Das Interieur lässt sich extravaganter kaum vorstellen. Sämtliche Wandflächen, von der Fußleiste bis zur Decke, sind tomatenrot grundiert. Überdimensionierte Blumen wuchern darauf. Gräser mit weißen Blüten an den Halmen erinnern an XXL-Primeln. An den Ästen eines Baumes, gemalt bis an die Zimmerdecke, wehen weiße Pompons. Seine Zweige fließen über die Zimmerecke. Weiße Vögel steigen auf. Am Boden üppige Farne, in den Astgabeln Körbchen mit Früchten. Die psychedelisch anmutende Flower-Power-Landschaft ergießt sich über die Wände. In dieser eskapistischen Traumlandschaft steht ein Möbel-Quartett aus Récamiere, Sessel, Stuhl und rundem Coffeetable. Vom Sofa träumen sich die Bewohner in eine entrückte Welt. „Beam me up, Ruth!“, so scheint rückblickend das Motto für das „Teezimmer für die Dame“ der Bauhausschülerin, Künstlerin und Designerin Ruth Hildegard Geyer-Raack zu lauten, das das Einrichtungs- und Modemagazin Neue Frauenkleidung und Frauenkultur 1928 vorstellte.

Eine vergessene Zauberin der Raumkultur

Es wäre untertrieben, Ruth Hildegard Geyer-Raack zur Avantgarde ihrer Zeit zu zählen. Angemessener ist es, sie eine Zauberin der gehobenen Raumkultur zu nennen. Sie pfeift auf Konventionen, bricht in andere Sphären auf. Ihre Raumfindungen heben sich vom Gewöhnlichen distinguiert ab, ganz nach Geschmack der Auftraggeber, vom Konstruktivistischen übers Abstrakte bis hin zum Art déco. Da malt sie entzückende Rehlein in die Fantasiewelten, bukolisch-nackte Paare, die sich an der Hand nehmen, pralle Blüten kurz vor dem Bersten. Aber auch das nicht gegenständliche Zusammenspiel aus Farben und Formen geht ihr leicht von der Hand.

Berliner Verlag/Coverfoto: Yva
So wohnte Berlin

Es ist ein Urbedürfnis des Menschen: ein Dach über dem Kopf. Darunter findet sich Geborgenheit aber nicht von allein. „Ein Haus wird gebaut, aber ein Zuhause wird geformt“, wie das Sprichwort besagt. Ein Zuhause in Berlin war schon immer in vielerlei Hinsicht besonders.

Das neue B HISTORY mit dem Titel „Zu Hause in Berlin“, aus der dieser Artikel stammt, bietet akribisch recherchierte, opulent illustrierte und mitreißend erzählte Berliner Wohngeschichte(n).

Das Geschichtsmagazin der Berliner Zeitung – 124 Seiten mit 277 Abbildungen – gibt es im Einzelhandel für 9,90 Euro, im Leserservice unter der Telefonnummer +49 30 2327-77 und unter der E-Mail-Adresse leserservice@berlinerverlag.com zuzüglich Versandkosten. Sowie im Aboshop.

Die Geyer-Raack’schen Wandbilder sind im Deutschland der 1920er- und 30er-Jahre der letzte Schrei. Sie bedient nicht nur Hautevolee und Großbürgertum, sie malt auch die Salons von Ozeandampfern aus, verleiht Ministerien, Hotels und Botschaften, aber auch jedem Wohnraum traumwandlerische Leichtigkeit und Esprit. Das in Frankreich spätestens seit 1920 etablierte Art déco steht auch im Deutschen Reich der Weimarer Republik hoch im Kurs und findet in der kaiserlichen Reichshauptstadt eine leichtere, anmutigere Variation. Es ist die Zeit, als der Ex-KuK-Husar Oskar Kaufmann das Hebbel- und das Renaissance-Theater baut – zwei Schatzkästlein des neuen Stils. Das illustre Leben spielt sich in den Vergnügungsetablissements der Stadt ab. So schillernd wie das Berliner Nachtleben ist auch die Einrichtung der Theater, Kaffeehäuser und Bars, an Glanz und Schnörkeleien, edlen Materialien und Dekorationen kaum zu übertreffen.

