Schokolade, Marzipan und Schaumzucker: Das süße Berlin

Berlin ist ein Paradies für alle Naschkatzen und -kater. In der aktuellen Ausgabe von B HISTORY stellt die Berliner Zeitung die sieben süßesten Orte vor.

Ein Paradies für alle Naschkatzen und -kater ist dieses Berliner Geschäft mit süßen Spezialitäten wie Schokolade von Rausch.
Ein Paradies für alle Naschkatzen und -kater ist dieses Berliner Geschäft mit süßen Spezialitäten wie Schokolade von Rausch.Rausch

1. Rausch Schokoladen, seit 1918

Charlottenstraße 60, 10117 Berlin

Wenn Robert Rausch zu seinem Büro im ersten Stock des Schokoladenhauses in der Charlottenstraße geht, kommt er an einem tropischen Wald mit einem Vulkan vorbei. Das raumhohe Foto ist nicht nur Dekoration – es zeigt die vielleicht wichtigste Investition des Berliner Geschäftsmanns: eine Edelkakao-Plantage samt Forschungsinstitut in Costa Rica. Von der Wand mit dem Regenwald- Foto sind es nur ein paar Schritte bis zum Gendarmenmarkt. Robert Rausch – ein bärtiger Mann in grauer Chinohose, weißem Hemd und buntem Kakaofrüchte-Tattoo auf dem Unterarm – kann den Platz von seinem Büro aus sehen. Der 35-Jährige ist der Chef von „Rausch Schokoladen“, exakter: der Geschäftsführer in fünfter Generation.

„Von der Tradition kann man sich nichts kaufen“, sagt Robert Rausch, der Industriekaufmann gelernt, Betriebswirtschaft studiert und in einer Marketingagentur gearbeitet hat, bevor er 2011 in das Familienunternehmen eintrat, das sein Ururgroßvater Wilhelm Rausch senior 1918 in Berlin gründete. Der Ururenkel richtet seinen Blick lieber nach vorne als zurück. Und damit „Rausch Schokoladen“ in der umkämpften Branche fortbestehen kann, hat er Entscheidungen getroffen, die das Wirtschaftsmagazin Capital als „Revolution“ gewertet hat: Seit 2015 sind die Original-Rausch-Spezialitäten weder im Supermarkt noch bei Feinkosthändlern zu finden; erwerben kann man sie nur im Berliner Schokoladenhaus oder im Onlineshop.

Rausch-Pralinen gibt es exklusiv nur im Berliner Schokoladenhaus am Gendarmenmarkt.
Rausch-Pralinen gibt es exklusiv nur im Berliner Schokoladenhaus am Gendarmenmarkt.imago/Götz Schleser

„Der Einzelhandel hat unsere Ware früher meist verramscht“, sagt Robert Rausch. Bei seinen Rundgängen durch die Supermärkte habe er gesehen, wie wenig sorgfältig mit den empfindlichen Produkten umgegangen wurde. Deshalb machte er damit vor sieben Jahren Schluss. Die Folge war ein kalkulierter Umsatzeinbruch im zweistelligen Millionenbereich. „Heute kann ich sagen: Gut, dass wir das gemacht haben“, bilanziert er. Dann greift er zu einer Praline, die in einer Etagere in seinem Büro steht, und bietet auch der Besucherin eine an: Die Schokoladenkugel verbirgt eine überraschend fruchtige Orangenfüllung, die sich im Mund wunderbar mit der schmelzenden Schokolade verbindet.

