Berlin -  Am Ende des Zabel-Krüger-Damms, im nördlichen Reinickendorf, wenn man nach links abbiegt, ist das Ländliche plötzlich da. Mit Pferdegeruch durchzogene Luft zeigt an: Hier beginnt die Dorfidylle. Doch schwierig ist es für den, der ohne Auto kommt. Zu Fuß führt ein stellenweise gerade mal zwei Fuß breiter Weg hinein nach Lübars. Für Fahrradfahrer bleibt nur das Kopfsteinpflaster, das sich durch den Ort zieht.

Lübars wurde im Hochmittelalter erstmals urkundlich erwähnt. Während es im Jahr 1247 noch ein eigenes Dorf war, gilt Lübars heute als der älteste Ortsteil des Berliner Bezirks Reinickendorf. Doch dem wurde es erst 1920 zugeordnet, zuvor gehörte es zum Amt Mühlenbeck und zum Amt Spandau.

Berliner Verlag
Raus in die Geschichte!

Drängt es Sie auch nach draußen, an die frische Luft, ins frische Grün? Da trifft es sich gut, dass Berlin und Brandenburg so viele Gelegenheiten bieten, das Grau des Alltags abzuschütteln.

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Noch bevor der Blick auf die Lübarser Kirche fällt, sticht die gelbe Telefonzelle ins Auge. Prall gefüllt mit Büchern wartet sie auf Besucher, die diese lesen wollen. Der Gelbton der meisten Bände spiegelt offensichtlich das Alter der Besitzer wider.

Die Dorfkirche befindet sich im Zentrum der Dorfaue. Wer 20 Cent in den Klingelbeutel wirft, erhält eine Informationsansprache der Pfarrerin Ute Sauerbrey vom Band. Sie berichtet vom barocken Kanzelaltar, der 1956 aufgestellt wurde, und von den Lübarser Glocken. Umgeben ist die Kirche von einem kleinen Kirchhof, den Gräber und ein dicker Maulbeerbaum im Osten schmücken. Krokusse blühen, während das Herbstlaub noch liegt.

Gleich dahinter befinden sich die Gemeinschaftshäuser. Das historische Schulgebäude trennt ein nagelneuer Spielplatz von der Dorfkirche, daran schließt sich die Feuerwache an, die zuvor ein Stallgebäude war. Gleich gegenüber dem Feuerwehrturm liegt der Landwirtschaftsbetrieb von Christian Qualitz. Bereits seine Ahnen haben das urige Haus gebaut, in dem er Jagdtrophäen sammelt und seinen Reiterhof organisiert. „Lübars steht komplett unter Denkmalschutz“, sagt der Landwirt. „Die Zeit ist hier stehen geblieben.“

imago/Arkivi
Schöne Grüße aus Lübars übermittelt diese Postkarte in den 1930er-Jahren: Kirche, Dorfaue, Freibad und Dorfschule. Um 1230 gründete sich der Ort.

Das meint Qualitz nicht nur positiv. Er wünscht sich beispielsweise ein ruhigeres Pflaster – Flüsterpflaster – vor seinem Haus. Denn dort führt direkt die Kopfsteinpflasterstraße entlang, die stark frequentiert ist. „Es gibt keine Umgehungsstraße“, klagt er, „das ist eine Durchfahrtsstraße.“ Sie wird von vielen Berlinern genutzt, die keine Anwohner sind. Die Geräuschkulisse zeigt bereits die Hybridsituation: Zwischen Kranichrufen und Vogelgezwitscher donnern immer wieder Fahrzeuge durch die Dorfidylle.

Der Denkmalschutz macht sich auch auf seinem Hof bemerkbar. Umnutzung und Umbauten würden nur mit hohen Auflagen bis gar nicht genehmigt, die Reithalle durfte nicht länger werden als 40 Meter. Zudem sind die Böden rund um Lübars nicht besonders fruchtbar. Lediglich Roggen, Raps und Gras gedeihen, um Brot zu backen, Öl und Heu zu produzieren.

Hinter Qualitz’ Reiterhof lag einst die DDR. Direkt am Tegeler Fließ. Lübars und das Tegeler Fließ, dessen Niederung von der letzten Eiszeit gebildet wurde, waren schon immer Ausflugsziel vieler Städter. Während der Covid-19-Pandemie sind das Dorf und seine Natur besonders beliebt. Wer sonst nirgends hinkann, sucht Weite im Draußen.

„Der Senat hat vieles unter Naturschutz gestellt, wir haben für alles hohe Auflagen, aber keiner schützt uns vor den Besuchern“, sagt Qualitz. Damit meint er die Besucher, die sich nicht an die Regeln halten. Er wünscht sich mehr Umsicht, heißt: Straßen nicht zuparken, sodass die Landwirte mit ihren Nutzfahrzeugen auf ihre Höfe kommen; im Fließ auf den Wegen bleiben, statt Wiesen und Felder platt zu laufen oder zu liegen; die Landschaft nicht zumüllen.

Hier wird für die Fernsehserie „Babylon Berlin“ gedreht

Im Tegeler Fließ, dessen Perle Lübars bildet, sind Menschen aller Altersklassen unterwegs. Ältere Wanderer mit Nordic-Walking-Stöcken, Jugendliche, die das Spazierengehen für sich entdeckt haben, Paare, die die wenigen Bänke besetzen, und zwischendrin junge Männer in Neonwesten. Sie schicken gerade die Menschen weg, die nicht ins Bild passen, denn hier wird für die Fernsehserie „Babylon Berlin“ gedreht.