Fotograf*in unbekannt, Porträt Ruth Hildegard Geyer-Raack, um 1930 / Repro: Anja E. Witte
Ruth Hildegard Geyer-Raack um 1930

Hier rührt Ruth Hildegard Geyer-Raack als Innenarchitektin mit großer Kelle an. Dazu entwirft sie als Designerin im Auftrag bekannter Firmen des Stoff- und Tapetendrucks und der Teppichweberei für den boomenden Textil- und Einrichtungsmarkt. Zeitgenössische Magazine bringen ständig mehrseitige Reportagen über sie und ihre schicken Kreationen. 1929 berichtet sogar die amerikanische Vogue über einen von ihr gestalteten Empfangsraum.

Die erfolgreiche Künstlerin und Unternehmerin, die von 1924 bis zu ihrem Tod 1975 ein eigenes Atelier betrieb, ist, wie viele bemerkenswerte Frauen ihrer Zeit, in Vergessenheit geraten. Der Berlinischen Galerie ist es zu verdanken, dass ihr Werk in diesem Jahr erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist. In einem Kabinett des Museums werden neben textilen Musterentwürfen auch 15 Schwarz-Weiß-Fotografien gezeigt, die eine Vorstellung der von ihr eingerichteten Räume vermitteln. Es sind einzigartige Zeugnisse ihrer Arbeiten, denn nicht ein Wandbild ist erhalten geblieben. Zwar befinden sich Stoff- und Tapetenmuster in renommierten Sammlungen wie dem Bauhaus-Archiv Berlin oder dem Art Institute of Chicago, doch bei ihren Raumschöpfungen sind wir auf die verstreuten Fotografien und Artikel in der zeitgenössischen Mode- und Architekturpresse angewiesen. Dazu sind ihre biografischen Angaben lückenhaft. Orientierung verschaffen Ausstellungskataloge und wissenschaftliche Arbeiten, doch um die Lücken zu schließen, muss man in die Archive.

Beste Ausbildung, die eine Frau haben konnte

Ruth Hildegard Raack wird 1894 in Nordhausen am Harz geboren. Ihr Vater ist Pastor und unterstützt die Ausbildung seiner Tochter beherzt. Als er eine Stelle als Superintendent angeboten bekommt, zieht die Familie 1913 nach Schöneberg, damals noch eine eigenständige Stadt vor den Toren Berlins. Ruth Hildegard wird nach dem Abitur ein Austauschjahr in England ermöglicht. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 geht sie an die renommierte Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums, wo sie als Studentin bei Emil Rudolf Weiss und später – wie Ludwig Mies van der Rohe, George Grosz oder Hannah Höch – bei dem einflussreichen Architekten und Möbeldesigner Bruno Paul Malerei, Schrift und Möbelentwurf studiert.

Rechtsnachfolger*innen Max Krajewsky / Repro: Anja E. Witte
Elegant: Diesen „Schlafraum mit Blick auf das Damenzimmer“ gestaltete Geyer-Raack 1936 für das Berliner Einrichtungshaus Meisterräume.

Bruno Paul wird Raacks Mentor, er fördert die talentierte Studentin. Später werden sie oft zusammenarbeiten und über Paul kommt sie mit dem Bauhaus in Kontakt. Direkt nach ihrem Abschluss bewirbt sie sich euphorisch an der Bauhausschule in Weimar, „weil ich seit dem Augenblick, wo ich von den Bauhausplänen hörte, von ihnen begeistert war“. Sie wird aufgenommen und besucht von 1920 bis 1922 Kurse in der Werkstatt für Wandmalerei, die alternierend von Johannes Itten und Oskar Schlemmer geleitet werden, und Vorlesungen bei Walter Gropius. Neben dem Studium betätigt sie sich als freiberufliche Musterzeichnerin: Teppiche, Vorhänge, Tischtücher – der gesamte Textilbereich boomt in den 1920er-Jahren. Geyer-Raack arbeitet für die Deutschen Werkstätten und ist als eine von wenigen Frauen Mitglied im Deutschen Werkbund.

Warum geriet Geyer-Raack in Vergessenheit?

Geriet sie in Vergessenheit, weil sie sich den Dogmen der Neuen Sachlichkeit verschloss?

Freilich, geometrisch, konkret, das kann Geyer-Raack. Aber sie pfeift auf Konventionen und liefert entgegen der Bauhaus-Doktrin gerne auch Dekoratives für Ottilie Normalverbraucher. Sie entwirft Tapeten und Stoffe, später auch Möbel, und spezialisiert sich auf die außergewöhnlichen Wandbilder für die Oberschicht.