Die dreistöckige Servierplatte hat sich Robert Rausch in der Schau-Patisserie geben lassen. Die Manufaktur liegt ebenfalls im ersten Stock des Schokoladenhauses, unweit des Chefbüros, quasi kurz vorm Regenwald. Sie ist für Besucher des Hauses einsehbar. Hier werden fragile Köstlichkeiten für das Café im zweiten Stock zubereitet, hier wird an neuen Pralinen experimentiert, hier werden aber auch Auftragswerke wie Torten handgemacht. Die Mehrzahl der Pralinen und alle Tafelware werden jedoch andernorts hergestellt. Die meisten Pralinen – nach geheim gehaltenen Rezepten handgefertigt – stammen aus der Rausch-Manufaktur in Tempelhof, die Robert Rauschs Großvater Gerhard, der Erfinder von „La Petite Praliné“, 1968 eröffnete und die jüngst für eine siebenstellige Summe modernisiert wurde. Dagegen stammen die Schokoladentafeln wie auch die Minis aus der 1982 errichten Fabrik im niedersächsischen Peine.

„Die strikte Trennung ist mir wichtig“, sagt Robert Rausch: in Berlin die Manufaktur, in Peine die Produktion in großer Stückzahl. Er betont, dass in Niedersachsen Schokolade in unterschiedlichen Qualitäten verarbeitet wird. Dort produziert Rausch die Schokoprodukte, die der Discounter Lidl beispielsweise unter dem Namen „J. D. Gross“ verkauft und die circa 90 Prozent des Rausch-Umsatzes ausmachen. Die Original-Rausch-Schokolade hingegen enthält sortenreinen Edelkakao; der mache nur fünf Prozent der Welternte aus. In ihr sei auch nur Rohrzucker und Kakaobutter, keine anderen Fette, kein künstliches Aroma.

Traditionelles Handwerk einerseits und moderne Technik wie Solaranlagen andererseits wird ebenfalls auf der Plantage in Costa Rica gepflegt, die das Wandbild im Schokoladenhaus zeigt. 2014 haben die Rauschs dort etwa 40 Hektar ehemaliges Weideland unterhalb des Vulkans Turrialba gekauft, um daraus die erste eigene Kakaoplantage zu machen. Ein knapp fünfminütiger Film, der im Schokoladenhaus gezeigt wird, zeigt Männer mit erdigen Händen bei der Arbeit: beim Veredeln robuster Kakaopflanzen, beim Knacken der Football ähnlichen Früchte, beim Fermentieren der Bohnen in ihrer weißen Pulpa und bei ihrem Trocknen.

Made in Tempelhof. Zum 50. Jubiläum des Unternehmens eröffnete Gerhard Rausch 1968 die  Schokoladen-Manufaktur in der Wolframstraße in Tempelhof. Bis heute werden dort Schokoladen, Pralinen und Trüffeln hergestellt.
Made in Tempelhof. Zum 50. Jubiläum des Unternehmens eröffnete Gerhard Rausch 1968 die Schokoladen-Manufaktur in der Wolframstraße in Tempelhof. Bis heute werden dort Schokoladen, Pralinen und Trüffeln hergestellt.Rausch

Wie die Kakaobohnen aussehen, wenn sie in Säcken im Hamburger Hafen ankommen, erfährt man auch im Schokoladenhaus. Man darf sogar mit den Händen durch eine Kiste mit Bohnen fahren. Robert Rausch greift sich ein Exemplar. Er pult die Schale weg und zeigt den Kern, vom Fachmann Nibs genannt, aus denen in einem aufwendigen Prozess Schokolade gemacht wird.

Neben der Ernte dieser Farm – Chocolatiers sagen Estate – in Costa Rica verarbeitet Rausch zudem die Edelkakao-Bohnen von Vertragspartnern in Südamerika. Eine Weltkarte zeigt, in welchen Ländern knapp oberhalb und unterhalb des Äquators sie beheimatet sind. Informativ sind auch die alten Fotos, die im Café zu sehen sind. Eines zeigt den etwa vierjährigen Robert Rausch auf den Schultern seines Vaters Jürgen, aufgenommen ist das Bild vor der Tempelhofer Manufaktur. Sein Sohn Leo ist heute genau in diesem Alter. Und er hat seine Freunde schon zu seinen Geburtstagsfeiern ins Schokoladenhaus eingeladen.