Die Wege in den Niedermoorwiesen am Tegeler Fließ, das etwas mehr als 30 Kilometer lang ist, sind so vielfältig, dass Platz genug für alle ist. Viele verschiedene Wanderwege stehen Besuchern offen: der Barnimer Dörferweg, der Berliner Mauerweg, ein Rundweg durch Lübars. Trotz diverser Wegweiser ist beim Spontantrip ein Verlaufen nicht ausgeschlossen. Gleichzeitig ist querfeldein die beste Art, die Gegend kennenzulernen.

Die Niedermoorwiesen, 57 Hektar umfassend, wurden 1995 zum Naturschutzgebiet erklärt. „Die Wegeführung erschließt den Besuchern die Naturschätze des Gebietes und lässt der Tierwelt gleichzeitig Rückzugsräume“, heißt es auf den Informationstafeln, die mancherorts stehen. In den 1950er-Jahren wurden hier Obstbaumplantagen angelegt, Äpfel, Birnen und Pflaumen angepflanzt, die der Naturschutzbund Deutschland erntet. Gleichzeitig bieten die Plantagen vielen Insekten, Kleintieren und Vögeln einen Lebensraum.

dpa/Maurizio Gambarini
Außer Spaziergängern, Wanderern und Radfahrern wissen auch Reiter die Natur um Lübars zu schätzen.

Auf dem Rundwanderweg der Eichwerder Moorwiesen passiert man den Köppchensee. Er entstand durch den einstigen Abbau von Torf. Während er früher noch als Fischteich genutzt wurde, ist er heute nur noch Erholungsquelle in malerischer Idylle. Enten verstecken sich im Schilf, Kraniche ziehen ihre Kreise, Gesänge von Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke, Grünfink und allerlei Vogelarten bilden die Geräuschkulisse der Natur. Ansonsten Stille.

Die Wege sind mal extraschmal, mal aus Sand, Schotter oder Beton. Ebenso vielfältig ist das Fließ. An einer Stelle wird es zum Rinnsal, an anderer Stelle breitet es sich über mehrere Meter aus. Auf einer kleinen Brücke bleibt eine Wandergruppe stehen, sie hält Ausschau nach Fischen. „Na, davon werden wir aber nicht satt“, sagt eine ältere Dame. Und schon zieht die Gruppe weiter.

Außer Anwohnern, Spaziergängern ohne und mit Hund sowie Wanderern von nah und fern suchen hier auch Radfahrer und Reiter Ruhe und Abstand vom urbanen Leben. Auf einer Pferdekoppel halten gleich mehr als zehn Pferde Mittagsruhe. Drei weitere suhlen sich im Sand, galoppieren hin und her, erfreuen sich an ihrem Dasein und geben somit optimale Fotomotive für die passierenden Wanderer ab.

Auf dem Fließweg Richtung Tegeler See bilden Wiesen, Gehölz und Bäume den natürlichen Rahmen. Allerlei Tiere wie Enten und Rehe können mit bloßem Auge beobachtet werden. Wer den Fernstecher dabei hat, kann noch mehr entdecken. Die Eichwerder Moorwiesen bestehen aus Feuchtwiesen und Gehölz. Im Herbst beweiden auch Esel das Gebiet, um Magergras abzufressen, das sensible Pflanzen am Wachsen hindert.

imago/Jürgen Ritter
Ein stummer Zeuge der letzten Eiszeit ist das Tegeler Fließ, das sich vom Summter und dem Mühlenbecker See über Lübars bis zum Tegeler See schlängelt.

Daran anschließend verbindet der Eichwerder Steg – 1956 errichtet, 150 Meter lang – Hermsdorf mit Lübars. Der lässt Ausflügler nicht nur das Fließ, sondern auch die Überschwemmungsgebiete trockenen Fußes überqueren. Er ist mit einem Naturlehrpfad verknüpft, der Naturliebhaber darüber informiert, welche Gräser und Tiere sie wohl gerade beobachten: von der kleinen Wasserlinse über die Sumpf-Dotterblume, vom Priol über den Kranich bis zum Blässhuhn.

Je näher das Fließ dem Tegeler See kommt, umso städtischer wird die Geräuschkulisse. Doch der Erholung in diesem Urstromtal tut dies keinen Abbruch. Der hiesige Wald ist und bleibt an vielen Stellen unberührt. Die Waldflächen sind FSC- und Naturland-zertifiziert, was bedeutet, dass sie der natürlichen Entwicklung überlassen bleiben. „Eine Entnahme kranker oder toter Bäume erfolgt nur entlang von Hauptwegen“, heißt es auf den Informationstafeln. Und: „Dieser Wald soll in besonderem Maße der Erholung dienen.“

Seit einigen Jahren, jeweils ab Mai, grasen im Fließ Wasserbüffel. Sie wurden 2015 angesiedelt, um die Artenvielfalt zu erhalten und das Gebiet ökologisch zu pflegen.

Wo das Fließ im See mündet, steht die imposanteste Brücke des Weges: die rote Tegeler Hafenbrücke, auch Sechserbrücke genannt.


Info:

  • Adresse: Lübars, Berlin-Reinickendorf
  • Anfahrt: S1 und S26 bis Waidmannslust, Bus 222 bis Alt-Lübars
  • Buchtipp: Bezirksamt Reinickendorf von Berlin (Hrsg.): Das letzte Berliner Dorf. 750 Jahre Lübars, Heimatmuseum Reinickendorf und Jaron Verlag, Berlin 1997

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