Berlin - Dicht an dicht stehen sie im Dämmerlicht, dreihundert, vierhundert stattliche Gewächse. Wie eine Tierherde warten Baumstrelitzien, Dattel- und Zwergpalmen, Oleander und Olivenbäume in der eigentlichen Fuhrparkhalle geduldig darauf, dass es ein wenig wärmer wird. Denn dann dürfen sie hinaus ins Freie, in die Stadt, an die Ufer der Spree, in Parks und natürlich auch auf das Gelände der Späth’schen Baumschulen.

Die Späth’schen Baumschulen im Ortsteil Baumschulenweg im Bezirk Treptow-Köpenick gelten als Wiege des deutschen Gartenbaus, sie sind der älteste noch produzierende Betrieb Berlins – und ein Anziehungspunkt für Naturliebhaber, Pflanzenkundler, Stadtmüde und Ausflügler.

Umbraust von der immer näher rückenden Großstadt gehen die Baumschulen seit Jahrhunderten ihrem Kerngeschäft mit getopfter Natur nach. Wer sich im Alltag nach Erdung, aber auch nach Zerstreuung sehnt, wird hier fündig. Umso mehr, wenn man Zeit und Muße hat, sich in die 300 Jahre alte Vergangenheit der einst größten Baumschule der Welt zu vertiefen.

Berliner Verlag
Raus in die Geschichte!

Drängt es Sie auch nach draußen, an die frische Luft, ins frische Grün? Da trifft es sich gut, dass Berlin und Brandenburg so viele Gelegenheiten bieten, das Grau des Alltags abzuschütteln.

In der Frühjahrsausgabe des Geschichtsmagazins B History, aus der dieser hier veröffentlichte Artikel stammt, stellen wir auf 124 Seiten mit rund 260 Abbildungen Ausflüge in die Vergangenheit vor – zu Schlössern und Burgen, Parks und Wäldern, Brachen und Ruinen, Gewässern und Adressen, die Geschichte(n) erzählen.

Erhältlich ist B History für 9,90 Euro im Einzelhandel, bei uns im Leserservice unter der Telefonnummer +49 30 2327-77 und unter https://aboshop.berliner-zeitung.de

Drei Jahrhunderte – für einen Baum bedeutet das einen normalen Lebenszyklus, für ein Unternehmen ist das eine kleine Ewigkeit. Manche Dinge aber bleiben auch über Jahrhunderte unverändert. Im frühen Frühjahr gibt es in einer Baumschule viel zu tun. Frühblüher bieten wintermüden Augen Erfrischung. Die ersten warmen Sonnenstrahlen locken Menschen in die Natur. Da werden Stiefmütterchen und Primeln in die Wagen gelegt, Säcke mit Pflanzerde gewuchtet.

Und wer näher an die noch kahlen Gehölze, die schon in Reih und Glied stehen, herantritt, dem zeigt sich geballte Pflanzenkraft in den Knospen, die sich der Wärme entgegenrecken. Klebrig künden sie von der nahenden Grün-Explosion.

Der Klang einer Baumschule im Frühjahr folgt einer Partitur der Geschäftigkeit. Hier brummt ein Gabelstapler um die Ecke, dort wird ein Baumballen mit der Sackkarre gerollt. Die Gärtner mit Erde an Handschuhen und Schuhsohlen schurren Töpfe auf den Pflanztischen hin und her und queren schnellen Schrittes Höfe und Hallen. Anders kann es, bis auf die motorisierte Technik, auch in früheren Jahrhunderten nicht zugegangen sein, als von hier begehrte Züchtungen in großen Holzkisten bis nach Übersee verschifft wurden.

In seinem Büro mit Blick auf den historischen Packhof zeigt Geschäftsführer Holger Zahn ein in Leder gebundenes Gästebuch, so groß wie eine Palette Frühblüher. Viel Rang und Namen hat sich im Laufe der Zeit hier verewigt: preußische Prinzen, Bismarck, auch der Gärtner des russischen Zaren Alexander III.

Späth’sche Baumschulen/Archiv
Höchsten Besuch pflegten die Späth’schen Baumschulen zu empfangen. König Friedrich Wilhelm I. schaute oft vorbei (hier 1730), plauderte mit dem Gärtner Christoph Späth – und zog eigenhändig Möhren aus den Beeten.

Schon ganz zu Beginn, als der erste Späth mit grünem Daumen, Christoph Späth, zunächst am Halleschen Tor seine Gärtnerei eröffnete, liefen die Geschäfte mit der Prominenz gut. Späth eröffnete mit 300 Talern, erbeten von seinen Eltern, eine Obst- und Gemüsegärtnerei.

Schnell machte er sich einen Namen. Berlin war ein Dorf und Späths Tulpen, Nelken, Aurikeln und Ranunkeln schmückten es. Sein frisches Gemüse mundete sogar König Friedrich Wilhelm I. Der Soldatenkönig und passionierte Rohköstler pflegte nach militärischen Besichtigungen auf dem Tempelhofer Feld vor der Gärtnerei Späth abzusteigen und sich eigenhändig Möhren aus den Beeten zu zupfen.