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So schmeckte Berlin
Das neue B HISTORY, das junge Geschichtsmagazin der Berliner Zeitung, lädt diesmal zur kulinarischen Zeitreise ein. 
Auf 124 Seiten mit stolzen 287 Abbildungen erzählt das Magazin die Geschichte der Berliner Feinkost, der Markthallen und Kultrestaurants der Stadt. Dazu gibt es 14 deliziöse historische Rezepte und zwei aus der Nachkriegsküche. Erhältlich im Einzelhandel für 9,90 Euro, bei unserem Leserservice unter der Telefonnummer +49 30 2327-77 oder leserservice@berlinerverlag.com und im Aboshop der Berliner Zeitung.

2. Aseli, seit 1921

Granatenstraße 22–24, 13409 Berlin,
Aseli-Boutique, Rosenthaler Str. 40-41, Hof IV, 10178 Berlin

Dass Alfred Seliger Süßigkeiten liebte, sieht man ihm auf dem historischen Foto nicht an: Schlank ist der junge Mann, der in weißem, knielangem Konditorenkittel mit Schlips und Kragen vor einem Berliner Haus steht, die Hände in die Hüften gestützt. Auf der Fassade des Gebäudes in der Großen Frankfurter Straße (heute: Frankfurter Allee) ist zu lesen, was dort alles hergestellt wird: Confitüren, Chocolade und Marzipan, aber auch „Bedarfs-Artikel der Schuhbranche en gros“. Das berühmteste Produkt aus diesem Hause ist nicht aufgelistet: die weißen Schaumzuckermäuse, die Seliger vor gut hundert Jahren erfunden hat und die nach dem Familienrezept bis heute produziert werden.

Firmengründer Alfred Seliger um 1950 an seinem Schreibtisch. Aus seinen Anfangsbuchstaben ist der Name „Aseli“ entstanden.
Firmengründer Alfred Seliger um 1950 an seinem Schreibtisch. Aus seinen Anfangsbuchstaben ist der Name „Aseli“ entstanden.Aseli

Alfred Seliger war schon als Kind eine Naschkatze – so ist auf der Internetseite der Firma zu lesen. Sein Vater war Konditormeister und hatte seine eigene Süßwarenproduktion. Alfred soll ihm bei der Arbeit oft geholfen und dabei von eigenen Kreationen geträumt haben. „Er arbeitete hart, übte und probierte, oft bis tief in die Nacht, bis dann endlich ein Rezept geboren war“, heißt es in der Firmengeschichte.

Den Schaumzucker selbst hat der Berliner Konditormeister nicht erfunden, das sollen Franzosen gewesen sein. Sie produzierten aus geschlagenem Eiweiß, Zucker und den klebrigen Inhaltsstoffen der Eibischwurzel eine fluffige Masse. Als Marshmallow – der englischen Bezeichnung der Eibischpflanze – machte sie später als Süßigkeit Karriere, nicht nur in Amerika. Mit dem Saft aus der Wurzel der Heilpflanze wird die Schaumzuckermasse heutzutage nicht mehr angedickt, Anfang des 20. Jahrhunderts wurde er durch Gelatine ersetzt. Auch Alfred Seliger hat sie verwendet, so viel geben seine Nachfahren preis. Anfangs verkaufte der junge Mann seine Mäuse mit den schwarzen oder roten Augen von einem Bollerwagen aus, mit dem er durch Berlin zog; später waren sie auf Tresen von Bäckereien, Imbissen und Kiosken zu finden. Inzwischen gibt es sie im Supermarkt.

Die weißen Schaumzuckermäuse hat Alfred Seliger 1921 erfunden. Seit über hundert Jahren werden sie nach einem Familienrezept produziert.
Die weißen Schaumzuckermäuse hat Alfred Seliger 1921 erfunden. Seit über hundert Jahren werden sie nach einem Familienrezept produziert.ullstein

Das 1921 gegründete Confiserie-Unternehmen zog vor dem Zweiten Weltkrieg nach Reinickendorf um. Alfred Seliger, der den Namen seiner Firma aus seinem Vor- und Zunamen ableitete, führte sie bis zu seinem Tod 1971, zuletzt zusammen mit seinem Sohn. Inzwischen leitet sein Enkel Michael das Geschäft. Bis zu 16 Millionen Exemplare des fluffigen Getiers stellt Aseli im Jahr her. Längst sind es nicht mehr nur Mäuse, sondern gerade jetzt auch Schneemänner. Und wer woke Freunde necken will, greift zu Aselis „Busen & Po“ aus Schaumzucker. Kein Scherz.

