Meisterinnen der Moderne in der königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin

Gertrud „Trude“ Petri gestaltete für die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin zeitlos schöne Formen. Und sie war nicht alleine...

Das blaue KPM-Service „Hansa“
Das blaue KPM-Service „Hansa“KPM Berlin/Trude Petri

Ein Sonntag im Juli, Wegelystraße 1: sommerlich gekleidete, gut gelaunte Menschen, Sonnenschirme, blau eingedeckte Tische, Liegestühle. Es gibt ein Café, eine Eisdiele und eine Bar, Live-Musik und eine „Outdoor-Mitmach-Manufaktur“, die bei Kindern gut ankommt. Dass die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM) dieses Hoffest feiern kann, ist auch das Verdienst von Gertrud „Trude“ Petri. Die Bildhauerin, Malerin und Designerin gehörte zu einem kleinen Kreis von Avantgardisten, welche die Firma ins Zeitalter der Moderne beförderten, als sie dies am nötigsten hatte.

Noch heute hat die KPM Trude Petris Entwürfe im Programm: ihr Service „Urbino“, benannt nach der toskanischen Stadt, ihre Vasen und Schalen, Teller, Teekannen und Tassen. Vor 90 Jahren waren sie die Rettung. Ein Signal, dass edles Porzellan nicht altmodisch und abgehoben sein musste, sondern imstande war, den Geist und die Ästhetik des Bauhauses zu verströmen. Dabei kam Petri gar nicht vom Bauhaus. Sie hatte in ihrer Heimatstadt Hamburg ein Studium an der Hochschule für Bildende Kunst absolviert. 1929, da war sie gerade einmal 22 Jahre alt, schloss der damalige KPM-Direktor Günther von Pechmann mit ihr den ersten Vertrag als Entwerferin. Er hatte offensichtlich die Hoffnung, dass Petri ihm bei seiner Mission helfen würde, der Firma neues Leben einzuhauchen. Doch dass sie das mit einem derartigen Erfolg tun würde, konnte wahrscheinlich selbst Pechmann nicht ahnen.

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Das Archiv der KPM verwahrt eine farbige Zeichnung von Willi Papenfuss aus dem Jahr 1931. Es ist eine Karikatur, die Günther von Pechmann und seine Frau Alice in einem hölzernen Kahn auf dem Wasser zeigt. Am rechten Ufer blühen noch die Tulpen, Rosen und Margeriten, während sich die Pinsel der Porzellanmaler schon schwarz wie totes Schilfrohr im Wind wiegen. Am linken Ufer, vor der aufgehenden Sonne, erhebt sich die Hochhausstadt Utopia. Der Titel der Karikatur lautet: „Die Flucht aus dem Lande Kitsch“. Mit den Pechmanns im Boot sitzt ein junges androgynes Wesen, das vor sich auf dem Schoß ein hübsches, kleines Ding hält, welches einem der „Urbino“-Teller verdächtig ähnelt.

Angefangen hatte Trude Petri bei der KPM als Mitarbeiterin in der Verkaufsniederlassung – heute würde man sagen: im Flagship- Store – an der Leipziger Straße. Der war ein Jahr zuvor von dem Architekten Bruno Paul auf spektakuläre Weise neu gestaltet worden, über und über verziert mit Porzellanfliesen, ein Raum als abstraktes Allover von verschiedenfarbigen Rechtecken. Das erste Werk, zu dem sich Trude Petri dort anregen ließ, war eine große Wandplatte, die drei Elefanten zeigt. Das Dekor wurde umgehend ins Serienprogramm übernommen.
Drei Vasen vom August 1929 sind die nächsten Petri-Arbeiten, die es ins Sortiment schaffen. Der Berliner Kunsthistoriker und Kunsthändler Tim D. Gronert, der vor zwei Jahren im angesehenen Deutschen Kunstverlag das dreibändige Mammutwerk „Porzellan der KPM Berlin 1918–1988“ herausgebracht hat, wirft die Frage auf, ob Petri dafür Gefäße aus dem technisch-chemischen Produktprogramm der Manufaktur, dem zweiten Standbein der KPM, verwendet haben könnte. Ganz abwegig ist die Überlegung nicht: Die Reduzierung von Formen auf das notwendige Wesentliche lag der Designerin, das beweist nicht nur das Service „Urbino“ von 1931.