Auf dem Späth-Hof gibt es heute einen Hofladen, der Obst und Gemüse aus der Region anbietet: alte Apfelsorten, Möhren natürlich, aber auch Wurst aus Vetschau. Und jeden Mittwochmorgen fährt Vinzenz Lorenz aus Lebusa vor. In seiner Landmolkerei produziert er Dickmilch und Joghurt, wie es auch dem Soldatenkönig gefallen hätte. Dessen Sohn Friedrich liebte den Plausch mit den drei Späth-Söhnen bei einem Glas frisch gemolkener Milch.

Die Späths freundeten sich mit Königs an. Carl Späth ging als Gartengeselle in der Charlottenburger Hofgärtnerei in die Lehre, er wurde später mit der Pflege und dem Sommerschnitt der von Friedrich II. (dem Großen) so geliebten Kastenlinden betraut. Der König förderte die Begrünung im ganzen Land. So heißt es in einem Wirtschaftsreglement von 1752: „Es sollen gute, gemeinschaftliche Baumschulen in allen Dörfern angelegt werden und ist zu deren Pflege ein der Baumzucht kundiger Mann anzustellen, der auch den Einwohnern Unterricht zu geben vermag.“

Späth’sche Baumschulen/Archiv
Weil die Nachfrage stetig stieg, ließ Ludwig Späth ab 1856 Preislisten und ab 1862 Kataloge drucken. Das Titelbild einer jeden Ausgabe ist ein kleines Kunstwerk, auch dieses hier.

Überall auf der Welt bewegen sich Großgärtnereien mit der wachsenden Stadt entlang der Peripherie. Dehnt sich die Stadt aus, ziehen Betriebe, die Fläche brauchen, weiter ins Umland. So entstanden Späths zweiter Firmensitz an der Köpenicker Straße und schließlich der dritte, die Keimzelle an der heutigen Späthstraße, die bis heute Sitz der Baumschule ist.

Kaum vorstellbar, dass hier, wo sich der Berufsverkehr Stoßstange an Stoßstange zur nahen Autobahnauffahrt schiebt, einst nur ein staubiger Weg hinaus auf die Britzer und Rudower Wiesen führte.

Franz Späth ließ die ersten gepflasterten Zufahrtstraßen von Neukölln, Treptow und Britz zur Baumschule bauen und mit schattigen Promenadenwegen und vierfachen Baumreihen versehen. Im Jahr 1874 errichtete er ein Herrenhaus auf dem Betriebsgelände. Er umgab das Gebäude mit einem Garten, allem voran mit einem Rosarium und einem Arboretum, das er mit über 4000 Arten von Bäumen und Sträuchern aus aller Welt bepflanzte – und das heute zur Humboldt-Universität gehört.

Ein Reiseführer für die Königliche Haupt- und Residenzstadt erwähnte die Späth’sche Kunstgärtnerei als Sehenswürdigkeit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat Späth sein Ziel erreicht: Sein Betrieb ist die größte Sortimentsbaumschule der Welt.

Späth’sche Baumschulen/Archiv
Sehr gefragt waren die Späth’schen Baumschulen auch in der DDR. In jedem Frühjahr, hier in den 1970ern, standen die Kunden Schlange.

Spuren des Wirkens der Späth-Dynastie vor und nach dem Krieg (als Volkseigener Betrieb in der DDR) finden sich noch heute in ganz Berlin: die Linden Unter den Linden, das Rosarium im Tiergarten, die Begrünung des Humboldthains, des Märchenbrunnens im Volkspark Friedrichshain, der Sowjetischen Ehrenmale in Treptow und in der Schönholzer Heide sowie auch des Schlosses Niederschönhausen.

Nach der deutsch-deutschen Vereinigung kamen die Baumschulen unter Treuhandverwaltung. Im Jahr 1997 wurden sie an die Erben der Familie Späth zurückübertragen. Erst führte eine Erbengemeinschaft die Baumschulen weiter, dann wurden sie an ein Konsortium übertragen, seit 2015 führt Holger Zahn, der vor der Wende in dem Betrieb als Gärtner angefangen hat, die Geschäfte.

Das Archiv, das sich im Verwaltungsgebäude befindet, hütet die ganze Geschichte der Baumschulen. All die Nachlässe, Schriften und Urkunden, Stempel und Gerätschaften könnten ein hauseigenes Späth-Museum bestücken. Doch als Firmenchef muss Gartenbauingenieur Zahn die Zukunft im Auge haben. Den Blick zurück leistet er sich oft nur zu großen Anlässen wie dem 300-jährigen Jubiläum im vergangenen Jahr.

Wer auf dem Hof nach Spuren der Geschichte sucht, findet sie. Die alten Trennwände mit Blümchentapete zwischen den Büros im Verwaltungsgebäude sind entfernt, die Holzständer-Wände mit den Glasscheiben von 1865 unversehrt freigelegt. Hier stapeln sich Ordner, die schon lange nicht mehr aufgeschlagen wurden, dazu Kataloge und Bilder.