3. Wald Königsberger Marzipan, seit 1947

Pestalozzistraße 54a, 10627 Berlin

Selbst der Sultan von Oman hat in dem kleinen Laden in der Charlottenburger Pestalozzistraße schon bestellt, schließlich gibt es dort eine Leckerei, die ihresgleichen sucht: Königsberger Marzipan. Das Mandelkonfekt ostpreußischer Machart, das Ralf und Zino Bentlin mit ihrem kleinen Team in der Nähe des Lietzensees herstellen, unterschiedet sich in mehreren Punkten von seinem Lübecker Pedant. Der augenfälligste Unterschied ist die geflämmte Oberfläche: Beim Bräunen unter der Gasflamme karamellisiert das Marzipan und wird leicht knusprig. Außerdem gaben die Königsberger Zuckerbäcker, anders als Lübecker, zu den Süß- noch etwas Bittermandeln sowie einen Hauch Rosenwasser dazu und verwendeten weniger Zucker.

Das Berliner Traditionsgeschäft wird in der vierten Generation von Zino Bentlin geführt.
Das Berliner Traditionsgeschäft wird in der vierten Generation von Zino Bentlin geführt.Sabine Gudath

So machte das auch der 1905 in Königsberg (heute Kaliningrad) geborene Paul Wald. Er hatte in seiner Heimstadt das Konditoreihandwerk erlernt und für seine Kreationen zahlreiche Preise bekommen. Das Königsberger Marzipan war seine Spezialität. Sein – natürlich streng geheimes – Rezept brachte er 1939 mit nach Berlin, wo er wenig später Irmgard Radant heiratete. Das tüchtige Unternehmerpaar gründete 1947 jene Charlottenburger Manufaktur, deren Produkte heute noch gerne genascht werden.

Die Gründer des Familienunternehmens sind in dem kleinen Geschäft im Haus Nummer 54a immer noch präsent: Fotos von Paul und Irmgard Wald hängen goldgerahmt rechts und links vom Tresen im Verkaufsraum. In den Glasvitrinen warten aufwendig verzierte Marzipanherzen, geflämmte Brote, Zöpfe, Stangen sowie kakaogepuderte Mandel-Kartoffeln auf Käufer. An den Wänden, über dem Sockel mit den beige-altrosafarbenen Längsstreifen, hängen historische Stadtansichten von Königsberg und Urkunden, die von der Handwerkskunst zeugen.

Jedes Jahr werden in der Pestalozzistraße drei Tonnen Marzipan-Rohmasse verarbeitet. Auch für die in der Weihnachtszeit besonders begehrten Marzipan-Pralinen.
Jedes Jahr werden in der Pestalozzistraße drei Tonnen Marzipan-Rohmasse verarbeitet. Auch für die in der Weihnachtszeit besonders begehrten Marzipan-Pralinen.Sabina Gudath

Nach dem Tod ihres Mannes 1985 machte Irmgard Wald ihre Konditormeisterprüfung, 68 war sie damals schon. Aber nur so konnte sie das Unternehmen weiterführen. Inzwischen steht die übernächste Generation in der Marzipanbäckerei: Ralf Bentlin, der mit einer Enkelin der Walds verheiratet ist, und sein Sohn Zino. „Jedes Jahr verarbeiten wir etwa drei Tonnen Marzipanrohmasse“, erzählt der Geschäftsführer Zino Bentlin (unten). Besonders gefragt seien die Pralinen in der Vorweihnachtszeit, dann muss er sein dreiköpfiges Team aufstocken. Denn auf Vorrat lässt sich Königsberger Marzipan nicht produzieren. Da es ohne Konservierungsstoffe zubereitet wird, ist es nur einige Wochen haltbar.

