Mein Leibgericht: Was historische Persönlichkeiten am liebsten schmausten

Was kam bei Marlene Dietrich, Theodor Fontane oder Helene Weigel am liebsten auf den Teller? B HISTORY verrät es – und liefert die Rezepte zum Nachkochen.

Auch Göttinnen essen: Marlene Dietrich in Josef von Sternbergs „Blonde Venus“, 1932.
Auch Göttinnen essen: Marlene Dietrich in Josef von Sternbergs „Blonde Venus“, 1932.Everett Collection

1. Marlene Dietrich (1901–1992): Der kochende Engel

Als Kind dachte Marlene Dietrich, sie müsste ein Leben lang Rüben essen. Sie war 13, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Ihre Mutter nahm ihr die ohnehin mageren Portionen Milch, Käse und Fleisch weg, um sie der Großmutter zu geben. Ihre Zähne und Knochen seien damals kriegsgefährdet gewesen, erzählte sie viel später einem Freund: „Wir aßen Steckrüben morgens, mittags und abends. Es gab Steckrübenmarmelade, Steckrübenkuchen, Steckrübensuppe, Steckrübenwurzeln und -gemüse auf Dutzende von Arten.“ Als sie eine erfolgreiche Schauspielerin war (links eine Szene aus dem Film „Blonde Venus“ von 1932), aß sie gern gut und reichhaltig. Und sie kochte. Berühmt ist ihre Kraftbrühe. Sie war sicher, damit alle Krankheiten heilen zu können. Legendär ist auch ihr Rührei, das sie ihren Liebhabern servierte: Es bestand aus drei Eiern und einem Pfund (!) Butter. Wehe dem, der nicht alles verputzte!

In Marlene Dietrichs Nachlass, den die Deutsche Kinemathek in Berlin aufbewahrt, finden sich mehrere Kochbücher mit Fett- und Soßenflecken – Zeichen dafür, dass sie ausgiebig in Gebrauch waren. Georg A. Weth hat darin gestöbert und ein Buch über ihre Essgewohnheiten und Rezepte geschrieben, das 2001 erschien: „Marlene Dietrich. Ick will wat Feinet.“ Im Nachlass entdeckte er auch auf die Rückseite von Geschäftsbriefen notierte Rezepte.

Nachdem Josef von Sternberg Marlene Dietrich für die Hauptrolle in „Der blaue Engel“ ausgewählt hatte, lud sie ihn laufend zum Abendessen ein. Er liebte Beef (Boeuf) Stroganoff und sie bereitete es ihm zu, außerdem Kohlrouladen und Ungarisches Gulasch. Als sie 1930 mit dem Schiff in die USA fuhr, um Sternberg zu folgen, ließ sie sich die Speisekarten der zweiten und dritten Klasse reichen, da dort mehr deutsche Gerichte angeboten wurden als in der Luxuskategorie, in der sie reiste. Sie mochte Hausmannskost, auch Eisbein. In Los Angeles sprach sich ihre Kochleidenschaft schnell herum. „Bald machte mein Ruf als gute Köchin die Runde in Hollywood. Ich glaube, ich war stolzer auf diesen speziellen Ruhm als auf die ‚Film-Legende‘.“

Geschickt verband die Dietrich Schauspielen und Kochen. Im Jahr 1957 stand sie für das Gerichtsdrama „Zeugin der Anklage“ vor der Kamera. Regie führte Billy Wilder. War die Szene im Kasten, stellte sie sich an den Herd und kochte für die Crew. Sie bereitete beispielsweise Wiener Schnitzel mit mehreren Beilagen zu, dazu gab es einen Nachtisch und abschließend Kaffee. Der Schauspieler Charles Laughton, der in „Zeugin der Anklage“ einen Strafverteidiger verkörperte, war begeistert: Marlene Dietrich sei nicht nur eine gute Künstlerin, sondern auch eine wundervolle Köchin. Laughton kam sogar an seinen drehfreien Tagen ins Studio, in der Hoffnung, von Marlene bekocht zu werden. Wie Josef von Sternberg war er von ihrem Beef Stroganoff angetan: „Saftig, leicht, nicht schwer – so hatte ich es niemals zuvor gegessen.“ Das Menü dazu sah so aus: weiße Essenz von Tomaten mit fein geschnittenen Lauchzwiebeln und Brotcroutons, Beef Stroganoff mit breiten Bandnudeln und als Nachtisch Palatschinken mit in Grand Marnier getränkten Erdbeeren. „Am Ende der Dreharbeiten fühlten wir uns alle wie überpralle Matratzen“, erzählte Laughton.

