Dieses Blau. Als wäre es dem Tyrrhenischen Meer bei Neapel entnommen. Ein Blau wie eine Sommerfrische. So belebend wirkt diese Nische, auch wenn sie eine Nachbildung ist. Das Halboval, gerahmt von zwei Kaminen, zieren eine mit gelben Sternen bedruckte blaue Draperie und eine mit blauer Seide bezogene weiße Sitzbank. Nach pompejanischem Vorbild entwarf Karl Friedrich Schinkel die Exedra. Sie ist das Schmuckstück im Gartensaal des Neuen Pavillons am Schloss Charlottenburg.

Berliner Verlag/Coverfoto: Yva
So wohnte Berlin

Es ist ein Urbedürfnis des Menschen: ein Dach über dem Kopf. Darunter findet sich Geborgenheit aber nicht von allein. „Ein Haus wird gebaut, aber ein Zuhause wird geformt“, wie das Sprichwort besagt. Ein Zuhause in Berlin war schon immer in vielerlei Hinsicht besonders.

Das neue B HISTORY mit dem Titel „Zu Hause in Berlin“, aus der dieser Artikel stammt, bietet akribisch recherchierte, opulent illustrierte und mitreißend erzählte Berliner Wohngeschichte(n).

Das Geschichtsmagazin der Berliner Zeitung – 124 Seiten mit 277 Abbildungen – gibt es im Einzelhandel für 9,90 Euro, im Leserservice unter der Telefonnummer +49 30 2327-77 und unter der E-Mail-Adresse leserservice@berlinerverlag.com zuzüglich Versandkosten sowie im Aboshop.

Berlin 1824. Schinkel ist in Gedanken schon in Italien, da ereilt ihn vor seiner Abreise ein Auftrag des Königs: Möge der Maestro ein Sommerhaus für Seine Majestät bauen. Das Refugium solle so sein wie die Villa Reale del Chiatamone am Golf von Neapel, wo Friedrich Wilhelm III. im Herbst 1822 heitere Tage verlebte.

Rasch entwirft des Königs Architekt auf einem Grundriss von 57 mal 52 Fuß (17,95 mal 16,36 Meter) einen zweistöckigen Kubus. Die Seiten nähern sich jeweils den Längen- und Breitenproportionen von drei zu zwei an. Aufgelockert wird die weiße Fassade durch eine Säulenloggia mit Markisen, grüne Fensterläden und einen umlaufenden Balkon, eisern, blau lackiert, unterseitig mit goldfarbenen Schinkel-Sternen bemalt. Die Bauleitung übernimmt Baukondukteur Albert Schadow.

Als Standort für das Sommerhaus wird das östliche Ende der Terrasse des Schlosses Charlottenburg bestimmt, wegen der Nähe zum Spreeufer und zum Landhaus für den Bankier Louis Bacher, das Schinkel 1823 errichten ließ. Er macht sich nach seiner Rückkehr aus Italien an den Innenausbau des Pavillons.

Am 9. November 1824 heiratet Friedrich Wilhelm III., vierzehn Jahre nach dem Tod der von ihm so geliebten und vom Volk vergötterten Luise. Er geht eine nicht standesgemäße Ehe ein. Seine Auserwählte, Auguste Gräfin von Harrach, kommt aus einem nicht regierenden Hause, sie wird daher nicht Königin, sondern erhält die Titel Fürstin von Liegnitz und Gräfin von Hohenzollern. Zu alledem ist er – Berlin rümpft die Nase – dreißig Jahre älter als sie, und sie – mein Gott! – katholisch. So ist zu erklären, dass der Hof die Trauung in der Kapelle des Charlottenburger Schlosses, nun ja, nicht an die große Glocke hängt. Ein Jahr später, zum ersten Hochzeitstag, ist das Sommerhaus bezugsfertig.

CC-BY 4.0/Leopold Zielke
Ein schlichtes Sommerhaus wollte König Friedrich Wilhelm III. von seinem Baumeister Karl Friedrich Schinkel. Der lieferte den Neuen Pavillon im Schlossgarten Charlottenburg, das Aquarell zeigt das Gebäude im Jahr 1834.

Die Geschichte meint es nicht gut mit dem Pavillon. Nach dem Tod des Königs 1840 steht er leer, später wird er als Bibliothek genutzt. Die Idylle des Standorts verblasst ab 1900 mit dem Brückenbau über der Spree und der Verlängerung der Kaiser-Friedrich-Straße, der auch das Landhaus Behrend weichen muss. Durch einen Fliegerangriff 1943 brennt das Gebäude bis auf die Außenmauern nieder. Es wird von 1957 bis 1970 rekonstruiert. Seit 2011 ist es grundlegend saniert und steht Besuchern offen – als „Juwel der Schinkelzeit“.

Allerhand gibt es zu bestaunen: inventargetreu eingerichtete Räume, das vielseitige Schaffen Schinkels als Architekt, Maler und Gestalter, herausragende Gemälde von Caspar David Friedrich, Eduard Gaertner und Karl Blechen. Und im Gartensaal steht als Glanzstück ein von Schinkel gestalteter runder Teetisch mit einer Tischplatte aus Porzellan.

Dieses Blau im Gartensaal. Es bedarf wenig Fantasie, um sich vorzustellen, wie Friedrich Wilhelm und Auguste hier beglückt ihren Tee nahmen. Doch das Paar nutzte das Sommerhaus formell nicht gemeinsam. Das Inventar erwähnt offizielle und private Zimmer des Königs sowie „Bedientenzimmer“, aber keine Wohnräume für sie. Der Pavillon war ein Plätzchen für den König am Ende des aristokratischen Zeitalters: Der Mann sehnte sich nach bürgerlichem Komfort und Intimität statt Pomp.


Neuer Pavillon im Schlossgarten Charlottenburg, Spandauer Damm 10–22, 14059 Berlin; Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17.30 Uhr (1. April bis 31. Oktober); Dienstag bis Sonntag, 12 bis 16 Uhr (1. November bis 31. März); Eintritt: 4, ermäßigt 3 Euro


Alle Texte und das B-History-Archiv finden Sie hier.