Gerd Engelsmann
Dr. Hellmut Späth war der letzte Späth, der die Baumschulen leitete. Seine Holzbüste steht im Büro des heutigen Geschäftsführers.

Eine Büste von Hellmut Späth, dem vorletzten Inhaber, schaut dem Geschäftsführer Zahn über die Schulter, wenn er am schweren Schreibtisch sitzt. Wegen „Umgangs mit Juden und versteckter Hetz- und Wühlarbeit gegen Deutschland“ war Späth 1943 verhaftet worden. Er wurde 1945 im KZ Sachsenhausen ermordet. Ein Stolperstein vor dem Eingang zum Bürogebäude erinnert an sein Schicksal.

Die wenigsten der 150.000 Besucher im Jahr nehmen den Stolperstein wohl wahr. Vielleicht liegt das auch an all den Vergnügungen, die Zahn und seine Familie jedes Jahr organisieren. Allerspätestens zum „Späth’schen Frühling“, traditionell veranstaltet am 8. und 9. Mai, blüht hier alles; beispielsweise leuchten 300 Tulpensorten um die Wette. Dann tummeln sich Groß und Klein zwischen den schnurgeraden Baumreihen, schlendern an den Staudentischen vorüber, verlieren sich bei den Heckenpflanzen, um irgendwann doch am Hofladen und dem Gasthaus zu stranden.

Im Juni findet die Rosenschau statt. Im Laufe des Jahres folgen Dahlienwochen und Kürbistage, dazu kommen Gärtner- und Tanzkurse sowie Konzerte. Jede Woche stellt ein Winzer seine Weine aus. Und zum Jahresende gibt es einen Weihnachtsmarkt.

Gerd Engelsmann
Holger Zahn, hier unter überwinternden Palmen, fing bei Späth als Hilfsgärtner an. Heute leitet er das Unternehmen.

Holger Zahn hat ein großes Herz für bedrohte urbane Gewächse. Was woanders keinen Platz mehr hat, das findet bei ihm eine Nische: Künstler aus dem ehemaligen Tacheles fertigen hier Skulpturen aus Holz und Metall; das Blasorchester der Berliner Verkehrsbetriebe und eine Rockband proben auf dem Hof; eine Märchenhütte aus dem Monbijoupark hat auch ein Plätzchen gefunden. Das Kerngeschäft ist aber wie eh und je die Baumschularbeit – vor allem für Großkunden.

Seit 2018 kommen die Späth’schen Pflanzen vorwiegend aus Königs Wusterhausen. Geschäftsführer Zahn sah sich gezwungen, die Freiland-Produktionsflächen in Berlin zu räumen. Für die zwölf Hektar Acker an der Neuen Späthstraße sollte er jedes Jahr 17.000 Euro Straßenreinigungsgebühr zahlen. Ein zwei Jahre währendes Verfahren mit der Stadt brachte keine Einigung, am Ende kam ein Vergleich zustande und Zahn räumte die Fläche. Inzwischen bewirtschaftet ein Landwirt den Acker. Er ist von der Gebühr befreit.

„Was ich nicht hier habe“, sagt Zahn, „hole ich innerhalb von einer Woche her.“ Aus ganz Europa bezieht er inzwischen seine Pflanzen. Aber natürlich verkauft er ganz besonders gern die hauseigenen Gewächse. Da ist zum Beispiel der Flieder der Sorte „Andenken an Ludwig Späth“; eine wiederentdeckte, besonders trockenheitsresistente Erle, die 1908 bei Späths gezüchtet wurde, oder auch die Winterlinde „Merkur“ und dazu eine ganze Reihe von Wildobstsorten.

Fest verwurzelt im Ortsteil Baumschulenweg, sind die Späth’schen Baumschulen damit eine echt Berliner Kreuzung – ein bisschen Unkraut, ein bisschen Edelrose, ein paar Dornen und jede Menge Blüten.


Info:

  • Späth’sche Baumschulen, Späthstraße 80/81, 12437 Berlin, Tel. 030 / 63 90 03 0, www.spaethsche-baumschulen.de
  • Einkauf ohne Corona-Test möglich: Der Pflanzenverkauf vor der historischen Packhalle hat nach Angaben der Späth’sche Baumschulen täglich geöffnet: Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr, Samstag von 9 bis 16 Uhr, Sonntag von 10 bis 14 Uhr. An Feiertagen ist der Pflanzenverkauf geschlossen.
  • Anfahrt: S-Bahn S45, 46, 47, 8 und 85 bis Baumschulenweg, mit Bus 170 und 265 weiter bis Baumschulenstraße/Königsheideweg; U-Bahn U7 bis Blaschkoallee, weiter mit Bus 170 bis Baumschulenstraße/Königsheideweg
  • Buchtipp: Späth’sche Baumschulen (Hrsg.): Späth-Buch 1720 bis 2020, Eigenverlag, Berlin 2020

Alle Geschichten und das B-History-Archiv finden Sie hier.