4. Walter Confiserie, seit 1915

Filialen: Tempelhofer Damm 182–184, 12099 Berlin; Brunnenstraße 13, 10119 Berlin; Olivaer Platz 17, 10707 Berlin; Teltower Damm 27, 14169 Berlin; Werksverkauf: Wolframstraße 95–96, 12105 Berlin

Wenn es bei der Berliner Industriellenfamilie Thiedig etwas zu feiern gibt, dann gehört seit Jahrzehnten eine Leckerei immer dazu: Pralinen von der Walter Confiserie. Seit 2018 gibt es noch einen weiteren Grund, warum Walter-Pralinés bei Thiedigs auf den Tisch kommen: Sie gehören im wahrsten Wortsinn zur Familie. Die Geschwister Philipp und Caroline Thiedig haben die 1915 gegründete Berliner Manufaktur gekauft.

„Wer Walter-Ware weise wählt, wird Walter weiter wünschen“ – für pfiffige Slogans wie diesen war der Chocolatier Hugo E. Walter ebenso bekannt wie für die Qualität seiner Produkte. „Bei Walter-Pralinen gibts lachende Mienen!“, steht noch heute auf einer Wand der Werkshalle in Tempelhof. Der signifikante, bis heute unveränderte Walter-Schriftzug findet sich auch in dem Laden in der Brunnenstraße in Mitte wieder, der neuesten der vier Filialen der Confiserie – und der ersten im Ostteil der Stadt. Mischpoke, Marzahnipan, Amüsemang, Veganös oder Remmi Demmi heißen die neuen Geschenkpackungen, die mit ihren schicken Farben und dem schlichten Design gut in das moderne Berlin passen.

Am Tempelhofer Damm eröffnete Chocolatier Hugo E. Walter die erste Filiale. Hier ein Foto aus den 1920er-Jahren.
Am Tempelhofer Damm eröffnete Chocolatier Hugo E. Walter die erste Filiale. Hier ein Foto aus den 1920er-Jahren.Walter Confiserie

„Walter war ein Marketing-Genie, wir versuchen, seinen Witz und seine Ideen ins Jetzt zu übertragen“, sagt Geschäftsführerin Caroline Thiedig. Ihr Ziel ist es, die Traditionsmarke einer jungen Klientel näherzubringen. Gleichzeitig soll an der bewährten Qualität – hochfeine Schokoladen und mandelreiches Marzipan, handgerührte Gelees und selbstgebackene Honigkuchen, beste Haselnüsse und edelster Kakao – festgehalten werden.

Etwa 30 Mitarbeiter stellen die Spezialitäten her, viele von ihnen sind schon seit Jahrzehnten dabei. Seit etwa zwei Jahren werden die süßen Sachen in einer ehemaligen Produktionsstätte von Rausch-Schokoladen in der Tempelhofer Wolframstraße gefertigt. Zwischen den beiden Traditionsmarken gibt es seit einiger Zeit eine Kooperation. Die frühere Walter-Produktionsstätte in der Mariendorfer Großbeerenstraße war zu klein geworden. In Tempelhof hat die Walter Confiserie auch ihren Ursprung. Am 1. Februar 1915 gründete Hugo E. Walter in der Theodorstraße 5a, Ecke Kaiserin-Augusta-Straße das Unternehmen. Am Tempelhofer Damm eröffnete er auch die erste Filiale. Dort gibt es noch heute eine, allerdings in einem anderen Haus. Aber dafür mit originaler Ostereier-Wickelmaschine.