Das Service „Urbino“ ist noch immer im Sortiment.

Man kann es auch an ihrem Interesse für alte chinesische Keramiken erkennen, das ihr Schaffen von Beginn an prägt. Manche der Blumenvasen, die im Lauf der Jahre entstehen – etwa die „Zwiebelform“ von 1935, die Vase „Großer Bär“ oder „Herzform“ von 1932 – greifen in ihren bauchigen Umrissen und den vergleichsweise zierlichen Öffnungen klassische Vorlagen aus dem Ursprungsland des Porzellans auf. Bei anderen Stücken wie zum Beispiel den flachen Schalen und hochwandigen kleinen Tellern der „Hansa“-Reihe von 1956/57 findet man zumindest Anklänge daran. Die Modernität der Entwürfe geht damit auf Traditionen zurück, die in China bereits um das Jahr 1000 entwickelt wurden – womöglich ein Grund, weshalb sie in der Gegenwart des Jahres 2022 noch immer so „zeitlos“ wirken.

Um von fernöstlicher Ästhetik inspiriert zu werden, musste Trude Petri nicht um die halbe Welt reisen. Die Ästhetik kam zu ihr, und zwar in Gestalt der Ausstellung „Chinesische Kunst“, die vom 12. Januar bis zum 2. April 1929 in der Akademie der Künste am Pariser Platz stattfand und auf Petri enormen Eindruck machte. Ihr KPM-Kollege, Freund und Kollaborateur Siegmund Schütz berichtete, sie habe den kleinen Katalog mit dem gelben Leineneinband, der aus Anlass der Schau erschienen war, noch Jahre später ständig bei sich getragen.

Das Porzellan, das Petri dort zu sehen bekam, als schlicht zu bezeichnen, führt am Kern der Sache vorbei. Töpferware aus China scheint zwar oft nur aus geometrischen Grundformen zu bestehen, aber die Abwesenheit von Schnörkeln oder sonstigem Zierrat bedeutet nicht, dass sie einfach wäre. Im Gegenteil, sie ist Resultat einer jahrhundertelangen Abfolge von Wiederholung, Variation und Verfeinerung. Der Umstand, dass sich die Teller und Tassen, die Kannen und Schüsseln ihres ersten großen Service „Urbino“ aus Kreis- und Kugelformen ableiten lassen: Hier wäre eine Erklärung dafür. Was Trude Petri mit dem Bauhaus verband, war ihr Verständnis von Funktionalität. Bei der KPM ist man noch immer stolz darauf, dass der Deckel der großen „Urbino“-Terrine umgedreht als Schale verwendet werden kann. Die Terrine ist inzwischen Teil der Sammlung des Museum of Modern Art in New York. „Trude Petri hatte eine wunderbare Formensprache. Ohne ihre Entwürfe kann man sich die Manufaktur heute nicht mehr vorstellen“, sagt Martina Hacker. Sie kam 2016 als kaufmännische Leiterin zur KPM und ist seit drei Jahren Chefin des Unternehmens. Die Zuckerdose der „Urbino“-Serie ist eines ihrer Lieblingsstücke. Doch ihr großer Favorit ist ein anderes Service, das Petri gestaltete: „Arkadia“ von 1938, dem Jahr, in dem die KPM ihr 175-jähriges Bestehen feierte. Es ist im Vergleich zu „Urbino“ aufwendiger. Die Tasse, die Hacker besonders gefällt, hat einen reizenden kleinen Fußring, ein etwas kantigeres Erscheinungsbild und einen schmalen Wulst am Übergang zur schrägen Gefäßwand, der den Effekt einer Schattenfuge hat. Er fängt das Licht und akzentuiert den Umriss, die in der Fachsprache sogenannte A-Linie. Auch die „Arkadia“-Reihe ist noch im KPM-Sortiment, mehr als 80 Jahre nach ihrer Premiere.

Bis 1949 arbeitete Trude Petri ausschließlich für die Königliche Porzellan-Manufaktur, die letzten fünf Jahre im Exil im oberfränkischen Selb, nachdem die Fertigungsanlagen im Hansaviertel im Zweiten Weltkrieg zerstört worden waren. Sie entwarf nicht nur Services und Vasen, sondern auch Wandleuchten und Trinkgläser. Und sie modifizierte bereits bestehende Modelle wie das „Potpourri Chinesisch“ von 1865 oder die „Chinesische Vase extra groß“, der sie einen längeren, schlankeren Hals gab. Auch als Porzellanmalerin betätigte sie sich und schuf Dekore, die sie selbst umsetzte.