Im Jahr 1922 heiratet sie mit dem Regierungsrat und Fliegeroffizier Hugo Geyer in beste, freilich rechtsnationale, antidemokratische Kreise. Dank bester Auftragslage infolge ihrer guten Ausbildung, ihres gesellschaftlichen Netzwerks und ihres untrüglichen Gespürs für Trends kann sie sich zwei Jahre später mit einem eigenen Atelier selbstständig machen. 1931 übernimmt sie die Leitung der IRA, der Internationalen Raumausstellung in Köln, einer kosmopolitischen, dem Wohn-Chic verpflichteten Leitmesse. Unter ihrer Leitung präsentieren 25 Gestalter aus zwölf Ländern Raum-Ensembles und Einzelmöbel. Vertreten ist Europas Architektur- und Designelite. Ihr Lehrer Bruno Paul ist dabei, auch der Stahlrohrmöbel-Pionier Marcel Breuer, die Architekten Le Corbusier aus Paris, Ernst Lichtblau und Adolf Loos aus Österreich. Dazu sind avantgardistische Kunstwerke von Pablo Picasso bis Piet Mondrian zu sehen.

Als einzige Frau präsentiert Geyer-Raack einen eigenen Raum, den „Wohn- und Schlafraum einer Dame“. Die Einrichtung entspricht dem progressiven Zeitgeist. Er ist für die selbstständige, selbstredend ledige Frau gedacht. Mit diesem Entwurf zeigt sie erneut, dass sie auch Bauhaus kann. Die Ausstellung ist der Höhepunkt ihrer Karriere. Die Machtübernahme Hitlers 1933 verändert auch die kunstpolitischen Rahmenbedingungen, wirtschaftlich ficht Geyer-Raack das nicht an, ihre erfolgreiche Karriere setzt sich fort. Ein weiterer Grund dafür, dass sie vergessen wurde?

Ihr Mann macht Karriere im NS-Staat

Zeitschriften wie die Innen-Dekoration oder Deutsche Kunst und Dekoration berichten regelmäßig über Geyer-Raacks Arbeit. Ihr Gatte macht Karriere im Reichsluftfahrtministerium, er wird 1939 Ministerialdirigent. Auch ihr Bruder macht Karriere, als Oberregierungsrat im Reichsversicherungsamt und als Kriegsverwaltungsrat. Sie darf – willkommener Job in auftragsarmen Kriegsjahren – die Kantine einer Fliegerschule ausmalen und sogar einen Saal im Schloss von Krakau, wo der Generalgouverneur von „Restpolen“ residiert: Hans Frank, berüchtigt als Schlächter von Polen. Hatte Geyer-Raack Skrupel, als sie diesen Auftrag übernahm? Zweifellos profitierte sie vom Nationalsozialismus. Sie war Mitglied in der Reichskulturkammer – ihr Aufnahmeantrag liegt im Landesarchiv Berlin –, in der NS-Frauenschaft und der NS-Wohlfahrt. Und in der NSDAP. Ihr Eintritt erfolgte am 1. Mai 1933.

Rechtsnachfolger*innen Atelier Tölle / Repro: Anja E. Witte
Auch Geyer-Raacks Möbel, hier eine Hausbar, waren der letzte Schrei.

Nach dem Krieg führen Ruth Hildegard Geyer-Raack und ihr Mann sowie ihre Geschwister einen Prozess, der sich über Jahre hinzieht. Es geht um ein Waldgrundstück, das sie von ihrem Vater geerbt hat und das zuvor dem jüdischen Arzt Dr. Emil Nawratzki gehörte, der sich 1938 das Leben genommen hatte. Im Jahr 1952 werden sie schließlich verpflichtet, drei Viertel des Grundstücks Nawratzkis Erben zu überlassen.

Drei Jahre später veröffentlicht sie das Buch „Möbel und Raum“. Und nach wie vor entwirft sie Stoffe und Möbel. Zu ihren Großaufträgen zählen die Inneneinrichtung für die West-Berliner Gesandtschaft Jugoslawiens und der Umbau des Hotels am Zoo. Obwohl auf einem Auge erblindet, arbeitet sie weiter, bis zu ihrem Tod 1975.


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