5. Sarotti, seit 1852

Fabrikverkauf: Stollwerck GmbH, Motzener Str. 32, 12277 Berlin

Der Sarotti-Mohr schwenkt seine Fahne immer noch, zumindest in einem Kreuzberger Hinterhof am Mehringdamm. Das historische Markenzeichen kündet von den Anfängen der traditionsreichen Schokoladenfabrikation. Ab 1882 wurden hier – in der Belle-Alliance- Straße, wie sie damals hieß – die ersten Tafeln Sarotti-Schokolade produziert. Das Foto ganz oben rechts aus den 1910er-Jahren zeigt das Gießen von Schokoladenfiguren.

Werbung des Süßwarenherstellers Sarotti für Schokolade, Pralinen, Feingebäck, Kakao und Likör zur Weihnachtszeit – 1925. 
Werbung des Süßwarenherstellers Sarotti für Schokolade, Pralinen, Feingebäck, Kakao und Likör zur Weihnachtszeit – 1925. ullstein

Die Geschichte der Firma Sarotti begann viel früher: „Confiseur- Waaren-Handlung Felix & Sarotti“ hieß das Geschäft, das Heinrich Ludwig Neumann und sein Sohn Louis im September 1852 in der Friedrichstraße eröffneten. Sie verkauften dort feine französische Süßigkeiten. Der in Paris zum Konditor ausgebildete Hugo Hoffmann übernahm 1872 das „Felix & Sarotti“. In seinem Ladenlokal samt Manufaktur in der Mohrenstraße 10 verkaufte er fortan seine Produkte unter dem Namen „Sarotti“. Ein Wort übrigens, dessen Ursprünge unbekannt sind. Die Mohrenstraße, so wird gemutmaßt, inspirierte den Firmenchef dann zum Markenzeichen, dem Sarotti-Mohren. Der dunkelhäutige Diener mit Turban, Pluderhosen und Schnabelschuhen löste 1918 das bisherige Firmensignet – einen Bären mit Baumstamm und Bienen – ab.

Bis zu 1800 Menschen sollen in den Fabriketagen am Mehringdamm Schokolade hergestellt haben, bis die Produktion in die ab 1911 neu errichtete fünfstöckige Fabrik in der Tempelhofer Teilestraße (ganz oben) verlegt wurde. Selbst ein drei Tage wütender Großbrand im Januar 1922, der die Fabrik und einen begonnenen Erweiterungsbau in Schutt und Asche legte, bedeutete nicht das Ende von Sarotti. Schon im Dezember 1923 liefen dort wieder Schokoladentafeln, Pralinen und Marzipanerzeugnisse vom Band. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Sarotti zu einer der bekanntesten Marken in der Bundesrepublik, bis zu 300.000 Tafeln Schokolade täglich wurden in der Fabrik am Teltowkanal hergestellt.

Bis 2004 ließ der Schweizer Süßwarenkonzern Nestlé, der bereits 1929 die Aktienmehrheit an dem Berliner Unternehmen erworben hatte, dort noch produzieren. Sarotti-Schokolade lief zum Schluss allerdings nicht mehr vom Band. Seit 1998 gehört die Marke zur Kölner Stollwerck GmbH, die in den Folgejahren selbst mehrfach übernommen und verkauft wurde. Doch ein Teil der Tafeln mit der inzwischen vom Mohr zum Magier umgedeuteten Markenfigur kommt noch immer aus Berlin. Er wird im Tempelhofer Stollwerck-Werk in der Motzener Straße produziert.

Bis zu 1800 Menschen sollen in den Fabriketagen am Mehringdamm Schokolade hergestellt haben, bis die Produktion in die ab 1911 neu errichtete fünfstöckige Fabrik in der Tempelhofer Teilestraße (Foto) verlegt wurde.
Bis zu 1800 Menschen sollen in den Fabriketagen am Mehringdamm Schokolade hergestellt haben, bis die Produktion in die ab 1911 neu errichtete fünfstöckige Fabrik in der Tempelhofer Teilestraße (Foto) verlegt wurde.ullstein

Die erste Sarotti-Heimstatt am Mehringdamm steht inzwischen unter Denkmalschutz. In dem Sarotti-Höfe genannten Ensemble haben sich ein Hotel samt Café sowie diverse Kleinunternehmen angesiedelt. Die ebenfalls denkmalgeschützte Sarotti-Fabrik am Teltowkanal gehört inzwischen einem Import-Export-Unternehmen, das mit Maschinen handelt – und mit Kakao.

