jeden Hand lesen zu können – natürlich „auf wissenschaftlicher Basis“. Dazu kommen Liebes-Orakel-Automaten und eine schier unüberschaubare Varietät an Spiel- und Geschicklichkeits- Automaten. Auch der Buchverlag Reclam schlägt den „elektrischen“ Weg ein und verkauft über Buchautomaten die günstige „Universal-Bibliothek“.

Zurück zu den Automatenrestaurants. Wie die Waren-Automaten werden sie von der anonymen Masse der Großstadt genutzt, von den Eiligen, die tagein, tagaus durch die Stadt hetzen, allen voran von den kleinen Angestellten auf dem Arbeits- oder Heimweg. Für viele Menschen sind sie in der Hektik des Alltags Inseln der Entschleunigung. Doch die Berliner Bohème bleibt ihren Kaffeehäusern treu. Und wer wohlhabend ist und sogar über Dienstpersonal verfügt, betritt auf keinen Fall ein „Automat“.

Die Geschäftsidee fasziniert auch den amerikanischen Unternehmer Frank Hardart. Nach einem Besuch in Berlin eröffnet er mit seinem Geschäftspartner Joseph V. Horn ab 1902 mehrere Automatenrestaurants in New York und Philadelphia. Die „Horn & Hardart-Automatenlokale“ gelten als Vorläufer der US-Fastfood- Ketten. Während in Deutschland der Boom der Automatenrestaurants bereits in den 1920er-Jahren zu Ende geht, schließt das letzte „Automat“ von Horn & Hardart erst im April 1991 in New York.

In Deutschland bringt die Hyperinflation 1923 die Münzautomaten mechanisch an ihre Grenzen. Das Ende der Waren-Automaten und damit der „elektrischen Restaurants“ besiegeln die Nationalsozialisten. Ihnen zufolge sind diese nicht nur genuss-, sondern auch fortschrittsfeindlich, gefährdeten sie doch Arbeitsplätze. Dabei ist es offensichtlich, dass in diesen Restaurants nur auf dem ersten Blick alles automatisch lief. Hinter den Kulissen wird gekocht, gebacken und aufgefüllt, geputzt und gewienert. Das Automatenrestaurant ist eine Illusion, ein Potemkinsches Dorf. Trotzdem, mit dem Nazi-Warenautomatengesetz von 1934 endet die Geschichte der deutschen Automatenrestaurants. Eigentlich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt das kellnerlose Restaurant in Berlin ein Revival, auch am Alexanderplatz. Im Alexanderhaus, 1929 nach Plänen von Peter Behrens erbaut, eröffnet 1950 ein Warenhaus der DDR-Handelsorganisation. In dessen Erdgeschoss zieht vier Jahre später mit viel Pressezirkus das Restaurant „Automat Imbiss“ ein. Die Leuchtreklame strahlt und blinkt abwechselnd in den Farben Blau, Weiß und Rot. Ein Vorzeigeprojekt der noch jungen DDR, West-Berlin sollte vor Neid platzen. Bei seinem Besuch in Ost-Berlin im Juli 1963 macht auch der spätere US-Präsident Richard Nixon einen Abstecher zum „Automat Imbiss“. Was er sich dort aus dem Klappenfach holte, ist nicht überliefert.