Berlin -  Herausgeputzt haben sich die Damen und Herren der gehobenen Berliner Gesellschaft, ganz nach dem Pariser Chic. Die Frauen erscheinen in Reifröcken, die Männer in Rock und Kniehosen. Zu Hunderten strömen sie am 23. Juli 1776 in den Norden des Tiergartens. Ihr Ziel ist eine Lichtung an der Spree, genannt Zirkel (heute: Großfürstenplatz). Dort wollen sie auf die Verlobung von Sophie Dorothee von Württemberg mit Zarewitsch Paul, dem russischen Thronfolger, anstoßen.

Berliner Verlag
Raus in die Geschichte!

Drängt es Sie auch nach draußen, an die frische Luft, ins frische Grün? Da trifft es sich gut, dass Berlin und Brandenburg so viele Gelegenheiten bieten, das Grau des Alltags abzuschütteln.

In der Frühjahrsausgabe des Geschichtsmagazins B History, aus der dieser hier veröffentlichte Artikel stammt, stellen wir auf 124 Seiten mit rund 260 Abbildungen Ausflüge in die Vergangenheit vor – zu Schlössern und Burgen, Parks und Wäldern, Brachen und Ruinen, Gewässern und Adressen, die Geschichte(n) erzählen.

Erhältlich ist B History für 9,90 Euro im Einzelhandel, bei uns im Leserservice unter der Telefonnummer +49 30 2327-77 und unter  https://aboshop.berliner-zeitung.de

Im Nu ist alles perdu: „Bei dem herrlichsten Wetter begonnen, machte ein plößlich heraufziehendes Gewitter der Lustbarkeit ein schnelles, tragikomisches Ende“, schreibt Ferdinand Meyer, Mitbegründer des Vereins für die Geschichte Berlins, in seinem Buch „Der Berliner Tiergarten von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart“, das 1892 erschien. Da hilft kein Geraffe und kein Gerenne. „Der lange Heimweg, den die Tausende im aufgeweichten Boden zurücklegen mußten, war mit Bändern, Coiffüren, seidenen Schuhen und Schnallen bedeckt.“

Die Berliner High Society zog es zu den Zelten in den Tiergarten

Warum traf sich die Gesellschaft am Rande des Tiergartens, damals „jwd“ gelegen, janz weit draußen? Weil sich dort die beliebten Zelte befanden, die ersten Ausflugslokale vor den Toren der Stadt, ein Magnet für die Stadt-Society. An Sonn- und Feiertagen stolzierten die hohen Damen und Herren durch das Stadttor an der Straße nach Brandenburg (später: Brandenburger Tor) in den Park. Fast genau 200 Jahre sollte die Beliebtheit des Ortes anhalten.

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Zu zweit oder mit der Familie in den Tiergarten gehen – vor 200 Jahren gehört das für Berliner zum Wochenende. Dieses Landschaftsidyll malte Johann Heinrich Stürmer.

Ein heutiger Spaziergang auf den Spuren der Zeltenwirtschaften muss am Zeltenplatz an der John-Foster-Dulles-Allee beginnen. Wo früher Kutschen hielten, tummeln sich heute Spaziergänger und Freizeitsportler. Der halbrund angelegte Platz besticht durch die schönen Alleen, Alleen, die noch immer ihre alten Namen tragen: Kastanien-, Rüstern-, Buchen-, Ahorn-, Platanen- und Eichenallee.

Schräg gegenüber befindet sich das Haus der Kulturen der Welt, wo Festivals, Konzerte und Freiluftkino stattfinden. Die Dachterrasse gewährt einen schönen Rundumblick auf den Tiergarten und die Spree sowie das Bundeskanzleramt. Ein kleiner Kiosk auf dem Dach versorgt Besucher mit Getränken und Speisen.

Hasen, Fasane, Füchse: Der Tiergarten war ein kurfürstliches Jagdrevier

Ursprünglich wurde der Tiergarten als kurfürstliches Jagdrevier genutzt, wohl schon Ende des 16. Jahrhunderts. Hofjäger setzten Wildtiere aus. Ein Palisadenzaun verhinderte, dass die Hasen und Fasane, Füchse, Rehe und Hirsche den Flinten entkamen. Unter Friedrich I., ab 1701 erster König in Preußen, wurde eine Schneise durch das Wildgehege geschlagen, um das Residenzschloss mit dem Schloss in Lietzow (Charlottenburg) zu verbinden.