6. Sawade, seit 1880

Filialen: Friedrichstraße 166, 10117 Berlin; Kurfürstendamm 32, 10719 Berlin; Reichsstraße 95, 14052 Berlin; Hackesche Höfe, Hof II, Rosenthaler Straße 40–41, 10178 Berlin; im KaDeWe Berlin, Tauentzienstraße 21–24, 10789 Berlin; Bergmannstraße 9, 10961 Berlin; Werksverkauf: Wittestraße 26d, 13509 Berlin

Acht Prozent Zinsen? Benno und Melanie Hübel, die Inhaber von Sawade, Berlins ältester Pralinen-Manufaktur, machten ihren Geldgebern ein noch süßeres Angebot: Wer sich die Zinsen in Form von Champagner-Trüffeln, „Zarenhappen“ und Königin-Luise- Konfekt aus der Produktion auszahlen ließ, sollte sogar zwölf Prozent auf seine Vier-Jahres-Investition erhalten. 2019 war das, damals ging es aufwärts mit der 1880 gegründeten Confiserie, die einst Königlicher Hoflieferant war und auch russische Herrscher und niederländische Prinzessinnen belieferte. Das Unternehmerpaar Hübel hatte die Firma 2013 gekauft, da war sie insolvent. Die Hübels waren von der Qualität der Produkte überzeugt, aber Marketing und Vertrieb lagen im Argen.

In den Sawade-Filialen kommen Pralinenliebhaber voll auf ihre Kosten. Die Verpackungen vermitteln Lokalkolorit. Berliner Bär, Königin Luise und der Fernsehturm lassen grüßen. Alles klar! Sawade ist eine echte Berliner (Schokoladen-)Nummer.
In den Sawade-Filialen kommen Pralinenliebhaber voll auf ihre Kosten. Die Verpackungen vermitteln Lokalkolorit. Berliner Bär, Königin Luise und der Fernsehturm lassen grüßen. Alles klar! Sawade ist eine echte Berliner (Schokoladen-)Nummer.Sawade

Während in der Manufaktur in Reinickendorf weiter aus Butter, Sahne, Kakao und Co. edle Naschereien produziert wurden, entwickelte die Grafikdesignerin Melanie Hübel ein zeitgemäßes Design für die Traditionsmarke. Und sie entwarf einen Katalog für Händler. Nun nahmen wieder mehr Geschäfte Sawade ins Programm. Die Zahl der Mitarbeiter verdoppelte sich, der Umsatz wuchs kräftig auf mehr als vier Millionen Euro.

Mit dem Geld aus der Crowdinvesting-Kampagne von 2019 sollte Sawade weiter wachsen. Mehr als tausend Investoren machten mit; 1,3 Millionen Euro flossen Sawade zu. Doch dann kam die Corona-Pandemie, der Umsatz brach ein. Und staatliche Hilfen bekam Sawade nicht. Im Jahr 2020 retteten sich die Hübels in eine ���Insolvenz in Eigenregie“: Während die Produktion weiterlief, wurden finanzstarke Partner gesucht. Und gefunden.

Grafikdesignerin Melanie Hübel verpasste der Traditionsmarke Sawade ein zeitgemäßes Design. Und das sieht man.
Grafikdesignerin Melanie Hübel verpasste der Traditionsmarke Sawade ein zeitgemäßes Design. Und das sieht man.Sawade

„Der Umsatz entwickelt sich sehr gut, online wie in den Filialen“, sagt Melanie Hübel. Aber mit Sorge sieht sie die Entwicklung der Energiepreise. Nichtsdestotrotz wurden zuletzt zwei neue Filialen an renommierten Adressen eröffnet: am Kudamm und in der Friedrichstraße. Von letzterer ist es nicht weit bis zum Boulevard Unter den Linden, auf dem Ladislaus Maximilianus Ziemkiewicz einst sein erstes Geschäft eröffnete. Er hatte die Kunst der Herstellung feiner Pralinen in Paris erlernt. Der Firmengeschichte zufolge benannte er seine Confiserie nach einer Nachbarin: Madame Marie de Savadé.