Obst zu essen soll Marlene Dietrich übrigens als Zeitverschwendung abgetan haben. In ihren letzten Jahrzehnten nahm sie zum Frühstück zwei Gläser Champagner.


Boeuf Stroganoff von Marlene Dietrich: Rezept zum Nachkochen für 4 Personen
  • 600 g Rinderfiletspitzen
  • 1 Zwiebel
  • 150 g Champignons
  • 4 Essiggurken
  • 1 TL Paprikapulver edelsüß
  • ½ l Bratensaft
  • ¼ l Sahne
  • 1 TL gehackte Petersilie
  • Salz, Pfeffer, Zitronensaft, Öl, Butter
Boeuf Stroganoff
Boeuf Stroganoffimago

Zubereitung: Die Zwiebeln würfeln. Champignons in dicke Scheiben, Gurken in 0,5 cm dicke Stifte, das Rinderfilet in 1 cm breite Streifen schneiden. In einer Pfanne Öl erhitzen, das Fleisch darin rundum rasch anbraten, aus der Pfanne heben und in einen Topf geben. Im Bratrückstand 1 EL Butter erhitzen, die Zwiebelwürfel und die Champignons darin anschwitzen, das Paprikapulver zugeben und kurz mitrösten. Bratensaft und Sahne zugeben, cremig einkochen, mit Salz, Pfeffer, Zitronensaft würzen. Die Soße zum Fleisch im Topf gießen und die Gurken hinzugeben. Das Geschnetzelte erwärmen (nicht mehr kochen!), mit Petersilie bestreuen.


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2. Theodor Fontane (1819–1898): Keine halben Portionen

„Die Verpflegung ist für den Kulturmenschen am wichtigsten.“ Dies schrieb Theodor Fontane 1894 seiner Tochter Martha, genannt Mete – im Druck oben tafelt er in Grau 1881 im Hotel Zehnpfund in Thale, Sachsen- Anhalt. Es war ja wirklich so, dass dem Dichter kaum etwas über das Essen ging. Eines seiner Leibgerichte waren Kalbsrippchen mit Stachelbeeren, nach einem Rezept seiner Stiefgroßmutter Auguste Fontane, der Frau von Königin Luises Kabinettssekretär. Und Fontane bekannte: „Ich bin nicht für halbe Portionen.“

Auf seinen Wanderungen lernte Fontane märkische Spezialitäten schätzen, aß Hecht im Spreewald, lobte die Salzgurken dieser Gegend. Ein „wahres Eldorado für Feinschmecker“ nannte er „unsere verschrieene Mark“. In seinen Romanen lässt er ausgiebig tafeln. Die Literaturwissenschaftlerin Anna-Katharina Gisbertz, die sich mit dem Essen bei Fontane beschäftigt, deutet etwa die große Essensszene, mit der sein Roman „Stechlin“ beginnt, als Beschreibung eines Repräsentationsmahls des Adels mit Attributen wie Landbesitz und Autarkie, die die Einheit von Person und Scholle demonstrieren soll. Serviert werden Karpfen aus dem hauseigenen See, gefolgt von „losgelösten Krammetsvogelbrüsten, mit einer dunklen Kraftbrühe“.

In „Vor dem Sturm“ beschreibt Fontane ein Berliner Essen mit Heringssalat, Sülze und Mohnpielen – Klöße aus altbackenen Brötchen, Rosinen und Mohn, ein ursprünglich schlesisches Gericht, das Fontane selbst gern aß. Das belegt, welche bedeutende Rolle Schlesien für die Berliner Küche spielte.


Kalbsrippchen mit Stachelbeeren für 4 Personen zum Nachkochen
  • 1 kg Kalbsbrust
  • Salz, Pfeffer
  • 100 g Butter
  • 2 EL Öl
  • 1 Möhre
  • 1 Petersilienwurzel
  • 1 Zwiebel
  • ¼ l Weißwein
  • ¼ l Brühe
  • 1 Stück Zimt
  • etwas Zitronenschale
  • 400 g Stachelbeeren
  • 4 Schalotten
  • 2 EL Zucker
  • 2 Eigelb
  • 2 EL Sahne
Kalbsrippchen mit Stachelbeeren
Kalbsrippchen mit Stachelbeerenimago