Auch malen konnte Trude Petri, wie dieses undatierte Foto beweist.
Auch malen konnte Trude Petri, wie dieses undatierte Foto beweist.KPM Berlin

Dann, 1949, gut zwanzig Jahre nachdem sie bei der KPM angefangen hatte, begann Trude Petri ein neues Leben. Sie heiratete einen ihrer Jugendfreunde aus Hamburg, den Architekten John Gerhard Raben, und zog zu ihm nach Chicago. Raben lebte dort schon seit 1929 und hatte als Hausarchitekt des Warenhauskonzerns Sears eine beachtliche Karriere gemacht. Für Petri hieß das: keine Mangelwirtschaft mehr, kein Wohnen in der provisorischen Baracke, sondern ein Apartment in einem Hochhaus in einer der lebendigsten und kulturell anregendsten Städte Nordamerikas.

„Trude Petri gehört zur DNA der Manufaktur.“

In der gemeinsamen Wohnung richtete sich Petri ein Atelier ein, mit drei elektrischen Brennöfen, sodass sie weiter an ihrer Leidenschaft, dem Porzellan, arbeiten konnte. Sie fasste schnell Fuß in der Kunstszene. 1951 nahm sie an der von den Architekten Philip Johnson, Eero Saarinen und Edgar Kaufmann Jr. (dem Sohn des Bauherrn von Frank Lloyd Wrights „Fallingwater“) kuratierten Ausstellungsreihe „Good Design“ teil, die im Merchandise Mart in Chicago und dem MoMA in New York zu sehen war.

Doch das bedeutete nicht, dass Trude Petri die Kontakte nach Berlin aufgab. 1957 fand dort im neuen Hansaviertel die Internationale Bauausstellung (Interbau) statt. Aus diesem Anlass bestellte die KPM bei Petri ein Kaffee- und Teeservice. Wie ihre früheren Arbeiten wurde auch das Service „Hansa“ ein großer Erfolg. Gestalterisch tragen die Teller und Tassen, Schalen und Dosen unverkennbar ihre Handschrift. Minimalistisch in der Form, aber diesmal auch in verschiedenen Malereidekors, verbindet Petri in ihnen wieder europäische und fernöstliche Design-Elemente zu einer neuen, augenschmeichlerisch eleganten Einheit. Auch sonst war 1957 für Petri ein sehr produktives Jahr. Neben „Hansa“ lieferte sie neun weitere Entwürfe, für die Vasen „Melanzana“, „Mantille“ und „Ali Baba“, für Obstschalen und Keksdosen – sie alle wurden angenommen und ins KPM-Modellbuch eingetragen.

Im Jahr darauf erhielt Trude Petri die US-Staatsbürgerschaft. Das Vorhaben, mit ihrem Mann, John Gerhard Raben, von Chicago nach New Rochelle im Bundesstaat New York zu ziehen und einen verlassenen Bahnhof zum Wohn- und Atelierhaus umzubauen, gab sie auf, als er im Mai 1961 an Bord des Ozeandampfers „America“ auf dem Weg nach Europa einen Herzinfarkt erlitt und starb.

Bis 1967 entwarf Petri für die KPM hauptsächlich Vasen – darunter 1962/63 die Flaschenvase „Ming“ –, aber auch Übertöpfe für Pflanzen und ein Schachspiel. Ihr letztes Design war wieder eine Vase, heute als „Cadre“ im KPM-Katalog. Ursprünglich hieß sie „Tee“, weil sie Petri aus der Teedose des Service „Urbino“ ableitete. Gesundheitlich angeschlagen, machte sie sich in der Kulturszene mehr und mehr rar. 1971 zog sie zu ihrer Schwägerin nach Vancouver. Dort verbrachte sie ihre letzten fast drei Lebensjahrzehnte. Im Februar 1998 starb sie 91-jährig.

„Trude Petri gehört zur DNA der Manufaktur“, sagt KPM-Chefin Martina Hacker, „und es ist erstaunlich, wie sie sich als Frau Anfang der Dreißigerjahre einen Namen gemacht hat. Das war damals keine Selbstverständlichkeit.“ Für Hacker ist das „eine doppelte Leistung“.


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