Ausgerechnet „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., der Jagd zugeneigt, verfügte 1718, das Revier aufzugeben: „Sol nichts gemacht werden, sol kein tiergarten mehr sein.“ Friedrich II., sein Sohn, später der „Alte Fritz“, veranlasste, aus dem ehemaligen Wald- und Wildgebiet einen öffentlichen Lustgarten zu machen.

Knobelsdorff wandelte den Tiergarten in einen barocken Lustgarten um

Im Jahr 1742 ließ er den Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff den Palisadenzaun entfernen und einen barocken Garten anlegen. Das Venusbassin ist bei Flaneuren noch immer sehr beliebt. Direkt daneben befindet sich der Floraplatz, der durch Louis Tuaillons „Amazone zu Pferde“ Blicke auf sich zieht. Kinder sind begeistert von den acht Tierplastiken, die den Platz säumen. Nach dem Krieg verschwunden oder auf andere Plätze im Tiergarten verteilt, wurden sie 2020 wieder am Floraplatz aufgestellt.

Mit der Öffnung des Tiergartens im 18. Jahrhundert schlug die Stunde geschäftstüchtiger Hugenotten, die vor ihrer Verfolgung aus Frankreich nach Preußen geflohen waren. Friedrich II. erlaubte den Glaubensflüchtlingen, am Spreeufer Leinenzelte aufzustellen, um Erfrischungen zu verkaufen: Limonade und Kaffee, Wein und Weißbier, später auch Speisen. Die ersten „Zeltenwirte“, die ihre Geschäfte ab 1745 aufnahmen, waren die Refugiés Thomassin, Dortu und Mourier. Sie kamen vom gegenüberliegenden Ufer, der Terre de Moab, dem Moabiter Land, wie sie ihre neue Heimat in Anspielung auf die Bibel nannten.

Limo, Wein, Bier: Die Zelte waren beliebte Kioske 

Flair und Esprit brachten die französischen Einwanderer mit, was sich auch auf die Berliner Küche auswirkte. Eine gewisse Anspruchslosigkeit in der Adaption zeigte sich allerdings darin, dass die Berliner aus den feinen Fleischpasteten Buletten machten, aus edlem Beef Tatar Hackepeter, aus feinem Frikassee mit Flusskrebsen und Morcheln das Hühnerfrikassee. Mochten auswärtige Gäste über die Speisekarte die Nase rümpfen, den Berlinern mundete es. Das unumstößliche Gesetz: Freitag ist Fischtag. Auf den Tisch kamen Aal grün, Hecht mit Klößen, Schlei, Zander oder Quappen in Bier.

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Den Tiergarten prägen viele Alleen und Statuen. Die Siegesallee gibt es nicht mehr: Den 750 Meter langen Boulevard säumten 32 Denkmäler von Markgrafen und Kurfürsten Brandenburgs sowie Königen Preußens.

Aus der Anfangszeit des Tiergartens als öffentlicher Lustgarten stammt der noch heute gebräuchliche Ausdruck, „bis in die Puppen“ unterwegs gewesen zu sein, also erst spät oder früh nach Hause gekommen zu sein. Er bezieht sich auf die antiken Götterstatuen, die Architekt Knobelsdorff am Großen Stern aufstellen ließ und die der Volksmund „Puppen“ nannte. Der Weg vom Stadtzentrum bis zu den Zelten war zur damaligen Zeit so weit und so beschwerlich, das Verweilen so lang, dass Ausflügler oft erst nach Einbruch der Dunkelheit oder im Morgengrauen von ihrem Amüsement zurückkehrten.

Besucher und Berliner strömten in die Zeltenwirtschaften

Nicht nur Berliner, auch Besucher zog es in die Zeltenallee, die vom Kurfürstenplatz bis zur Friedensallee (heute: Simsonweg) verlief. In seinen „Bemerkungen eines Reisenden“ aus dem Jahr 1779 schreibt Johann Friedrich Karl Grimm: „Unter Tangelhütten sitzen an vielen Tischen allerlei Berliner aus allen Ständen. Schon die Mannigfaltigkeit der Röcke ist aufmunternd. Unter den Hütten, wo ich mich befand, pflegt sich der edlere Teil der Einwohner Berlins zu Versammeln, weiter hin ist schon ein Abfall, und ganz am Ende sitzt Krethi und Plethi.“

Ab dem 19. Jahrhundert wichen die windanfälligen Leinenzelte gemauerten Gasthäusern mit Biergärten, Musikpavillons und Ballsälen. Es gab das Kronprinzenzelt, später Bötzow-Zelt (In den Zelten 1), das Kaiser-Wilhelm-Zelt (In den Zelten 2), das Victoria-Zelt, später Schultheiß-Zelt (In den Zelten 3), den Gasthof Löwenbrauerei (In den Zelten 4) – und sogar Zelte „Hinter den Zelten“, wie das Spree-Zelt an der Bootsanlegestelle in der damaligen Richard-Wagner-Straße 10 (heute: Bettina-von-Arnim-Ufer).