7. Erich Hamann, seit 1912

Brandenburgische Straße 17, 10707 Berlin

Ein Besuch im Erich-Hamann-Haus in der Brandenburgischen Straße 17 verspricht Leckerbissen in doppelter Hinsicht: geschmacklich wie optisch (unten). Denn die Innenausstattung des Wilmersdorfer Schokoladengeschäfts ist eine Rarität. Entworfen hat sie 1927 der Bauhaus-Meister Johannes Itten. Bis heute sind die Theken und Vitrinen aus Vogelaugenahorn nahezu originalgetreu erhalten. Hinter den Glasscheiben warten Köstlichkeiten aus Schokolade. Ob Praline oder schokoladige Mokkabohne, gewalzte Borke oder hauchdünnes Plättchen: Alles kommt in einer weißen Verpackung mit feinem Rastermuster und blauer Schleife sowie Erich Hamanns schwungvoller Unterschrift daher.

Die Innenausstattung des Wilmersdorfer Schokoladengeschäfts ist eine Rarität. Entworfen hat sie 1927 der Bauhaus-Meister Johannes Itten.
Die Innenausstattung des Wilmersdorfer Schokoladengeschäfts ist eine Rarität. Entworfen hat sie 1927 der Bauhaus-Meister Johannes Itten.ullstein

Der Schriftzug findet sich auch an einer Wand im Laden wieder, gleich neben dem Foto des Firmengründers Erich Hamann. Es zeigt einen ernsten Mann im Anzug, dessen angegrauter, mächtiger Vollbart Schlips und Kragen verdeckt, in seiner linken Hand dampft eine Zigarre. „Nur das Beste vom Besten“ war ein Slogan von Hamann, der aus einer kinderreichen Familie im ostpreußischen Memel stammte.

Im Jahr 1912 begann der Konditor Erich Hamann in der Kurfürstenstraße in Schöneberg mit der Produktion seiner Schokolade. Dabei spezialisierte er sich auf feinherbe Varianten; dafür verwendete er weniger Zucker und fügte zur Kakaomasse noch Kakaopulver hinzu. „Da bittere Schokoladen durch ihren hohen Kakao- und geringen Milchanteil nicht als Dickmacher gelten, wurde unser Produkt bei den jungen, figurbewussten Damen von damals schnell zum Renner“, erzählte Andreas Hamann, der Enkel des Firmengründers und heutige Inhaber der Manufaktur, in einem Interview.

In der Brandenburgischen Straße befindet sich auch die Schokoladen-Fabrik. Hier die sogenannte Borkenmaschine.
In der Brandenburgischen Straße befindet sich auch die Schokoladen-Fabrik. Hier die sogenannte Borkenmaschine.ullstein

Zwischen 1924 und 1935 eröffnete Erich Hamann sechs weitere Läden. Im Zweiten Weltkrieg ging fast alles verloren: Ein Teil des Personals musste an die Front, die Geschäfte wurden von Bomben getroffen, die Rohstoffe blieben aus. Hamann überlebte den Krieg, doch er erkrankte so schwer, dass er den von seiner Frau Anna forcierten Neubeginn nicht mehr wirklich erfassen konnte. Von einst sieben Geschäften blieb nur das in der Brandenburgischen Straße. Die Mitarbeiter produzieren dort noch immer nur mit besten Rohstoffen, wie es auf der Internetseite des Unternehmens heißt. Online bestellen kann man die Edelbitteren allerdings nicht. Es gibt sie nur im ausgewählten Fachhandel. Oder in dem Geschäft mit Bauhausflair in der Brandenburgischen Straße.