Zubereitung: Kalbsbrust waschen, trocken tupfen, mit Salz und Pfeffer einreiben. 50 g Butter und das Öl erhitzen und das Fleisch darin gut anbraten. Möhre, Petersilienwurzel und Zwiebel würfeln und mit anbraten. Etwas Weißwein und Brühe zu dem Fleisch geben. Bei 175 Grad im Backofen schmoren lassen. Fleisch ab und zu mit Bratensatz, Wein und Brühe begießen. Zimt, Zitronenschale und die Hälfte der Stachelbeeren nach 1,5 Stunden zu der Kalbsbrust geben und weitere 30 Minuten schmoren lassen. Schalotten abziehen und würfeln. Den Rest Butter und den Zucker in einem Topf etwas karamellisieren lassen, Schalotten hinzufügen und leicht anschwitzen, die restlichen Stachelbeeren dazugeben. Fleisch aus dem Topf nehmen und warm stellen. Den Bratenfond durch ein Sieb streichen, mit Salz und Pfeffer abschmecken, die gedünsteten Stachelbeeren in die Soße geben. Das Eigelb mit der Sahne verrühren, dann unter die Soße ziehen. Nicht mehr kochen! Die Überlieferung schreibt „Kartoffelmus“ als Beigabe vor. Zu empfehlen wäre zusätzlich ein Salat.


Helene Weigel (1900–1971): Auf in die Pilze!

Von Helene Weigel als Schauspielerin hielt Bertolt Brecht erst gar nicht viel. Dann aber waren sie bald unzertrennlich, wurden Eltern, heirateten. Als Brecht Gäste ins gemeinsame Haus lud, fing die Weigel an zu kochen. Sie koche zwar nicht schwäbisch, so wie seine Mutter, sagte Brecht, aber wenigstens süddeutsch. Helene Weigel stammte aus Wien. Als „lebensgefährlich“ dagegen bezeichnete Brecht die englische Küche, die er im Exil kennengelernt hatte. All das ist Martha Schads Buch „Komm und setz dich, lieber Gast“ zu entnehmen, das 2005 erschien und in den Alltag der Eheleute Brecht/Weigel blickt. „Mein Anteil an seinem schriftstellerischen Werk ist kolossal, denn ich konnte vorzüglich kochen“, sagte die Weigel (unten um 1963) einst. Brecht soll ein schlechter Esser gewesen sein, sein Lieblingsgericht war Spargel. Er hat das edle Gemüse in der „Dreigroschenoper“ verewigt: Mackie Messer bestellt es sich als Henkersmahlzeit.

Auf einem körnigen Schwarz-Weiß-Foto sieht man Helene Weigel und Bertolt Brecht an einem großen Tisch in ihrem Sommerhaus am Schermützelsee in Buckow sitzen – sie auf ihrem Lieblingsstuhl, einem ehemaligen Brautstuhl, in den der Name der Braut und das Hochzeitsdatum eingeschnitzt sind. Er hat Bücher vor sich, sie putzt Pilze, die ihre große Leidenschaft waren. Im Exil in den USA soll sie welche gezüchtet haben. Pilzschwammerl war eines ihrer Lieblingsgerichte. Gäste seien in „Rabenschwärmen“ nach Buckow gekommen, erinnerte sich das letzte Hausmädchen. Zum Essen rief die Weigel mit einer Kuhglocke. Auch nach Brechts Tod im Jahr 1956 blieb Buckow der Ort, an den Helene Weigel sich zur Erholung zurückzog. Hier konnte sie das „Misttheater“ aus dem Kopf kriegen. Damit meinte sie das Berliner Ensemble, dessen Intendantin sie war. „Kochen, Pilze suchen, Schwimmen, Patience legen, Kreuzworträtsel, Kriminalromane – ich hab doch alles in Hülle und Fülle.“


Schwammerlgulasch von Helene Weigel zum Nachkochen für 4 Personen
  • 500 g gemischte Pilze z. B. Steinpilze, Pfifferlinge und Champignons
  • 1 EL Butter
  • ½ EL Olivenöl
  • 1 fein pürierte Zwiebel
  • 1 TL Paprikapulver edelsüß
  • 1 Prise Chilipulver
  • 2 EL Tomatenmark
  • 100 ml Rotwein
  • Salz, schwarzer Pfeffer aus der Mühle
  • 100 ml süße Sahne
  • 2 EL fein zerkleinerte Petersilie
Schwammerlgulasch
Schwammerlgulaschimago

Zubereitung: Die Pilze in Scheiben schneiden. Butter und Öl in der Pfanne erhitzen und darin die Zwiebel glasig dünsten, Paprika- und Chilipulver unterrühren. Das Tomatenmark und die Pilze hinzufügen und vorsichtig mischen. Den Rotwein zugießen und kurz aufkochen lassen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Hitze verringern und die Pilze 20 Minuten weich dünsten. Sahne mit Petersilie mischen und unter die Pilze heben. Noch etwas köcheln lassen, dabei immer wieder umrühren. Das Gulasch auf vorgewärmten Tellern anrichten.


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