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Wer es sich leisten konnte, beschäftigte um 1900 eine Amme aus dem Spreewald, die den Nachwuchs im Tiergarten ausfuhr. Ob sich die Eltern derweil in den Zelten vergnügten, ist nicht überliefert. Im feinen Sonntagskleid schlenderte man an den Zelten entlang. Dort herrschte großer Andrang.

Hinter den Zelten, wo heute ein Weg an der Spree entlangführt, lagen Gondeln, die Ausflügler nach Moabit übersetzten, hin und zurück für zehn Pfennig. Die Gondolieri riefen „Wer will mit nach Moabit?“, bis die „Wasseromnibusse“ so voll besetzt waren, dass sie bedenklich schwankten. Ein Leierkastenmann an Bord brachte die amüsierwillige Ausflugsschar ins Moabiter Land, wo weitere „Krüge“ warteten, sprich: Ausflugslokale.

Ursprung der Berliner Ausflugskultur liegt im Tiergarten 

Mit der Eröffnung der Krolloper 1844 nahe dem Brandenburger Tor festigten sich die Zelte als Ausflugs- und Amüsierzentrum Berlins. Ein Übriges taten in der Folgezeit der Königsplatz (heute: Platz der Republik) mit der Siegessäule und dem Reichstag sowie die Siegesallee mit den Denkmälern von Markgrafen, Kurfürsten und Königen Preußens.

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Ein Sitzdichein am Venusbassin. An der Südseite stand einst die Venus von Capua, die Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1904 durch ein Beethoven-Haydn-Mozart-Denkmal ersetzen ließ. Weil es einem Kachelofen ähnelt, heißt es auch „Musikerofen“.

Zudem entstand in den 1870er-Jahren am nördlichen Rand des Tiergartens ein Wohnquartier. Prominente Bürger lebten in den hochherrschaftlichen Häusern: der Kaufmann und Kunstmäzen Otto Wesendonck mit seiner Frau Mathilde, Schriftstellerin und Muse des Komponisten Richard Wagner; die Schriftstellerin Bettina von Arnim, der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, der Theater- und Filmemacher Max Reinhardt.

Mit schnieken Herrenkutschen zum Verlustieren in den Tiergarten

An schönen Tagen begaben sich Tausende Menschen in den Tiergarten. Personen „vom ersten Range“, wie der Journalist und Schriftsteller Julius Rodenberg 1882 berichtete, mischten sich unters Volk, selbst Mitglieder der kaiserlichen Familie. Die rollten in verzierten Phaetons vor, kleinen Herrenkutschen, von Prinzen und Prinzessinnen selbst gefahren. Rodenberg schreibt: „Hier fand man die Schönheiten der Stadt, die Toiletten, den Reichtum, den Geist, den Witz und die Torheit derselben. Hier war ein Abglanz des Hofes.“

Mit den Nationalsozialisten kam das Ende des Amüsements. In Schutt und Asche lagen nach dem Krieg alle Gast- und Wohnhäuser. Für den Bau der Kongresshalle, eröffnet 1956, wurden deren Fundamente beseitigt. Wenn man im Biergarten am Haus der Kulturen der Welt sitzt, den Blick auf die vorbeifahrenden Boote, im Ohr das Glucksen und Schwappen ihrer Bugwellen an den Ufermauern, das Rauschen des Tiergartens im Rücken, dann erschließt sich die Schönheit des Ortes. Und man weiß, warum hier alles anfing.


Info:

  • Adresse: Großer Tiergarten, Straße des 17. Juni, 10785 Berlin
  • Anfahrt: S-Bahn S5, S7 und S75 bis Tiergarten oder Bellevue, Bus 100, 106 und 187 bis Großer Stern
  • Buchtipp: Klaus von Krosigk: Der Berliner Tiergarten, Berlin Edition, Berlin 2001

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